Die Gefahr eines Atomkriegs galt nach dem Ende des Kalten Kriegs lange Zeit als gebannt. Doch spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine und die damit einhergehenden Drohungen gegen das Land und die Nato ist die Gefahr wieder gewachsen - gefühlt wie real. 

Immer wieder bringen russische Politiker bis hinauf zu Wladimir Putin einen Atomschlag als Eskalation des Ukraine-Kriegs ins Gespräch. Viele Menschen fragen sich, welche Auswirkungen ein Atombombenabwurf hätte, auch hier in Deutschland. 

Welche Auswirkungen hat eine Atombombe?

Seit 1945 wurden keine Atomwaffen mehr in einem bewaffneten Konflikt eingesetzt. Die Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki waren die beiden ersten und einzigen Einsätze von Nuklearwaffen in einem Krieg. Ein Atomschlag, wie er jahrzehntelang befürchtet wurde, wäre ein dramatischer Bruch des Völkerrechts. Dennoch haben die Atommächte, allen voran Russland und die USA, viele dieser Waffen in ihren Arsenalen. Zahlen aus dem Jahr 2019 zufolge immer noch rund 13.900 davon. 

Atomwaffen können dabei auf verschiedene Arten zum Einsatz gebracht werden, sowohl als Bombe, die von einem Flugzeug abgeworfen wird, als auch in Form einer Rakete oder eines Marschflugkörpers. Sowohl feste Raketenbasen als auch Schiffe, U-Boote oder fahrbare Waffensysteme können sie zum Einsatz bringen.

Eine Atomwaffe beruht auf dem Prinzip der Kernspaltung oder der Kernfusion. Im Gegensatz zum friedlichen Einsatz der Atomenergie in einem Kraftwerk findet die Spaltung in einer Bombe unkontrolliert und rasend schnell statt. Dadurch wird eine gigantische Menge Energie frei, die in Form von Hitze, Strahlung und einer Druckwelle freigesetzt wird. Darüber hinaus werden durch die elektromagnetischen Impulse einer Atomwaffe elektrische Geräte im Umkreis etlicher Kilometer beschädigt (EMP). Beim massenhaften Einsatz von Atomwaffen kann es sogar zur Abkühlung der Erdatmosphäre kommen, wenn große Mengen Staub aufgewirbelt werden und somit die Sonne verdunkelt wird. Ein sogenannte „nuklearer Winter“ wäre die Folge und damit Ernteausfälle und Hungersnöte.

Wie groß ist die Zerstörungskraft einer Atombombe?

Um abzuschätzen, wie gefährlich und zerstörerisch eine Atombombe ist, muss man die ihre Größe und die Art und Weise, wie sie zum Einsatz gebracht wird, beachten. Die maximale Zerstörungskraft entfaltet sie, wenn sie in der Luft explodiert - so kann sich die Druckwelle am weitesten ausbreiten. 

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Bei der Größe von Atombomben wird die Explosionsenergie in Äquivalenten des Sprengstoffs TNT gerechnet. So hatte die über Hiroshima abgeworfene Atombombe ("Little Boy") etwa eine Sprengkraft von rund 12,5 Kilotonnen TNT. Die kleinsten Atomwaffen haben eine Sprengkraft von 0,3 Kilotonnen, die größte jemals getesteten Bombe, die "Tsar"-Bombe der Sowjetunion, hatte eine Sprengkraft von über 50 Megatonnen (50 Millionen Tonnen) TNT. Die ersten Atombomben nutzten das Prinzip der Kernspaltung, die neueren Bomben nutzen sowohl Kernspaltung, als auch Kernfusion (thermonukleare Atomwaffen). 

Was sind strategische und taktische Atomwaffen?

Bei Atomwaffen wird unterschieden zwischen taktischen und strategischen Waffen. Taktische Atomwaffen, auch "Gefechtsfeldwaffen", sind in der Regel kleiner und sind für den begrenzten Einsatz auf dem Schlachtfeld gedacht. Sie richten sich vor allem gegen militärische Ziele und sollen etwa dafür sorgen, eine Frontlinie zu durchbrechen. Sie werden gegen gegnerische Streitkräfte eingesetzt. Sie werden von Flugzeugen, Kriegsschiffen, U-Booten, aber auch von Artilleriegeschützen ins Ziel gebracht.

