• Schwabach/Bamberg: Priester beging Missbrauch in Altenheim
  • In den 1960er Jahren an Mädchen und jungen Frauen vergangen
  • Kirche half ihm bei Flucht - nach Rückkehr in Altenheim übergriffig
  • Erzbistum Bamberg startet Aufruf: Geistlicher hielt weiter Gottesdienste

Immer mehr Missbrauchsskandale um fränkische Pfarrer kommen derzeit ans Licht. Erst jüngst hatte der Bamberger Generalvikar einem Priester im Ruhestand wegen eines zurückliegenden Missbrauchs ein Predigt-Verbot erteilt. Nun hat sich das Erzbistum erneut an die Öffentlichkeit gewandt. Der Fall aus dem Zuständigkeitsbereich des Erzbistums Eichstätt ist besonders schockierend - denn hier hatte die Kirche aktiv bei der Flucht vor der Polizei geholfen. Nachdem die Taten verjährt waren, wurde der Missbrauchspfarrer wieder in der Heimat eingesetzt. Ein schwerer Fehler, wie sich jetzt herausgestellte. 

Fränkischer Pfarrer missbrauchte Mädchen und jungen Frauen - dann wurde er nach Afrika geschickt

Zum ersten Mal der Öffentlichkeit bekannt wurde der Fall des 2016 verstorbenen Geistlichen aus Mittelfranken im August 2022. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Abschlussbericht zu Personalakten der Fidei-Donum-Priester veröffentlicht. Fidei Donum (Übersetzung: Geschenk des Glaubens) ist der Name einer Koordinationsstelle der Deutschen Bischofskonferenz, die Auslandseinsätze deutscher Priester begleitet. In den Aktenordnern wurden "Hinweise vermutet", dass der ehemalige Geschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks der katholischen Kirche, Emil Stehle, bei der Vertuschung von sexuellem Missbrauch mitgewirkt haben soll, in dem er half, betroffene Pfarrer im Ausland zu verstecken. So auch im Fall des mittelfränkischen Priesters.

Der Pfarrer war nach seiner Weihe zunächst im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen eingesetzt und wechselte zum Beginn der 1960er Jahre in eine Kirchengemeinde im Kreis Eichstätt. Ab der Mitte der 60er Jahre war er dann erneut Priester im Kreis Weißenburg-Gunzenhausen und auch Übergangspfarrer in einer nahegelegenen Gemeinde im Kreis Donau-Ries. Wie eine Sprecherin des Erzbistums Eichstätt gegenüber inFranken.de bestätigt, kam es zu dieser Zeit wohl zu Missbrauchsfällen. Die Mediengruppe Bayern hatte Ende Oktober 2022 berichtet, der Geistliche habe sich damals in seinen Pfarreien an Mädchen und jungen Frauen vergangen

Anschließend wurde er - das ist bestätigt - mit Unterstützung des damaligen Bischofs Alois Brems (1906-1987) als Missionar nach Afrika geschickt. Und das zu einem offenbar nicht zufälligen Zeitpunkt: Denn der fränkische Pfarrer wurde nach der Anzeige durch eine Betroffene von der Polizei gesucht, wie es in dem Abschlussbericht zu den Akten heißt. "Der genaue Tatvorwurf war den Akten nicht zu entnehmen", heißt es im Bericht. Auffällig: In den Akten sollen für den fränkischen Pfarrer "in verschiedensten Schriftstücken unterschiedliche Varianten des Eigennamens genutzt" worden sein. "Es entstand der Verdacht, dass es sich hier um Vorgänge der Codierung handeln könnte. Ein System war nicht erkennbar", ist im Bericht zu lesen. 

Katholische Kirche schickte polizeilich gesuchtem Missbrauchspriester in Brasilien Geld

1973 habe Stehle den Priester in Bolivien getroffen, wo dieser einen neuen Arbeitsort gesucht habe. Der Franke sei "einige Zeit in Afrika gewesen und habe irgendwelche Probleme, weshalb er nicht nach Deutschland zurückkehren könne", wird das Gespräch zitiert. Dann habe er den Plan gehabt, sich nach Lateinamerika zu verlagern. Der Erzbischof von São Paulo habe den Geistlichen "jedoch nicht gewollt und ihm keine Arbeitserlaubnis erteilt". Der Grund hierfür wird im Bericht nicht genannt. Stattdessen fand der Missbrauchspriester laut den Akten Arbeit in der brasilianischen Gemeinde Itumbiara. Stehle half ihm offenbar dabei, eine neue Stelle zu finden.

1976 erhielt der Franke dann wohl regelmäßig Geld per Schecks aus dem Bistum Eichstätt, die auf seinen zweiten Namen und seinen Nachnamen ausgestellt wurden - "da es sonst bei der Anweisung an deine Adresse Schwierigkeiten geben könnte", wird ein Brief von Stehle an den Pfarrer zitiert. Auch "Kontrollen vonseiten der Bank" habe man umgehen wollen. 1977 habe der Geistliche dann von seiner Schwester per Brief erfahren, dass sein Fall "wegen vorzeitiger Verjährung abgeschlossen und die Fahndung somit aufgehoben" sei. Mitte der 1980er Jahre kehrte der Mittelfranke deshalb nach Deutschland zurück und war zunächst in der Erzdiözese Freising tätig, bevor er im Anschluss bis 2005 in Roßtal (Landkreis Fürth) die Seelsorger-Funktion übernahm. 

