Immer häufiger verlegt man seinen Schlüssel, vergisst Telefonnummern und Namen. Angst kommt auf: Ist das schon eine Demenz? Immerhin sind in Deutschland bis zu 1,6 Millionen Menschen betroffen. Mit 2500 Fällen pro Jahr sind die Neuerkrankungen mit Multipler Sklerose zwar deutlich niedriger, die Konsequenzen jedoch genauso problematisch wie bei Demenz.

Hilfe und Informationen bekamen Betroffene, Angehörige und Interessenten bei einer Telefonaktion dieser Zeitung von zwei Experten: Prof. Peter Rieckmann, Chefarzt der Neurologie am Bamberger Klinikum, und Dr. Boris Kallmann, Leiter des Multiple-Sklerose-Zentrums Bamberg.

Im Folgenden eine Zusammenfassung der wichtigsten Fragen und Antworten.

Woran kann man eine Frühdemenz erkennen?
An Gedächtnisstörungen, die sich mit Alltagsaktivitäten überschneiden und die auch von der Umgebung bemerkt werden. Manchmal kann für einen Laien eine Demenz ähnliche Symptome verursachen wie eine Depression. Überforderung im Alltag, Antriebslosigkeit, Interesselosigkeit oder sozialer Rückzug treten sowohl bei Demenz als auch bei Depressionen auf. Ein Hinweis können auch Geruchsstörungen sein, die über den HNO-Arzt nicht erklärbar sind.

Was muss ich machen, damit eine Diagnose gestellt werden kann?
Um eine Demenz sicher zu diagnostizieren, muss eine leitliniengerechte Abklärung vom Neurologen oder Nervenarzt durchgeführt werden. Es werden Gedächtnistests gemacht, Blutuntersuchungen und die optimale Einstellung von Gefäßrisikofaktoren wie Blutzucker, Blutdruck und LDL-Cholesterin überprüft. Grundsätzlich gehört auch ein Kernspintomogramm dazu, da ein Tumor oder Altershirndruck hinter den Gedächtnisstörungen stecken könnte. Eine Nervenwasseruntersuchung hilft dabei, die Art der Demenz besser zu unterscheiden.

Spielt hoher Blutdruck bei der Entstehung einer Demenz eine Rolle?
Ja, anhaltend hoher Blutdruck schädigt die Gefäße und führt zum Untergang von Hirnzellen. Daher ist ein Blutdruck von unter 140 zu 90 anzustreben. Der Blutdruck spielt übrigens auch eine Rolle bei MS.

Mein Bruder ist an Demenz erkrankt. Muss ich Angst haben, dass ich ebenfalls dement werde? Wie hoch ist das genetische Risiko?
Es gibt eine gewisse Veranlagung dafür, aber Vererbung spielt kaum eine Rolle. Risikofaktoren sind eher zu hoher Blutdruck und zu wenig Bewegung.

Gibt es Medikamente gegen Demenz?
Es gibt Medikamente, die den Untergang von Nervenzellen verlangsamen und deren Funktion stabilisieren können. Sie wirken besonders in der Frühphase. Deshalb ist die Frühdiagnostik so wichtig. Erfolgversprechend ist die Entwicklung neuer Medikamente zur Behandlung der Alzheimer-Demenz. Ziel ist die Auflösung von krankheitsauslösenden Eiweißablagerungen im Gehirn.

In welchem Alter findet die Weichenstellung für eine Demenz statt?
Im Alter zwischen 40 und 50 Jahren kann bereits der Prozess der Entwicklung einer Demenz beginnen. Deshalb muss spätestens dann auf einen gesunden Lebensstil geachtet werden.

Bei mir wurde eine Demenz diagnostiziert und ich schäme mich darüber zu reden. Was ist Ihre Meinung dazu?
Unsere generelle Empfehlung lautet: Gehen Sie offen damit um, sprechen Sie mit dem Arzt, pflegen Sie soziale Kontakte. Das Motto lautet: Time ist brain, Zeit ist Hirn. Nur wenn man frühzeitig mit der Therapie beginnt, kann man die Entwicklung beeinflussen.

