• Bundestagswahl 2021 in Nürnberg: CSU könnte beide Direktmandate verlieren
  • Prognosen sehen in den Wahlkreisen Nürnberg Nord und Nürnberg Süd gute Möglichkeiten für SPD-Kandidaten
  • Tessa Ganserer (Grüne) hat ebenfalls Chancen auf den Einzug in den Bundestag
  • "Bin ich nicht von ausgegangen": Schwabacher SPD-Kandidat könnte Überraschungssieger werden 

In Nürnberg könnte zur Bundestagswahl am kommenden Sonntag (26. September 2021) ein historischer Umbruch anstehen. Der CSU, die seit 2002 durchgängig die Direktmandate holen konnte, droht aktuellen Prognosen zufolge der Verlust ihrer beiden Direktmandate. inFranken.de hat mit den Kandidaten gesprochen und gefragt, wie realistisch sie ihre Chancen sehen, in den Bundestag einzuziehen - oder ihr Mandat zu behalten. Alle Ergebnisse der Bundestagswahl in Nürnberg gibt es hier in unserem Live-Ticker.

Brehm, Heinrich, Ganserer: So stehen die Chancen im Triell um Nürnberg-Nord 

Im Wahlkreis Nürnberg-Nord sieht die Plattform election.de für Direktkandidatin Gabriela Heinrich (SPD) eine 68-prozentige Wahrscheinlichkeit, das Mandat zu gewinnen. Auch Tessa Ganserer (Grüne) hätte demzufolge Chancen auf den Einzug in den Bundestag, wahrscheinlich ist dies der Plattformprognose zufolge aber nur zu 17 Prozent. Dass hingegen Sebastian Brehm (CSU) sein Mandat behält, gilt für das Analyse-Team der Website als das unwahrscheinlichste Ergebnis (13 Prozent). 

Ganz anders wird dies beim Bundestagswahl-Dashboard der Süddeutschen Zeitung bewertet. Hier wird der Gewinn des Direktmandats durch Sebastian Brehm als wahrscheinlich bewertet - die Chance, dass Heinrich oder Ganserer das Mandat erringen, liegt bei unter 50 Prozent, wobei Heinrich leicht vor der Grünen-Kandidatin liegt.

Auch Wahlkreisprognose.de sieht zwar Unsicherheiten für Brehm, aber langfristig doch eine hohe Wahrscheinlichkeit von 76 Prozent, dass der Steuerberater Nürnberg Nord wieder in Berlin vertritt. Für die studierte Medienberaterin, die über die Landesliste der SPD Bayern seit 2013 im Bundestag sitzt, sprechen nur 15 Prozent. Tessa Ganserer gibt Wahlkreisprognose.de nur eine fünf-prozentige Chance auf das Direktmandat. 

"Mit der Linken geht Außenpolitik gar nicht" - Gabriela Heinrich (SPD) 

"Ich habe natürlich keine Glaskugel", sagt SPD-Kandidatin Gabriela Heinrich, stellvertretende Fraktionsvorsitzende für Außenpolitik, im Gespräch mit inFranken.de. Was sie jedoch feststellen könne, sei, dass sie derzeit "wirklich viel Zuspruch" erhalte. Unter den richtigen Umständen, wozu auch der Bundestrend gehöre, habe man als SPD-Kandidierende in Nürnberg durchaus "die Chance, das Direktmandat zu gewinnen", sagt Heinrich. Vielleicht werde es aber auch ein Dreikampf, schätzt die 58-Jährige. Am Telefon macht Heinrich einen eher gelassenen Eindruck. Das liegt wohl auch daran, dass Heinrich auf Platz 8 der Landesliste steht. Ihr Wiedereinzug ins Berliner Parlament gilt somit als gesichert.

Ihr gehe es um Themen wie Städtebau, Migrationsberatung und Inklusion, sagt Heinrich, und nicht darum, Versprechen zu machen, "wie viele Fördergelder ich nach Nürnberg hole". Dafür setze sich eh jeder Kandidierende ein. Und welche Koalition wünscht sie sich? "Mit der FPD wird es im Steuerbereich schwierig, mit den Linken geht Außenpolitik gar nicht." Ein Bekenntnis zur Ampel? Nein, nein, winkt Heinrich ab. "Ich bin nun mal für Internationales zuständig. Jemand, der sich bei der SPD um Finanzen kümmert, würde wohl etwas anderes sagen. Letztlich werden wir eine Regierung bilden müssen", sagt sie zum Schluss des Gesprächs. Auch Tessa Ganserer (Grüne), die 2013 als erste Transfrau in ein bayerisches Parlament einzog, sieht den Gewinn des Direktmandats als "realistisch" an, sagt sie gegenüber inFranken.de.