"Wir gehen davon aus, dass es noch mehr Betroffene gibt", erklärt die Sprecherin des Erzbistums Eichstätt gegenüber inFranken.de. Bis dato sind aus der aktiven Amtszeit des Pfarrers zwar nur die Fälle aus den 1960er Jahren bekannt. Doch am Freitag (18. November 2022) gab der Eichstätter Kreisverband der Caritas bekannt, dass der Priester nach seinem Ruhestand 2005 als Hausgeistlicher im Seniorenheim St. Willibald in Schwabach praktizierte - und dort erneut übergriffig wurde. "Betroffen waren insbesondere Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen des Seniorenheims. Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand und der Aktenlage leitete die damalige Verbands- und Einrichtungsleitung Maßnahmen ein, damit der Hausgeistliche nicht mehr alleine Kontakt zu den Bewohnerinnen und Bewohner hatte", heißt es in der Stellungnahme. 

Geistlicher wird Aushilfspfarrer im Kreis Forchheim - nach Übergriffen in Seniorenheim in Schwabach

Ob die Staatsanwaltschaft zu den Missbrauchsvorwürfen informiert wurde, wird hier nicht erwähnt. Es sei "auf seinen Auszug aus der Dienstwohnung im angrenzenden Nebengebäude hingewirkt" worden. 2012 legte der Priester demnach das Amt als Seelsorger im Seniorenheim nieder, 2013 habe er die Wohnung aufgegeben. Doch trotz der erneuten Straftaten zog es ihn wieder in das kirchliche Umfeld. Der des sexuellen Missbrauchs beschuldigter Pfarrer habe sich nämlich "in seinem Ruhestand von 2012 bis zu seinem Tod 2016 dauerhaft im Erzbistum Bamberg aufgehalten", heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung des Erzbistums Bamberg.

"Den Unterlagen zufolge wohnte er von Ende 2012 bis Juli 2014 in Heroldsbach, wo er als Aushilfsgeistlicher in der Gebetsstätte tätig war. Von Juli 2014 bis zu seinem Tod im Oktober 2016 lebte er in Bamberg", heißt es weiter. Der Bamberger Bistumsleitung seien "die Missbrauchsvorwürfe, die sich auf Taten in den 1960er-Jahren beziehen, zu keinem Zeitpunkt bekannt" gewesen. "Während und nach seiner Zeit in Heroldsbach und Bamberg sind dort keine Vorwürfe bekannt geworden. Er hatte auch keinen offiziellen Seelsorgeauftrag", heißt es. 

"Dass er Gottesdienste gehalten hat, das war bekannt", erklärt ein Sprecher des Erzbistums Bamberg gegenüber inFranken.de. Von den Vorwürfen gegen den verstorbenen Priester habe man allerdings "erst vor einigen Wochen aus den Medien erfahren", heißt es dort. Nun rufe man "mögliche Betroffene von sexuellen Übergriffen auf, sich zu melden, um die Aufarbeitung zu unterstützen". Weshalb die Fälle aus dem Erzbistum Eichstätt erst jetzt, sechs Jahre nach dem Tod des Pfarrers, ans Licht kommen, wirft hingegen viele Fragen auf. 

Sexueller Missbrauch: Warum informierte das Erzbistum Eichstätt nicht früher?

Denn alle deutschen Erzbistümer hatten ihre Personalakten für eine Untersuchung zu sexuellem Missbrauch durch Priester (MHG-Studie), die 2018 fertiggestellt wurde, durchgesehen und anonymisiert an die zuständigen Wissenschaftler und Wissenschaftler weitergegeben. "Die Akten wurden an die Staatsanwaltschaft weitergegeben und sind auch in die MHG-Studie eingeflossen", bestätigt die Sprecherin des Erzbistums Eichstätt gegenüber inFranken.de. Damals waren keine Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, wie der Donaukurier berichtet hatte. Hier verweist man auf die Unabhängige Aufarbeitungskommission des Bistums (UAK), die aufgrund der Fidei-Donum-Erkenntnisse "im ersten Halbjahr 2022 die einschlägigen Personalakten gesichtet" habe.

"Es handelt sich um eine Strukturfrage, wie man die Aufklärung in die entsprechenden Bahnen lenken kann", so die Sprecherin. In Kürze soll ein eigener Bericht über den fränkischen Missbrauchspriester durch die UAK veröffentlicht werden. Bis dahin wolle man sich beim Erzbistum Eichstätt nicht zu Details äußern - entsprechende Fragen von inFranken.de , etwa zu Zahl, Alter und Geschlecht der Betroffenen, ließ man hier unbeantwortet. Auch ohne die Medienberichte sei es zur Offenlegung der Fälle gekommen, so die Sprecherin. "Diese kamen dem UAK-Bericht einfach zuvor."

Die neusten Erkenntnisse aus Schwabach zum sexuellen Missbrauch seien "erschütternd und beschämend" - auch der Caritasverband arbeite mit der Aufarbeitungskommission zusammen. Zudem werde die UAK Eichstätt "ein Rechtsgutachten in Auftrag geben, das sowohl eine strafrechtliche als auch kirchenrechtliche Würdigung des Sachverhalts leisten soll", so die Sprecherin. Bestandteil des Gutachtens werde "das Verhalten der Verantwortlichen der älteren sowie jüngeren Vergangenheit sein". Der Generalvikar des Erzbistums Eichstätt habe "nahezu alle ehemaligen Einsatzorte des Pfarrers mit externen Ansprechpersonen besucht, um dort durch Gespräche mögliche weitere Betroffene zu finden". 

Ansprechpartner des Erzbistums Eichstätt sind hier zu finden. Das Erzbistum Bamberg hat hier eine Liste von Ansprechpartnern bereitgestellt.