Die Kneipe an der Ecke ist noch geschlossen. Nur am Getränkemarkt ist an diesem Samstagmorgen schon etwas los. "Ich habe keinen Brief bekommen", sagt ein Mann und zieht einen kleinen Flachmann aus der Jackentasche. "Ich schon", sagt ein anderer und präsentiert die Einladung der Polizei zur Speichelprobe. "Ich geh` gleich hin. Ich habe ja nichts zu verbergen", sagt der Mann mit usbekischen Wurzeln, sagt "Servus" und geht zum katholischen Gemeindezentrum direkt gegenüber.

Hier hat die Sonderkommission "Elsass" seit Samstagvormittag ihre Zelte aufgeschlagen, um endlich eine heiße Spur in dem brutalen Mordfall zu finden, der sich gleich vis-à-vis der Kirche in der Elsässerstraße im Sommer vergangenen Jahres ereignet hat. Zwei unbekannte Männer hatten eine 85-jährige Seniorin in einer Juni-Nacht brutal überfallen und ermordet.
Über den Balkon und eine offene Balkontür waren die Täter in die Wohnung der Rentnerin im Hochpattere eingedrungen, hatten die Frau gefesselt, Bargeld, Schmuck und eine teure Uhr eingesteckt und waren in der Nacht beinahe spurlos wieder verschwunden.

Zwei Tage später wurde Anneliese Morchutt tot in ihrer Wohnung entdeckt. Wie die Ermittlungen schnell ergaben, war die 85-Jährige qualvoll erstickt. Am Tatort fanden die Fahnder keine Fingerabdrücke. Nur die genetischen Fußabdrücke von zwei Männern konnte die Kripo in der Wohnung sichern. Auf diese Spuren konzentrieren sich jetzt die Ermittlungen in dem ungewöhnlichen Fall. Rund 1000 Männer zwischen 20 und 40 Jahren bittet die Sonderkommission in diesen Tagen zur Speichelprobe. Man wolle den Täterkreis nach dem Ausschlussprinzip einengen, erklärt ein Polizeisprecher.

Eine Frage geht der Soko nicht aus dem Kopf: Warum hatten es die Täter ausgerechnet auf die Frau abgesehen? "Ich kannte die Frau. Wir haben uns immer beim Gassigehen mit den Hunden getroffen", erzählt eine 57-jährige Rentnerin, die gerade mit ihrem Yorkshire-Terrier in der Elsässerstraße unterwegs ist. "Die konnte nie ihren Mund halten", erzählt die Frau leise. Habe immer damit geprahlt, wie reich sie sei. Eine "Aufschneiderin" sei die stets elegant gekleidete Dame gewesen, glaubt die Frau mit dem Terrier. Das ganze Geld aus dem Verkauf einer Kneipe hatte die ehemalige Gastwirtin längst verjubelt. "Der ganze Klunker war doch längst nicht mehr echt", erzählt die Frau weiter. "Ich gehe nachts nicht mehr mit dem Hund raus, weil die Gegend hier einfach zu gefährlich ist. Oder sehen Sie hier noch einen anderen Deutschen? Mich nennen hier schon viele die ,Nazi-Oma`, weil ich mich überall einmische und meinen Mund nicht halten kann." Den kleinen Hund habe sie ans Katzenklo gewöhnt, um im Dunkeln nicht mehr auf die Straße zu müssen.

Derweil läuft eine junge Familie mit Kind und Hund die Straße entlang. "Erst neulich haben drei Jugendliche einen 50-jährigen Hausmeister hier gleich ums Eck zusammengeschlagen", erzählt der Mann, die Frau nickt und zieht an ihrer Zigarette. "Ich bin freilich dazwischen gegangen", sagt der muskulöse Mann mit der dunklen Hautfarbe und dem Brillanten im Ohr. Dem Hausmeister hätten die Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 das Nasen- und Schienbein gebrochen.

"Die Gegend wird immer schlimmer. Hier sind schon knallharte Typen unterwegs", erzählt ein anderer Mann, der mit einem Bier vor dem Getränkemarkt in der Hoffnung auf ein Schwätzchen in der Wintersonne steht. "Ich war früher bei der Anneliese in der Allersberger [Straße; Anm. des Verfassers] sogar noch in der Kneipe", erzählt der Mann, der zu alt ist, um von der Polizei zur Speichelprobe gebeten zu werden. Vor ihrem Tod habe er sie noch manchmal beim Bäcker um die Ecke hocken gesehen. Ansonsten sei sie auch zuletzt noch gut gekleidet wie immer mit ihrem Hund durchs Viertel spaziert. "Es ist schon komisch, dass keiner was gehört hat. Der Hund von der Frau muss doch gebellt haben", sagt ein älterer Herr der mit seinem Vierbeiner dazugekommen ist.

Die Ermittler rätseln auch, warum in der Tatnacht niemand in dem eng bebauten Viertel etwas gesehen oder gehört haben will? Die Polizei verdoppelte die Belohnung für Hinweise aus der Bevölkerung auf 10 000 Euro. Auch die Schilderung des Falls bei "Aktenzeichen XY" im Fernsehen brachte keine entscheidenden Hinweise. Um nichts unversucht zu lassen, habe sich die Polizei nun zur ultima ratio entschieden: einem Massengentest. Die Polizei weiß wie unbeliebt diese Maßnahme in der Bevölkerung ist. Viele fürchten ihre persönlichen Erbinformationen werden - Gesetze hin oder her - doch irgendwo gespeichert. Derweil herrscht bei der DNA-Reihenuntersuchung noch immer tote Hose. Auch die extra reservierten Parkplätze vor der Kirche bleiben leer. "Das haben wir uns schon gedacht, dass heute der Andrang überschaubar bleibt", sagt der Polizeisprecher und verweist auf das Heimspiel des 1. FC Nürnberg. Der Aufwand ist enorm. Bis Dienstagabend können die 1000 Männer ihre Speichelprobe abgeben. Freiwillig natürlich. Wer trotzdem nicht erscheint, wird nochmal höflich von der Polizei gebeten, seine DNA abzugeben.
Derweil flanieren immer mehr Frauen mit ihren Hunden durch den "Park", der nicht viel mehr als eine unbebaute Grünfläche zwischen den zahlreichen Wohnblöcken und der Kirche ist. Hier und dort bereiten sich Männer in kleinen Grüppchen auf das Club-Spiel vor. Wochenende bedeutet für viele Männer hier Fußball und Bier. Dann kommt der Mann mit den usbekischen Wurzeln zurück zum Getränkemarkt. "Es war nicht schlimm. Mund auf, Wattestäbchen rein - und tschüss." Er hoffe nur, dass sein digitaler Fußabdruck irgendwann wieder gelöscht werde. Die Polizei wird nicht müde zu erklären, dass dies genau der Fall sein werde, sobald der Fall aufgeklärt ist. Auf einen Treffer hofft die Soko nur im stillen Kämmerlein. Aber unversucht will die Kripo nichts lassen. Vorher weiß man`s nie, nachher ist man immer schlauer.