Die Nato ging während des Kalten Kriegs davon aus, dass der Einsatz von nuklearen Waffen kontrollierbar sei und dass sich die Auseinandersetzung nicht zu einem allumfassenden Atomkrieg ausweiten müsste. Die Strategie wurde "Flexible Response" genannt. An dieser Theorie des begrenzten Konflikts mit Atomwaffen gab es jedoch große Zweifel und so wurde die Strategie "Flexible Response" 1991 abgelöst. 

Strategische Atomwaffen hingegen sind für den großflächigen Einsatz im gegnerischen Hinterland gedacht und richten sich dadurch auch gegen große Städte. Sie sind größer als taktische Atomwaffen und werden von Langstreckenbombern, Mittelstreckenraketen und Interkontinentalraketen ins Ziel gebracht. 

Welche Reichweite haben Atomwaffen?

Grundsätzlich haben strategische Atomwaffen große Reichweiten von bis zu 15.000 Kilometern. Taktische Kernwaffen sind meist in ihrer Reichweite eingeschränkt, da sie auch in einem begrenzten Umfeld zum Einsatz gebracht werden sollen. Diese Aufteilung ist jedoch mit der Zeit verwischt worden - inzwischen gibt es auch weitreichende Raketen, die einen Sprengkopf mit geringerer Kraft transportieren. Ein Beispiel sind die Trident-2-Raketen, die seit 2019 auf US-U-Booten stationiert sind. 

Die Reichweite von Atomwaffen hängt jedenfalls immer vom Trägersystem ab. Langstreckenbomber haben Reichweiten von über 10.000 Kilometern und können dann ihre Atombomben abwerfen. Interkontinentalraketen können weit entfernte Ziele angreifen, wie der Name bereits sagt. Sie erreichen Ziele in eine Entfernung von bis zu 15.000 Kilometern und können oft mehrere Atomsprengköpfe transportieren und dadurch mehrere Ziele angreifen, wenn die Sprengköpfe an unterschiedlichen Orten abgeworfen werden. Die in Deutschland stationierten Atomwaffen in Büchel in Rheinland-Pfalz würden von den dort stationierten Tornados der Bundeswehr eingesetzt werden. Diese haben eine Reichweite von ca. 1.600 Kilometern. Russland verfügt über Luft-Boden-Hyperschallraketen, die mit konventionellen Sprengköpfen angeblich schon in der Ukraine im Einsatz waren. Diese Raketen haben eine Reichweite von etwa 2.500 Kilometern und sind mit vielfacher Schallgeschwindigkeit unterwegs. Für diese 2.500 Kilometer würden sie nur sehr kurze Zeit benötigen. 

In den 70ern und 80ern des 20. Jahrhunderts gab es außerdem noch Mittelstrecken-Raketen, die ihren Fokus auf den europäischen Konfliktraum hatten. Sie hatten eine Reichweite von bis zu 5.000 Kilometern und hätten von Russland aus Städte in Europa, aber nicht in den USA erreichen können. Bekannt sind hier die sowjetischen SS-20 Raketen sowie die Pershing-2-Raketen der Nato. Diese Waffensysteme existieren jedoch nicht mehr - im Jahr 1987 vereinbarten die Supermächte in einem Abrüstungsabkommen das Verbot von Mittelstreckenraketen. 

Was passiert bei einer Atombombenexplosion? 

Im Moment der Zündung einer Atombombe entstehen im Zentrum der Explosion Temperaturen von mehreren Millionen Grad und ein gigantischer Druck von mehreren Billionen Pascal. Rund 50 Prozent der Energie wird in Form einer Druckwelle freigesetzt, mehr als ein Drittel in Form von Hitze und 10 Prozent als Falloutstrahlung. Rund 5 Prozent der Energie wird als Sofortstrahlung abgegeben. Im ersten Moment wird ein extrem heller Lichtblitz erzeugt, der Menschen auch in weiter Entfernung erblinden lassen kann. Im direkten Umfeld der Explosion wird alles verdampft. In einem weiteren Umkreis geraten brennbare Gegenstände und Stoffe in Brand und Menschen erleiden schwerste Verbrennungen durch die Hitze. 

