Man sollte nicht nur die großen Konzertbühnen ansteuern in den vier Tagen des Festivals für Folk, Roots und Weltmusik in Rudolstadt - ein schön gelegenes Städtchen im Saaletal zwischen Saalfeld und Weimar -, das sich aus kleinen Anfängen zum größten seiner Art entwickelt hat. Dann wird man immer noch gefangen vom Charme der vielen kleinen Kapellen oder Solisten, die auf den Straßen, in Hinterhöfen oder schlicht auf der Wiese musizieren, unterstützt von einem enthusiastischen Publikum. Das unterscheidet sich schon gewaltig von dem eines Rockfestivals. Man wird keine Alkoholexzesse erleben, keine Aggressivität trotz der Enge. Es ist ein echtes Dreigenerationentreffen; vom weißhaarigen Altfolkie über den Musikwissenschaftler bis zum 15-jährigen Neohippiemädchen mit Schellen an den Füßen tummeln sich alle auf der Burg, in der Stadt oder im Park.

Das hätten sich die Macher vermutlich nicht träumen lassen, als sie kurz nach der Wende die Chance ergriffen, das alte Tanzfest der DDR zu modernisieren, und den Stadtrat überredeten, als Veranstalter aufzutreten, was er bis heute trotz manchen Murrens tut. Es ist also ein quasi öffentlich-rechtliches Festival, was der künstlerischen Qualität nur zugute kommt und den Namen Rudolstadt weltweit bekannt gemacht hat. Die Schattenseite des Erfolgs: Unstrittig ist das Festival mit über 150 Bands, zirka 1000 Künstlern aus 33 Ländern und rund 250 Konzerten auf 20 Bühnen an seine Grenzen gestoßen. Der Bürgermeister und sein Organisationsteam wissen, dass etwa 25.000 Besucher vom 2. bis 5. Juli das mit beschaulich sehr wohlwollend beschriebene Städtchen (23.000 Einwohner) an seine Grenzen bringen. Vor allem am Samstag klagten viele Besucher über die Überfüllung. Wenn man kaum mehr einen rechtschaffenen Stehplatz bekommt, ist auch bei viel gutem Willen Zuschauerfrust unvermeidlich.



Ansonsten war auch dieses Jahr alles wie immer, nur dass bei Temperaturen nahe 40 Grad eine ungeheure Hitzeschlacht zu schlagen war. So etwas wie einen einheitlichen Trend in Folk und Weltmusik zu definieren, fällt schwer. Höchstens, dass es den musizierenden Hinterwäldler, der das erste Mal auf die Bühne geholt wird, kaum mehr gibt - dazu ist die Globalisierung zu fortgeschritten, und auch von der fröhlichen Anarchie der Anfangsjahre ist schwerlich mehr etwas zu spüren. Sogar die einstigen Hippie-Stände werben heute mit professioneller Leuchtreklame. "Ich will den Kapitalismus lieben", sang auch Funny van Dannen, "aber ich kann es einfach nicht!" Der erhielt den Deutschen Weltmusikpreis "Ruth" ebenso wie multinationale Frauenjazzband "Eurasians Unity" und die deutsch-libanesische Ethno-Jazz-Formation "Masaa", anspruchsvolle Projekte.

Was auch das alljährliche "Magie"-Konzert ist, diesmal mit der Cister, der Waldzither, und ihren Mutationen als Instrument. Etwas für Spezialisten, im Kontext eines rein kommerziellen Festivals undenkbar. Genauso das Länder-Special, gewidmet dieses Jahr Norwegen, beginnend mit einem Treffen der jamaikanischen Reggae-Legenden Sly & Robbie mit dem Trompeter Nils Petter Molvær. Ansonsten muss man konstatieren, dass manches Vorurteil nicht unbedingt ein Vorurteil ist: Südländische Leichtigkeit wird man in der norwegischen Volksmusik-Szene kaum finden. Auch der samische Sänger Torgeir Vassvik verband seine grollenden Joik-Gesänge mit archaischen Rhythmen, mit dem nordlichtartigen Wetterleuchten hinter der Bühne allerdings en faszinierendes, fast psychedelisches Erlebnis.

Aber natürlich will junges Publikum hüpfen, was es bei Gruppen wie den bis zur physischen Erschöpfung aufspielenden Briten der "Monster Ceilidh Band" oder den Hip-Hoppern "Nomadic Massive" aus Montreal - "eine Band, sieben Herkunftsländer, fünf Sprachen" - auch ausgiebig tun konnte. Oder auch bei den Turbo-Balkan-Bläsern vom "Dzambo Agusevi Orkestar". Vielleicht doch ein Trend: Weltmusik-Bands von heute haben sich sehr wohl auf ein Pop-Publikum eingestellt und versuchen das, mitunter nervend, zu animieren wie im Ferienclub. Dabei hätten es, als Beispiel für viele, die israelischen Klezmer-Rocker "Ramzailech" gar nicht nötig. Auch die Afrikaner sind wieder im Kommen. Allerdings wirkte Salif Keita müde. Seine Band, die "Ambassadeurs" lieferte dafür nach einer Anwärmphase ein tolles Konzert.

Keiner kann auch nur die Hälfte aller Auftritte gesehen haben, zumal bei dieser Hitze, die einen jeden Ortswechsel strategisch überdenken ließ. Klar begeisterten ein nach wie vor großartiger Gerhard Polt und die Well-Brüder, die alten Bühnenprofis - Karl Well kann allerdings seinen Bruder Hans nicht ersetzen -, wieder das Publikum auf der Burg, kitzelten Maori-Krieger und georgische Tänzer die Augen. Ganz zum Schluss charmierte das "Yiddisch Twist Orchestra" aus London mit einem überragenden Konzert, mit echt britischer Ironie noch einmal die Besucher, die ausgehalten hatten. Es gibt also immer noch etwas zu entdecken. Die Szene ist putzmunter. Im nächsten Jahr wird Kolumbien das Gastland sein. Tänzer dürfen sich auf die Cumbia freuen.