• Nürnberger Verein versorgt Obdachlose und bekommt Leid hautnah mit
  • Winterkälte führt zu Überlebenskampf - gemeinsame Gedenkminute in U-Bahn-Station
  • "Noch mehr konsumieren" - warum Betroffene so schwer aus der Spirale kommen
  • "Dafür sind wir doch auf der Welt" - wie Passanten helfen können

Michael "Mike" Schlager ist regelmäßig für den Verein Heinzelmännchen für OHA e.V. auf den Straßen Nürnbergs unterwegs, um Obdachlose mit wichtigen Dingen und Mahlzeiten zu versorgen. Darüber hinaus begegnet er ihnen als ehemaliger Fast-Betroffener "auf Augenhöhe" und baut persönliche Beziehungen zu vielen von ihnen auf. Wie er inFranken.de erzählt, sei es dann besonders schlimm, wenn die Kälte ein Leben fordert: "Daran gewöhnt man sich nicht".

Helfer im Einsatz für Obdachlose in Nürnberg - "Wir erfahren, wenn wieder einer gestorben ist"

Schlager hatte damals, als Alkoholiker, Glück und geriet nicht auf die Straße. "Ich war kurz davor, doch meine Familie wollte mich nicht gehen lassen." Um so besser kann er sich in die vielen Einzelschicksale hineinversetzen. Jeden zweiten Sonntag besuche das Team etwa 40 Obdachlose mit mehreren Bollerwagen. Diese seien gefüllt mit konservierbaren Lebensmitteln, Wasserflaschen, warmen Speisen, Klamotten und Hygieneartikeln. Die Dankbarkeit sei oft spürbar.

Seit die Kälte wieder angezogen hat, sind vor allem die Nächte lebensbedrohlich. Darauf machte die Stadt Nürnberg bereits im November aufmerksam. "Wir erfahren, wenn wieder einer gestorben ist. Letztens ist einer bei der Kälte nicht mehr aufgewacht. Es ist immer wieder schlimm." Schlager fügt hinzu: "Dann machten wir in der U-Bahn-Station eine Gedenkminute mit den Obdachlosen. Es ist wie ein Ritterschlag, wenn dich die Leute einladen, ihresgleichen mitzubetrauern. Das ist schon familiär geworden."

Seine erste Antwort auf die Frage, ob sich Obdachlose mit bestimmten Strategien vor dem Erfrieren schützen: "Noch mehr konsumieren. Ich weiß, dass man da draußen ohne Suchtmittel nicht leben kann, weil man vereinsamt." So spönnen manche Heile-Welt-Geschichten etwa von einer wohlhabenden Tante in Amerika, die einmal ein Vermögen vererben würde. Die Sucht mache alles aber "noch komplizierter. Sie sind nicht mehr in der Lage, sich zu versorgen und Verantwortung für sich zu übernehmen." Und das sei das große Hindernis, der aussichtslosen Situation der Obdachlosigkeit zu entkommen.

"Wenn deine Existenz völlig egal ist" - wie man Obdachlosen begegnen kann

Notschlafplätze seien zwar ein Angebot, doch diese stünden ausschließlich größeren Gruppen zur Verfügung. "Der Nüchternste beklaut die anderen", sei laut Schlager die Konsequenz. So zögen es die Menschen vor, an ihren Plätzen auf den Straßen zu bleiben. "Stellenweise liegen sie zu zweit oder zu dritt unter einem Schlafsack oder pinkeln in ihren Schlafsack, weil es wärmt", weiß der ehrenamtliche Helfer. 

Bestürzt zeigt sich Schlager über die Ignoranz vieler Passantinnen und Passanten. "Keiner geht mal hin und schaut, ob er überhaupt noch lebt. Bei Kälte sieht man ja relativ einfach, ob jemand noch atmet", so Schlager. Im Ernstfall könne man schlichtweg den Notarzt anrufen und "muss dabei ja noch nicht einmal direkten Kontakt haben", bekräftigt er und zeigt im gleichen Zuge Verständnis, dass Menschen abgeschreckt sind. Eine weitere einfache Hilfsmöglichkeit: "Jeder, der ein Paar Handschuhe oder Socken übrig hat, kann sie einfach daneben legen."

Nicht zu vernachlässigen überdies sei ein persönliches Wort. "Die Leute brauchen Gespräche, sie brauchen mal ein 'Wie geht's dir?' Für einen Menschen gibt es doch nichts Schlimmeres, als wenn sich keiner mehr für dich interessiert, wenn deine Existenz eigentlich völlig egal ist." Auch für einen selbst könne so eine Begegnung "befriedigend" sein. Mike Schlagers Botschaft: "Dafür sind wir doch auf der Welt. Dass die, denen es ein bisschen besser geht, denjenigen, denen es nicht so gut geht, einfach ein bisschen Zuwendung schenken."

In Deutschland könnte derweil von Ende Januar bis in den März hinein ein "arktischer Winter" mit teils zweistelligen Minusgraden drohen.