Die Explosionskraft ist gewaltig, da die Hälfte der Energie als Druckwelle abgegeben wird. Diese verursacht den größten Verlust an Menschenleben in direkter Folge der Explosion. Schäden werden durch den extremen Luftüberdruck an der Vorderseite der Druckwelle erzeugt, die sich in alle Richtungen ausbreitet. Menschen sterben direkt am Überdruck oder an Auswirkungen wie umherfliegenden Trümmern und einstürzenden Gebäuden. 

Nur ein geringer Teil der Menschen stirbt an der Sofortstrahlung, da diese nur kurz wirkt und in einem begrenzten Radius. In diesem Umkreis sterben die Menschen vor allem durch die Druckwelle. Die ionisierende Strahlung, die später als eine Minute nach der Explosion emittiert wird, heißt Reststrahlung. Ihr größter Teil ist der sogenannte Fallout. Zusätzlich zu dem Fallout gibt es eine gewisse Reststrahlung in der Nähe des Explosionsherdes, die durch Aktivierung von Neutronen entsteht.

Was würde passieren, wenn eine Atombombe auf Berlin abgeworfen wird? 

In einer Studie aus dem Jahr 2020 hat die Umweltorganisation Greenpeace errechnen lassen, was passieren würde, wenn Deutschland das Ziel eines atomaren Angriffs werden würde. Als Beispiele wurden etwa Berlin und Frankfurt genommen, um eine Abschätzung über die Folgen zu liefern. Diese sind nur sehr ungefähr, bieten aber eine grobe Einschätzung zur Größenordnung der Auswirkungen eines solchen Vorfalls. 

In der Studie wurde angenommen, dass eine 20-Kilotonnen-Bombe direkt vor dem Reichstagsgebäude in Berlin explodiert. In einem Radius von 260 Meter würde alles verdampfen. Hiervon wären um die 1000 Menschen direkt betroffen. In einem Radius von 590 Metern würden Gebäude schwer beschädigt und beinahe alle Menschen, rund 4500, würden sterben. In weiterer Entfernung zum Explosionsort bis etwa 1,4 Kilometern würden Menschen im Freien eine tödliche Strahlendosis abbekommen, auch Druckwelle und Hitze wären hier für viele Todesfälle verantwortlich. Die Schätzungen gehen von rund 20.000 Toten aus. In einem weiteren Radius bis etwa 2 Kilometer würden Menschen schwere Verbrennungen erleiden, rund 50.000 Menschen wären betroffen. Insgesamt geht die Modellrechnung für den beschriebenen Fall von rund 27.000 Toten und über 70.000 Verletzten aus, in direkter Folge der Explosion. 

Weitreichende Folgen wären durch den Fallout zu erwarten, in dem radioaktiv belastetes Material niedergehen würde. In dem rund 150 Quadratkilometer großen Gebiet, das dann betroffen wäre, wohnen rund 318.000 Menschen. Menschen im Freien würden durch den Fallout eine tödliche Strahlendosis abbekommen. Dies würde mehrere Zehntausend Menschen betreffen. Zehntausende weitere Menschen würden das Risiko tödlicher Krebserkrankungen aufweisen. In einer Entfernung bis etwa 100 km wären insgesamt über 600.000 Menschen von hohen Strahlendosen betroffen, die akut tödlich sein können oder erhebliche Langzeitfolgen nach sich ziehen können. Die Studie geht davon aus, dass durch den Fallout rund 120.000 Tote zu erwarten wären, dazu rund 50.000 spätere Todesfälle durch eine Krebserkrankung. 

Noch drastische wären die Auswirkungen, wenn eine strategische Atomwaffe auf Frankfurt gerichtet würde. Hier geht die Studie von rund 500.000 Toten in direkter Folge und weiteren 165.000 Krebstoten aus. Das Gebiet der radioaktiven Verseuchung würde sich in diesem Fall durch weite Teile Deutschlands ziehen. Aufgrund üblicher Windrichtung wäre davon auszugehen, dass sich der Fallout bis in den Harz ziehen würde. 

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