Neuer Rekord-ETF im Check: Lohnt sich der Hype wirklich?

Ein neuer Vanguard-ETF brach jüngst Rekorde - und klingt nach dem perfekten Rundum-Weltportfolio. Doch was unterscheidet ihn von FTSE All-World und MSCI World?

Der Vanguard FTSE Global All-Cap UCITS ETF  (WKN: A42B1M, ISIN: IE000VAHT5T0) wurde Mitte August aufgelegt – und legte gleich einen Raketenstart hin. Innerhalb von nur drei Wochen sammelte er mehr als eine Milliarde US-Dollar von Anlegern ein. Inzwischen hat er die Zwei-Milliarden-Marke deutlich überschritten.

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Was ist der Vanguard FTSE Global All-Cap ETF und was macht ihn so besonders?

Mit dem neuen ETF setzen Anleger auf die Wertentwicklung von 10.000 Aktien weltweit – sowohl in Industrie- als auch in Schwellenländern. Ebenfalls mit dabei sind sogenannte "Small Caps", also kleinere Firmen, die beispielsweise im MSCI World oder im FTSE All World nicht enthalten sind. Zudem lockt der Fonds mit niedrigen jährlichen Kosten von nur 0,07 Prozent.

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Das sagen Experten von Finanztip und Stiftung Warentest zum Rekord-ETF

Die Mediengruppe Bayern bat Experten von Finanztip und Stiftung Warentest um eine Einordnung des neuen Vanguard-ETF. Finanztip-Geldanlage-Experte Timo Halbe und Yann Stoffel, ETF-Experte bei Stiftung Warentest Finanzen antworteten auf unsere Fragen:

Wie ist die Gesamtkostenquote von 0,07 Prozent pro Jahr im Vergleich zu anderen breit gestreuten Welt-ETFs einzuordnen? Wie groß fällt der Kostenvorteil für Anleger aus?

Timo Halbe: "Mit einer TER von 0,07 Prozent pro Jahr ist der neue Vanguard-ETF günstig. Zum Vergleich: Von Finanztip empfohlene breit gestreute Alle-Länder-ETFs liegen derzeit beispielsweise bei 0,17 Prozent für den SPDR MSCI ACWI IMI, 0,14 Prozent für den Vanguard FTSE All-World oder 0,20 Prozent für den iShares MSCI ACWI. Die Kosten sind also ein Stück geringer, aus unserer Sicht aber kein Grund, einen bereits vorhandenen guten Welt-ETF zu verkaufen. Dabei könnten Handelskosten und gegebenenfalls Steuern auf bisherige Kursgewinne anfallen.

Außerdem sollte man die TER nicht isoliert betrachten: Entscheidend ist am Ende auch, wie gut ein ETF seinen zugrunde liegenden Index tatsächlich abbildet. Genau dafür fehlen beim neuen Fonds bislang noch längere Erfahrungswerte. Unsere Analysen zeigen immer wieder, dass ein ETF mit etwas höherer Kostenquote einen ETF mit niedrigerer in der Performance schlägt."

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Yann Stoffel: "Der ETF ist günstig. Andere günstige und halbwegs vergleichbare ETF sind aber nur ein wenig teurer. Neben den Kosten gibt es noch andere Einflussfaktoren auf die Wertentwicklung, die Kosten sind nicht allein entscheidend."

Wie groß ist der praktische Vorteil der zusätzlichen Streuung über Small Caps?

Timo Halbe: "Der Vorteil ist vorhanden, aber man sollte ihn nicht überschätzen. Durch die Small Caps werden zusätzlich kleinere börsennotierte Unternehmen berücksichtigt. Sie machen gemessen am weltweiten Aktienmarkt knapp zehn Prozent aus. Damit verteilt sich das Geld auf noch mehr Unternehmen, und das Gewicht der größten Konzerne im Portfolio sinkt etwas.

Dementsprechend reduziert sich das sogenannte Klumpenrisiko. Ob ein ETF mit Small Caps oder ohne langfristig besser performt, lässt sich allerdings nicht vorhersagen.

Aus unserer Sicht ist die Einbeziehung von Small Caps trotzdem sinnvoll: Anleger können auf diese Weise mit einem einzigen ETF den gesamten Weltaktienmarkt abdecken und das zu ähnlichen Kosten wie für ETFs ohne Small Caps. "

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Yann Stoffel: "Der Vorteil wird von den meisten Anlegern wahrscheinlich deutlich überschätzt. Im weltweiten Aktienmarkt gilt: Die Anzahl kleiner Aktien ist riesig, aber ihr Gewicht ist winzig. Wenn man den weltweiten Aktienmarkt abbildet, dann deckt man die ersten 20 % des Marktes mit nur 10 Aktien ab. Für die letzten 20 % des Marktes braucht man zirka 9000 Aktien.