Den Wahlkreisprognosen messe sie aber "nicht zu viel Gewicht bei", so die 44-Jährige. "Es gibt keine statistisch abgesicherten Prognosen für Wahlkreise in Deutschland. Das beruht alles auf unterschiedlichen Rechenmodellen, bei denen die Portale die landesweiten Ergebnisse auf Wahlkreise herunterbrechen." Man müsse dies auch unter dem Gesichtspunkt sehen, dass ihrer Einschätzung nach ein Großteil der Wählenden "noch unentschlossen" sei. Ganserer verweist aber darauf, dass sie bei der Landtagswahl 2018 nur 1,9 Prozent hinter der CSU-Kandidatin Barbara Regitz gelegen habe. "Es wird ähnlich knapp werden", prophezeit sie. Definitiv habe die Debatte um das sogenannte "Deadnaming" - Ganserer steht bei der Wahl mit ihrem früheren Namen auf dem Stimmzettel - ihr aber zu mehr Aufmerksamkeit verholfen, sagt sie.

Ganserer (Grüne) sieht Sieg als "realistisch" - Brehm muss um Mandat fürchten 

"An Infoständen bekomme ich kleine Schokogeschenke von Leuten, aus allen Gegenden wurde mir geschrieben. Menschen liefen mir teils sogar hinterher und haben um Fotos gebeten", erzählt die grüne Kandidatin. Was Koalitionen angehe, mache sie sich aktuell aber "keine Gedanken um CSU, SPD und schon gar nicht um die FDP", sagt Ganserer - angesprochen auf die neuesten Jamaika-Avancen Christian Lindners. Sie kämpfe für "soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz, eine weltoffene Gesellschaft und starke Grüne in Regierungsverantwortung". Dass es gerade in konservativen Gegenden Nürnbergs wie dem Knoblauchsland oder Erlenstegen knapp werden dürfte, schreckt Ganserer nicht ab.

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"Das Direktmandat wird über den ganzen Wahlkreis hinweg gewonnen. Wenn ich mir die Wahlergebnisse der letzten Jahre anschaue, zeichnet sich ein Trend ab, dass die Grünen durch alle Schichten an Zuspruch gewinnen." Keinen Zuspruch zu verlieren ist hingegen das Ziel von Steuerberater Sebastian Brehm (CSU), der das Direktmandat 2017 als Nachfolger von Dagmar Wöhrl (CSU) holen konnte. Der Bereich Finanzen ist auch Brehms Spezialgebiet, Steuersenkungen und technologische Innovation seine Hauptforderungen. Trotz mehrfacher Anfrage von inFranken.de war es leider nicht möglich, ein schriftliches oder persönliches Statement von Brehm einzuholen. Aus seinem Berliner Büro heißt es, man sei "auf der Straße im Wahlkampf unterwegs".

Gegenüber der Süddeutschen Zeitung sagte Brehm kürzlich, er hoffe noch auf die "etwa 30 Prozent Unentschiedenen". Es könne sich kurz vor der Wahl "noch viel drehen". Gleichzeitig setzte der 49-Jährige in dem Gespräch auf ein taktisches Argument. Man solle seine Stimme nicht an Kandidierende geben, die sowieso über die Landesliste in den Bundestag einzögen. Denn für den Chef einer Steuerkanzlei gilt das im Gegensatz zu Ganserer und Heinrich nicht. Durch die hohe Anzahl an Direktmandaten, die der CSU prognostiziert werden, würde Brehms Listenplatz 15 höchstwahrscheinlich nicht für einen erneuten Einzug in den Bundestag reichen. 

Prognosen im Wahlkreis Nürnberg-Nord sehen Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CSU und SPD

Im Bundestagswahlkreis Nürnberg-Süd ist die politische Konstellation anders als im Norden der Stadt. Und doch könnte es auch hier für die CSU denkbar knapp werden, wenn man den Prognosen Glauben schenkt. So sagt election.de voraus, dass SPD-Kandidat Thomas Grämmer mit 68 Prozent Wahrscheinlichkeit das Direktmandat holt. Anwalt Michael Frieser (CSU),  der den Wahlkreis bereits seit 2009 vertritt, wäre demzufolge mit 32 Prozent der Sieger

Und auch Wahlkreisprognose.de besagt, die aktuelle Stimmung spreche nicht unbedingt für Frieser, das Direktmandat im Nürnberger Süden gilt als "eher unsicher" für die CSU. Im langfristigeren Chancencheck, der auch die Bekanntheit der Kandidierenden und den Faktor des aktuellen Gewinners berücksichtigt, werden Frieser allerdings trotzdem 78 Prozent Wahrscheinlichkeit für einen Sieg zugesprochen. Die SPD kann der CSU das Direktmandat hier mit einer Wahrscheinlichkeit von 18 Prozent abringen. 

Das Dashboard der Süddeutschen Zeitung rechnet hingegen mit einem engen Kopf-an-Kopf-Rennen in Nürnberg Süd. Dabei sieht die Zeitung Michael Frieser leicht im Vorteil, der Gewinn des Direktmandats sei "möglich". Die Wahrscheinlichkeit, dass der CSU-Mann wieder direkt nach Berlin geht, liege so hoch, wie bei einem Würfelwurf eine 2, 4 oder 6 zu erzielen, heißt es zur besseren Veranschaulichung. Dass Thomas Grämmer den Wahlkreis hole, sei mit etwas unter 50 Prozent wahrscheinlich. Die Grünen mit Sportreporter Sascha Müller hätten laut allen Prognosen dagegen kaum Chancen aufs Direktmandat für Berlin. 

