Noch heute kommt der frühere Erste Hauptkommissar im BGS Manto zu Castell-Rüdenhausen ins Schwärmen, wenn er sich an Grenzöffnung und Wiedervereinigung erinnert. "Wir wurden genauso überrascht wie alle anderen", sagt er. Zunächst suchten Grenzer Ost und West eine "Zusammenarbeit unter Wahrung der beiderseitigen Zuständigkeiten". Sein "Pendant" war der Oberoffizier Grenze, ein Hauptmann und späterer Major Christoph B. Die Kooperation nennt Castell-Rüdenhausen "optimal". Informationen habe man ausgetauscht, Übergangsstellen wurden eingerichtet.

Ein Highlight sei der Tag der Grenzöffnung gewesen. Hunderte von Trabbis versperrten die Wege. Die BGS-Beamten konnten nicht zu ihren Arbeitsplätzen gelangen, mussten einen Hubschrauber kommen lassen. DDR-Bürger hätten sie umarmt. "Es war ein wunderbares Gefühl und sehr aufrührend."

Und dann kamen die Übersiedler per Zug aus der Prager Botschaft oder per Pkw. Der zentrale Platz in der Unterkunft, sie eine erste Aufnahme fanden, wo war voll mit lauter Trabis.

Die Oerlenbacher Beamten nahmen Kontakt mit DDR-Grenzern auf. Man begrüßte sich per Handschlag, auch wenn die Atmosphäre zunächst ein wenig angespannt war. Sein schönstes Erlebnis damals, sagt Castell-Rüdenhausen, seien die kleinen Grenzöffnungen gewesen. So in Trappstadt: Bei Nacht und Nebel, aber mit Blasmusik wurde in Eigenregie ein Weg freigemacht - mitten durch ein einst vermintes Gebiet.

"Geschichte geschrieben" hat damals auch Erwin Ritter: Er ist am Sonntag, 1. Juli, um 10 Uhr die letzte BGS-Streife an der deutsch-deutschen Grenze in Unterfranken gefahren. Noch heute hat er daheim eine DDR-Fahne als ein Souvenir.

Gut in Erinnerung ist Castell-Rüdenhausen lange nach Grenzöffnung die Minensuche zwischen den Sperranlagen. Es gab ganz erhebliche Differenzen zwischen Soll und Ist: 30 000 Sprengkörper waren mehr verlegt worden, als beräumt werden. Er habe immer gewarnt, diesen Bereich zu betreten. Viele Menschen, darunter Schulklassen, seien mittendurch gewandert. "Ich würde heute noch nicht in dieses Gebiet hineingehen" zwischen Kontroll- und Streifenweg", sagt Manto Castell-Rüdenhausen.

Vor der Grenzöffnung sei der Dienst "zunächst einmal Routine" gewesen mit den Schwerpunkten Streifengänge und Beobachten." Außerdem wurden viele bundesdeutsche Besucher davor bewahrt, sich zu weit nach vorne zu wagen. Denn nicht der Sperrzaun war die Grenze, die lag weiter in Richtung Westen.

Schlimme Erinnerungen hat an den Dienst an der Grenze hat Castell-Rüdenhausen nicht. Zuständig bei Fluchten und für die Übergänge war nicht der BGS, sondern die bayerische Grenzpolizei. Der BGS kümmerte sich "nur" um die Grenze, beobachtete und dokumentierte Veränderungen an den Hindernissen wie Montage und Demontage der SM-70-Selbstschussanlagen. SM steht für Splittermine.