Hinzu kommt, dass kleinere Aktien weniger liquide gehandelt werden. Das geht dann typischerweise mit höheren Handelskosten und Liquiditätsrisiken im Falle eines Marktcrashs einher. Auch alle sehr kleinen Aktien zu halten, ist deshalb gar nicht sinnvoll. Die kleinste Aktie im FTSE Global All Cap Index hat einen Streubesitz-Wert von noch nicht einmal 26 Millionen Euro. Das ist extrem wenig.

ETF auf so breite Indizes versuchen deshalb erst gar nicht erst, alle Aktien zu halten, sondern beschränken sich auf eine – sehr große – Auswahl. Das gilt auch für den neuen Vanguard‑ETF auf den FTSE Global All Cap Index, der über 10.000 Aktien umfasst.

Der Vorteil einer sinnvollen Streuung dank zusätzlicher kleiner Aktien existiert, ist aber überschaubar und nicht so groß, wie viele Anleger aufgrund der vielen Aktien in einem solch breit aufgestellten Index vermuten."

Ist der neue Vanguard FTSE Global All-Cap ETF der „bessere“ MSCI World oder FTSE All-World?

Timo Halbe: "Vom Konzept her ist er breiter aufgestellt. Gegenüber einem MSCI World kommen zum einen Schwellenländer hinzu, zum anderen Small Caps. Gegenüber dem FTSE All-World ist der Unterschied geringer: Er enthält bereits Schwellenländer, der zusätzliche Baustein sind hier nur die Small-Caps. 

Wir raten aber klar davon ab, einen bestehenden MSCI-World- oder FTSE-All-World-ETF zu verkaufen und in den neuen ETF zu investieren. Für die langfristige Geldanlage sind auch diese Indizes gut geeignet und sehr breit gestreut. Bei einem kompletten Wechsel des Investments fallen unnötige Steuern und Gebühren an. Anleger, die ihre Anlage noch breiter streuen wollen, können aber überlegen, künftige Investitionen in einen ETF zu stecken, der eben auch Schwellenländer und Small Caps umfasst. 

Yann Stoffel: "Der MSCI World umfasst keine Schwellenländer und keine kleinen Aktien. Trotzdem deckt er fast 80 % des weltweiten Aktienmarktes ab. Mit dem Beimischen von Schwellenländern gehen zusätzliche Risiken einher (politische, regulatorische etc.). Diese Risiken lassen sich nicht quantifizieren und somit lässt sich auch keine objektive Empfehlung aussprechen.
Deshalb gilt “Schwellenländer: Kann man beimischen, muss man aber nicht beimischen."

Bei kleinen Aktien ist das Beimischen bis zu einer gewissen Grenze sinnvoll. Wo diese Grenze ist, kann nicht genau gesagt werden. Aber die Unterschiede werden zwischen den ETF, die auch in kleine und sehr kleine Aktien gehen, vielleicht kaum messbar sein.
Insofern ist der neue ETF sicher eine Bereicherung. Aber andere breit streuende ETF sind auch gut und mit einem Wechsel gehen Kosten und Steuern einher. Der Wechsel lohnt daher tendenziell nicht.

Empfehlen Finanztest und Stiftung Warentest den neuen Vanguard ETF?

Timo Halbe:  "Den neuen Vanguard-ETF selbst empfehlen wir aktuell noch nicht. Für unsere ETF-Empfehlungen verlangen wir unter anderem eine Historie von mindestens fünf Jahren. Der neue Fonds ist dafür schlicht noch zu jung. Das ist kein Urteil gegen das Produkt – bislang fehlen nur die Erfahrungswerte, um beurteilen zu können, wie zuverlässig der ETF seinen Index in der Praxis abbildet."

Yann Stoffel: "Für den neuen Vanguard ETF gilt: Es ist durchaus eine Herausforderung, in noch kleinere und illiquidere Aktien als bisher üblich investieren zu wollen. Ob das am Ende in einem noch besseren Rendite-Risiko-Verhältnis im Vergleich zu bisher existierenden ETF mündet, ist nicht garantiert. Wir empfehlen diesen ETF deshalb auch nicht eher als andere Welt-ETF."

Vorschaubild: © Arne Dedert/dpa