Möglicher Mandatsverlust: Michael Frieser (CSU) sieht bundesweiten Trend in der Schuld 

Wie Tessa Ganserer hält auch Michael Frieser wenig von den Wahlkreisprognosen. "Natürlich ist es eng, enger als bei den bisherigen Wahlen", sagt er gegenüber inFranken.de. Daran Schuld hat für den Anwalt vor allem die Stimmung im Bund. "Die CSU kann sich nicht vom Unionsstand abkoppeln", erklärt der 57-Jährige seine Sicht auf den kommenden Sonntag. "Wenn wir einen eigenen Kandidaten aufstellen, liegen wir im Regelfall acht bis 12 Prozent über dem bundesweiten Unionsergebnis, ohne eigenen Kandidaten sind es acht bis zehn Prozent", so seine Beobachtung. 

Dies werde sich auch am 26. September 2021 "nicht sonderlich ändern". Und: "Die städtischen Wahlkreise waren schon immer enger, auch landesweit wird es eng", sagt Frieser. "Der SPD-Kandidat ist neu, da wird man schauen müssen. Ich mache mir um meinen Wahlkreis aber keine Sorgen", gibt sich der Rechtsanwalt zuversichtlich. Ob er auch dann für eine unionsgeführte Regierung ist, wenn CDU und CSU bei der Wahl nicht gewinnen? "Ich glaube persönlich nicht daran, dass sich jemand in der Opposition erholt, wie es ja von manchen Leuten derzeit gesagt wird. Es geht schließlich darum, zu handeln, etwas zu bewegen und das heißt auch zu regieren." Nach der Wahl seien "alle Demokraten dazu verpflichtet, miteinander zu reden, man kann sich einer Koalition nicht verweigern".

Dass Söder möglicherweise mehr Stimmen geholt hätte, sei für ihn "absolut gegessen". Armin Laschet sei am vergangenen CSU-Parteitag" in Nürnberg selbst überrascht von der Herzlichkeit und Ernsthaftigkeit aus der CSU" gewesen, berichtet Frieser. Er selbst stehe dafür, "auch mit Querdenkern, mit Menschen, die die Institutionen unseres Landes ablehnen" zu sprechen, kooperiere aber gleichzeitig "nicht mit links und rechts". In unserem Kandidatenporträt schreibt Frieser, die 20er-Jahre seien ein "Innovationsjahrzehnt mit einem Dreiklang aus Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Bürokratieabbau". Aber auch Pläne für das mögliche Ausscheiden aus dem Bundestag habe er schon. "Dann schnaufe ich mal tief durch. Und ich habe ja noch einen Beruf, den ich erlernt habe und der mir viel Freude bereitet."

Schwabacher Thomas Grämmer (SPD) hat selbst nicht mit guten Umfragewerten gerechnet

Den langjährigen CSU-Abgeordneten zu verdrängen, ist das große Ziel von Thomas Grämmer (SPD). Der Schwabacher gibt zu, dass er selbst nicht damit gerechnet habe, dass seine Chancen plötzlich so gut stehen. "Dass es sich so entwickelt hat, ist eine tolle Sache, da bin ich nicht von ausgegangen." Trotzdem habe das Mitglied der Geschäftsleitung der Rummelsberger Diakonie schon "bevor ich mich zur Wahl gestellt habe, viel mit meiner Familie gesprochen". Er sei bereits jetzt beruflich oft mehrere Tage die Woche unterwegs, eine allzu riesige Umstellung sehe er also nicht. 

Den Grund für seine guten Chancen, sieht er zum einen in Olaf Scholz, der die Leute "überzeugt" habe und zum anderen darin, dass "die Themen der SPD wieder gesehen werden". Die Partei habe immer "mehr Potential gehabt, als es die Umfragen zu Beginn ausgesagt haben". Grämmers großes Thema ist die soziale Gerechtigkeit.

"Wohnraum und Wohnqualität für alle, eine wirkungsvolle Steuerpolitik, ein Rentenmodell für die Zukunft, digitale Teilhabe, eine soziale, saubere und sichere Mobilität, starke Rechte für Kinder und junge Menschen und eine nachhaltige Anerkennung für systemrelevante Berufe", das seien seine Schwerpunkte. Die aktuellen Aussagen der FDP, auch ohne Scholz eine Koalition bilden zu wollen, selbst wenn der gewinne, will Grämmer "im Zuge des Wahlkamps nicht überbewerten". Fragen nach seinen Koalitionspräferenzen weicht er allerdings immer wieder aus. "Ich kämpfe für eine starke SPD", sagt der Sozialexperte. Es bleibt spannend- auch nach dem kommenden Sonntag. 

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