Der Prozess im Fall des getöteten Automatensprengers geht dem Ende entgegen. Am Mittwoch haben Staatsanwaltschaft, Nebenklage sowie die Verteidiger der beiden Angeklagten vor der ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Hanau die Schlussplädoyers gehalten.

In einem Punkt - Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze nennt es den ersten Tatkomplex - sind sich der Vertreter der Anklage sowie die Verteidiger der Beschuldigten einig: Gemeinsam mit dem getöteten Komplizen aus Zeitlofs haben die 35 und 52 Jahre alten Schlüchterner in der Nacht auf den 17. September vorigen Jahres versucht, im tauberfränkischen Gaubüttelbrunn auf einem abgelegenen Bahnsteig einen Fahrkartenautomaten zu sprengen - wegen 4000 Euro, die sie darin vermuteten.

Nur kurze Einigkeit

Auch für das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion in Tateinheit mit Diebstahl und Sachbeschädigung müssen sie eine Strafe verbüßen. Unstrittig ist auch, dass das Vorhaben gewaltig schiefging und mit dem Tod des 47-jährigen Zeitlofsers endete. Dann ist es mit der Einigkeit unter den Juristen aber schon vorbei. Denn den Tatkomplex zwei bewerten Heinze und die Vertreterin der als Nebenklägerin auftretenden Mutter des Getöteten grundlegend anders als die Verteidiger. Staatsanwalt und Rechtsanwältin gehen von einem versuchten Verdeckungsmord aus - und der geht von Vorsatz aus. Die Rechtsanwälte hingegen sprechen von bewusster Fahrlässigkeit und unterlassener Hilfeleistung. Und dafür sieht das Strafgesetzbuch mildere Strafen vor.

Somit kommen die Juristen schließlich zu unterschiedlichen Forderungen, was das Strafmaß angeht. Heinze, der ursprünglich gar einen Mord angeklagt hatte (bis eine Gutachterin feststellte, dass der Zeitlofser wohl auch bei schnellerer Hilfe gestorben wäre), fordert für den älteren Angeklagten eine Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten. Den jüngeren Mann, der bei der Verhaftung einen Koffer mit Plastiksprengstoff, zwei Pistolen und Munition hatte und dem deshalb noch ein Verstoß gegen das Sprengstoff- und das Waffengesetz zur Last gelegt wird, will er acht Jahre und sechs Monate hinter Gittern sehen. Der Anwalt des jüngeren Mannes plädiert auf eine Strafe von "nicht mehr als vier Jahren", der Rechtsvertreter des 52-Jährigen auf eine Strafe von "nicht mehr als zwei Jahren, die zur Bewährung auszusetzen ist".

Forderungen weit auseinander

Dass die Forderungen so weit auseinanderliegen, fußt auf der rechtlichen Würdigung. Oberstaatsanwalt Heinze spricht in seinem Schlussplädoyer von einer "menschenverachtenden Tat". Nach dem "dilettantischen" Versuch, den Automaten zu sprengen, bei dem Sachschaden in Höhe von 32 000 Euro entstanden war, hätten die beiden Angeklagten zuerst ihr Werkzeug und die Beute - 218,32 Euro - in den Wagen des Zeitlofsers geladen; danach erst ihren schwer verletzten Freund. Zwei Stunden lang hätten sie mit der Fahrt nach Salmünster, wo sie den Zeitlofser "wie ein Tier ausgesetzt und sich seiner wie einer Sache entledigt" hätten, dafür gesorgt, dass er keine Hilfe bekommen könne. "Alle paar Kilometer, alle fünf bis zehn Minuten hätten sie die Möglichkeit gehabt, den Freund zu retten. Aber immer wieder haben sie eine Entscheidung gegen den Freund und für die eigene Freiheit und Tatvertuschung getroffen", betont Heinze. Straferschwerend käme die gezielte Spurenvernichtung hinzu. Dass die persönlichen Gegenstände des Toten entfernt worden waren, hätte auch eine mögliche Hilfe, etwa eine Blutgruppenbestimmung, vereitelt.

Den anonymen Notruf, mit dem der 35-Jährige die Polizei informiert und eine Schlägerei gemeldet hatte, bezeichnet der Staatsanwalt als Dreistigkeit. "So abgebrüht muss man erst einmal sein", sagt Heinze. Das sei auch ihr übel aufgestoßen, unterstreicht die Anwältin der Mutter des Toten. Gleiches gelte für das Verhalten nach der Tat und dass die Angeklagten den Zeitlofser während des Prozesses immer als Haupttäter hingestellt hätten. Das tut dann aber auch der Verteidiger des jüngeren Angeklagten im Plädoyer. Sein Mandat habe die Verletzungen nicht einschätzen können und sich gesagt: "Da wird schon nichts passieren." Beide Angeklagten seien nicht vom Sterben ihres Freundes ausgegangen. Der Verteidiger des 52-Jährigen will diesen auch nicht als eiskalten Täter dargestellt sehen: "Hätte er sich des Komplizen entledigen wollen, hätte er ihn doch nicht mitgenommen. Da hätte es zweckmäßigere Alternativen gegeben", führt der Anwalt an. Sein Mandant sei der Meinung gewesen, der Bahnsteig sei der schlechteste Platz gewesen. Dass er keinesfalls den Tod des Mannes gewollt habe, betont der 52-Jährige nochmals in seinem Schlusswort unter Tränen. Der 35-Jährige erklärt, es täte ihm alles leid, was in jener Nacht passiert sei.

Nun wird die erste Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Dr. Peter Graßmück über das Strafmaß entscheiden müssen. Die Urteilsverkündung ist für Freitag, 18. Juli, um 11.30 Uhr angesetzt. Andreas Ungermann