Es waren nur wenige Worte, die kurz vor 19 Uhr während einer Pressekonferenz von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski am 9. November 1989 ausgesprochen wurden. Doch sie veränderten die Geschichte binnen Minuten. Der Journalist Riccardo Ehrman von der italienischen Nachrichtenagentur Ansa stellte damals die Frage nach dem neuen Reisegesetz. Schabowskis Antwort: "Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen." Und auf Nachfrage fügte er seine legendären Worte in unvollständigen Halbsätzen an: "Das trifft nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich."

Der Bann war gebrochen, und die DDR versank danach im Chaos. Viele Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates machten sich noch abends auf den Weg, testeten die Freiheit und knatterten in ihren Trabis Richtung Westen. Was zumindest in Franken nicht so einfach war, denn bis 1973 war die einzige Verbindung von Franken in die DDR die A9 über den Grenzübergang Rudolphstein. Erst danach kam der sogenannte Kleine Grenzverkehr mit zwei weiteren Straßenverbindungen in den Osten hinzu: der alten B4 von Rottenbach Richtung Eisfeld und der B19 von Mellrichstadt nach Meiningen, vorbei am Grenzübergang Eußenhausen.

Und genau dort steuerte der erste Wagen um 3.40 Uhr am 10. November in Richtung Unterfranken. Es kamen immer mehr Fahrzeuge und steuerten Mellrichstadt an. Ein findiger Wirt hatte sofort seine Chance erkannt und sein Lokal für die Landsleute von drüben geöffnet - es war wie ein Traum: Sektfrühstück im Westen! Bis 7 Uhr hatten 80 Reisende den Grenzübergang Eußenhausen passiert - bis 18 Uhr stieg die Zahl laut offiziellen Vermerken der DDR-Grenzer auf 3276 an. Ein Mann aus Thüringen konnte es gar nicht fassen, erklärte damals lächelnd: "35 Jahre hab' ich hinüber zu euch geguckt, und heut' ist der Tag, wo ich von dieser Seite aus rüber auf meinen Garten gucken kann."

Die Menschen rückten zusammen, feierten und genossen das Leben ohne Stasi und Unterdrückung! Bei aller Euphorie aber zogen ziemlich rasch dunkle Wolken über dem heiteren deutschen Vereinigungshimmel auf. Die Mitarbeiter mancher Stadtverwaltungen waren sauer über ihre Zehn-Stunden-Schichten, weil sie Stress mit der Auszahlung des Begrüßungsgeldes hatten.

Und das Winken in Richtung Trabis fiel vielen bald schwerer, die Westler schimpften über die Ossis und deren Abzock-Mentalität. "Guckt nur, da stehen die Faulenzer. Sie tun nichts und kriegen auch noch 100 Mark dafür. Als ob bei uns das Schlaraffenland wäre, sollen die doch drüben bleiben", stand in einem Leserbrief.

Sätze, wie man sie so ähnlich auch heutzutage hört. Für Kopfschütteln sorgten im nördlichen Franken derweil drei waschechte DDR-Punks. Die hatten wohl ihr Begrüßungsgeld verpulvert und ließen an einem Kiosk ein Nackt-Magazin mitgehen, hieß es im Bericht der Polizei. Als der Kiosk-Betreiber das Trio anhalten wollte, wurde er angepöbelt. Der Kleine Grenzverkehr war eben nicht immer frei von kleinen Streitigkeiten.

Für die Ordnungshüter war der Mega-Verkehr eine Herausforderung. Im Dezember 1989 wurden aber die Zeiten für Trabi-Rowdys härter: Ab diesem Zeitpunkt konnten Beamte (West) den Autofahrern (Ost) Verwarnungen ausstellen - zahlbar im Wechselkurs 1:1! Nur Falschparker bekamen (noch) keine Knöllchen. Es waren eben ein wenig wilde Zeiten - damals nach dem 9. November 1989.