Welche Formen der Demenz gibt es?
Die vaskuläre Demenz wird verursacht durch Durchblutungsstörungen, kleine Schlaganfälle, die man nicht merkt, die aber in der Summe zu Gehirngewebsuntergang führen. Die typische Form der Demenz ist die Alzheimer-Demenz. Sie wird durch Eiweißablagerungen im Gehirn verursacht. Weitere seltene Demenzformen können auch in Kombination mit anderen neurologischen Funktionsstörungen wie etwa beim Laufen, Koordinations und -Störungen beim Entleeren der Blase.

Gibt es Warnzeichen für eine MS?
Die Warnzeichen gelten sowohl bei MS als auch bei Demenz: Was früh an Nervengewebe verloren geht, ist nicht mehr richtig zurückzuholen. Das heißt, bei MS frühzeitig mit der Behandlung beginnen und bei beiden Krankheiten über die gesunde Lebensführung nachzudenken und sie auch zu praktizieren.

Welche Therapien gibt es bei Multipler Sklerose?
Möglichst früh sollte eine Medikamententherapie bei der schubförmigen MS begonnen werden. Hierfür gibt es elf Präparate. Einige werden gespritzt, andere stehen in Tablettenform zur Verfügung.
Was kann man tun, um eine MS zu vermeiden?
Es gibt keine spezielle MS-Diät. Grundsätzlich ist eine gesunde Lebensführung wichtig. Dazu gehören mediterrane Kost, viel Bewegung, kein Nikotin, wenig Salz. Zur Ergänzung empfehlen wir Vitamin D.

Wie verläuft eine MS?
Bei der MS gibt es unterschiedliche Verläufe. Wenn eine Therapie nicht ausreichend wirkt, sollte man über einen Therapiewechsel nachdenken. Für den aktiven Verlauf gibt es mehrere alternative Präparate. Wir können wirklich nur dringend dazu raten, die Therapie zu wechseln, wenn sich eine Krankheitsaktivität zeigt, Schübe, ein Voranschreiten der Behinderung oder neue Entzündungsherde im Kernspin zu sehen sind. Durch die richtige Therapie und eine gute Lebensführung kann man den Übergang in die schleichende progrediente Verlaufsform verhindern. Für diese gibt es bisher noch keine Medikamente. Es liegen aber bereits positive Studien vor und werden voraussichtlich nächstes Jahr zur Verfügung stehen.

Sind die MS-Medikamente gut verträglich? Im Beipackzettel stehen so viele Nebenwirkungen.
Was im Beipackzettel steht, tritt eher selten ein. Behandelnde Neurologen kennen die regelmäßig notwendigen Untersuchungen und messen immer wieder die Blutwerte. Der Patient muss einfach frühzeitig darüber nachdenken und die Weichen für die Behandlung stellen, um dann nicht ständig an die Krankheit denken zu müssen.

Ich habe schon seit zehn Jahren MS und immer wieder Schmerzen. Was kann ich tun?
Begleiterscheinungen wie Schwierigkeiten bei der Blasenentleerung, Schmerzen oder Muskelsteifigkeit müssen gezielt beim Neurologen angesprochen werden, weil es dafür gezielte Behandlungsmöglichkeiten gibt. Neben medikamentösen Ansätzen spielt auch Krankengymnastik und Ergotherapie eine Rolle.


Experten empfehlen das Vier-Säulen-Konzept:
So kann man eine Demenz vorbeugen oder den Verlauf verzögern

Ausdauer und Bewegung für fünf mal 30 Minuten pro Woche. Das kann schnelles Gehen sein, Tanzen, Fahrradfahren und Schwimmen.

Soziale Kontakte aufrecht erhalten oder intensivieren. Man sollte neugierig und offen sein für neue Dinge.

Gehirnjogging und Hirnleistungstraining sind ein weiterer Faktor. Die Übungen sollten an den Alltag angepasst sein, zum Beispiel kann man Orientierungsspiele im Supermarkt machen oder sich die Einkaufsliste merken und hinterher überprüfen, ob man etwas vergessen hat. Man kann auch seine Gewohnheiten mal umkrempeln und zum Beispiel bewusst den Schlüssel woanders hinlegen.

Auch die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Zu empfehlen sind mediterrane Ernährung, wenig Fleisch, viel Fisch und unbehandelte (am besten Wal-)Nüsse.