Die zweite Nacht nach dem Stromausfall im Südwesten beginnt: Kälte und Dunkelheit treiben viele in die umliegenden Notunterkünfte und Anlaufstellen. Dort treffen sie auf eine enorme Hilfsbereitschaft.
Gut zwei Dutzend Feldbetten stehen im Bürgersaal im Rathaus Zehlendorf. Noch hat sie niemand für die Nacht in Beschlag genommen. Dutzende Menschen sitzen in kleinen Gruppen auf Stühlen am Rand, an Tischen und in den Ecken des Saals. Sie trinken Kaffee oder warmen Tee, essen Suppe. Manche starren auf ihr Handy oder den Laptop. Einige unterhalten sich mit ihren Sitznachbarn, die sie oftmals erst vor wenigen Stunden hier kennengelernt haben.
Es ist der zweite Abend nach dem mutmaßlich durch einen Anschlag ausgelösten Stromausfall im Südwesten der Hauptstadt. Zehntausenden Haushalten steht eine weitere Nacht ohne Heizung, Licht und warmes Wasser bevor. Mehrere Betroffene hier im Bürgersaal wollen die Nacht trotzdem zu Hause verbringen - wenn möglich.
Wohnungstemperatur bei 16 Grad
Die Wohnung seines Vaters etwa sei bereits so kalt, dass sich Feuchtigkeit bilde, sagt Frank Adameit. Deshalb habe er den über 90-Jährigen erst einmal hierhin gebracht. Der pflegebedürftige Mann sitzt neben seinem Sohn im Rollstuhl. Seit der Mittagszeit harren sie hier aus. Wie es in den nächsten Tagen weitergehen wird, wissen sie nicht. Er hoffe darauf, dass der Strom früher wieder fließt als Donnerstag, sagt Adameit.
Andere haben die Möglichkeit, bei Freunden oder Familienmitgliedern unterzukommen, etwa Benjamin und Mado mit ihrer zweijährigen Tochter Jule. 16 Grad seien es in ihrer Wohnung, sagt er. Den Samstag, dem Tag des Stromausfalls, hätten sie in Potsdam verbracht. Die Nacht über kommen sie bei Freunden in Friedrichshain unter. Dass es für die mutmaßlichen Täter offenbar so leicht war, die Infrastruktur in diesem Umfang zu zerstören, bereite ihr Sorgen, sagt Mado. Es treffe vor allem die finanziell und sozial Benachteiligten, die niemanden hätten, bei dem sie übernachten könnten.
Hilfsbereitschaft groß
So mischen sich nicht nur im Bürgersaal Zehlendorf Sorge, Ungewissheit, aber auch Zuversicht und Hilfsbereitschaft: Drei Männer bauen ein kleines Buffet im Saal auf. Es gibt Gänseklein mit Tomatensuppe und Weißbrot. Sie sind vom Sportverein Zehlendorfer Wespen und wollen hier helfen. Wolfram Keller ist einer von ihnen. Seine Wohnung sei zum Glück nicht betroffen, sagt er. Nach der Arbeit sei er gekommen, um zu unterstützen. Das Essen stammt vom Koch des Vereins.
Nur wenige Kilometer weiter in der evangelischen Gemeinde Emmaus am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte gehen ebenfalls viele Hilfsangebote ein. Seit dem Morgen haben unzählige Menschen heiße Getränke, Plätzchen oder Speisen vorbeigebracht - für die Betroffenen, die sich hier bis in den Abend hinein aufwärmen. «Die Liste mit Helferinnen und Helfern ist bis Mittwoch prall gefüllt», sagt Matthias D. Er und seine Frau sind selbst als freiwillige Unterstützer hier und koordinieren gerade die vielen Angebote.
«Das rührt mich sehr»
In diesem Moment betritt eine junge Frau das Gemeindezentrum: «Ich habe Kartoffelsuppe gekocht.» - «Bitte Name, Adresse und Telefonnummer draufschreiben, damit Du den Topf später wieder bekommst», sagt Matthias. Wenig später bringt eine Familie aus Spandau drei große Töpfe mit selbst zubereiteten arabischen Speisen. Immer wieder kommen Menschen, die einen Schlafplatz anbieten möchten.