Bei zahlreichen Tassen Tee erzählt sie ihm schließlich ihre Lebensgeschichte: wie ein Mädchen aus gutbürgerlichem Hause über den Umweg durch zahlreiche Betten in der Gosse landete.
Stattliche Anzahl von Penissen um die Ohren
Wer hier überall Freud und Jung um die Ecke lugen ahnt, sieht sicherlich keine Gespenster. Der muntere Dialog zwischen Es und Über-Ich findet zwar nicht auf der Couch, sondern auf dem Bett statt, aber auch ansonsten gibt es zahlreiche Zeichen, die die Richtung weisen. Das Offensichtlichste ist wohl der Elektrakomplex der Hauptfigur.
Getreu der Methode der freien Assoziation verknüpfen die Gesprächspartner überdies die Partnersuche der jungen Joe (Stacy Martin) mit Fliegenfischen oder den komplizierten Terminkalender der promisken Schönheit mit Bachschen Orgelkompositionen. Und bevor es allzu intellektuell wird, haut von Trier dem Zuschauer mit postpubertärem Holzhammerhumor (und trotzdem verdammt witzig) per Bildmontage noch eine stattliche Anzahl von Penissen um die Ohren.
Dass der Film bei all seinen Verknüpfungen und Unterbrechungen, Gegensätzen und Referenzen immer nur aus dem Tritt gerät, um sich lustvoll in der nächsten schmutzigen Pfütze zu suhlen, ist dabei absolut beabsichtigt. Eine beeindruckende Leistung.
Charlotte Gainsbourg als geschundenes Lustwesen, Uma Thurmans komischer Kurzauftritt
Besonderes leisten auch die Schauspielerinnen. Charlotte Gainsbourg etablierte sich als Muse des einstigen Frauenverbrauchers von Trier. Zu Recht: Ihr geschundenes Lustwesen brennt sich tief ins Gedächtnis, obwohl sie in diesem Teil kaum mehr zu tun hat, als in der Rahmenhandlung teeschlürfend die Erzählerin zu geben.
Uma Thurman hat einen fantastischen und unheimlich komischen Kurzauftritt als betrogene Ehefrau, die zur tobenden Furie wird. Ohne Frage gehören diese paar Minuten zum Besten, was sie je abgeliefert hat. Und Newcomerin Stacy Martin spielt mit ihrem müden Schlafzimmerblick die junge Joe angemessen hölzern, losgelöst und ohne Kontaktmöglichkeit zu anderen Menschen.
Süchtig nach Berührung und immer unbefriedigt zieht sie durch Züge, durch Clubs und Büros. Das, was sie hat, was sie bekommt, was die Männer ihr geben können: Es reicht einfach nicht.
Man sieht alles und fühlt nichts
Ach ja, und der Sex. Er ist häufig, er ist nicht sehr interessant, man sieht alles und fühlt nichts, es fehlt einfach etwas in der Inszenierung. Es fehlt die Liebe. Als die dann doch noch auf den Plan tritt, ausgerechnet in Form des etwas schmierigen Möchtegern-Geschäftsmannes Jerôme (Shia LaBeouf), bekommt Joes Geschichte eine krasse Wendung und bricht abrupt ab.
Der Zuschauer bleibt unbefriedigt zurück und muss sich gedulden, wenn Joe im zweiten Teil ihre Geschichte zu Ende erzählt. Doch auch der erste Teil alleine lohnt das Wachbleiben. Wie Lars von Trier in seiner skurrilen Sitzung waghalsige Brücken schlägt zwischen der Fibonacci-Folge, Fliegenfischen und Ficken, ist in jedem Augenblick faszinierend.
Lars von Trier ist ein dänischer Regisseur, Drehbuchautor und Produzent, geboren am 30. April 1956 in Kopenhagen. Er zählt zu den einflussreichsten und kontroversesten Filmemachern Europas und ist Mitbegründer der Dogma-95-Bewegung, die für einen radikalen, realistischen Filmstil steht. Zu seinen bekanntesten Werken gehören neben "Nymphomaniac" auch "Breaking the Waves", "Dancer in the Dark", und "Melancholia".
Von Trier ist bekannt für seine provokativen Themen, seine innovative Filmsprache und seine Fähigkeit, das Publikum emotional zu fordern.
Quelle: teleschau – der mediendienst