Eine 90-jährige Seniorin hat den Begriff Aktionskunst am Mittwoch im Neuen Museum in Nürnberg offensichtlich allzu wörtlich genommen und diesen als Aufforderung missverstanden. Die unglaubliche Geschichte, in der ein Kugelschreiber, ein Kreuzworträtsel und eine 90-Jährige die Hauptrollen spielen, soll sich in etwa so abgespielt haben.

Eine fränkische Seniorengruppe wandelt durch die Sammlung für zeitgenössische Kunst am Klarissenplatz. Hinter der geschwungenen Glasfassade sind keine alten Ölschinken ausgestellt. Zu sehen ist der letzte Schrei der Kunstwelt. Alles ein bisschen dings. An jeder Ecke wird mit Zeichen und Codes gespielt. Wahrnehmung und Verstand fahren Achterbahn. "Was ist Kunst?", steht häufig unsichtbar über den Werken. Irgendwann erreicht die Gruppe einen Raum, den das Haus den Arbeiten der Avantgardekünstler der "Fluxus-Bewegung" gewidmet hat. Nach dem Dadaismus wagten die Aktionskünstler zu Beginn der 60er Jahre einen neuerlichen Angriff auf das Kunstwerk, das abgelehnt wurde und als bürgerliches Statussymbol abgelehnt und verpönt wurde.


Drei fatale Wörter: "Insert your word"

Allein die schöpferische Idee war den Fluxus-Leuten etwas wert. Zu ihnen zählte auch der deutsche Künstler Arthur Köpcke, der 1965 eine Collage mit dem Titel "Reading-Work-Piece" schuf. Auf diesem Wimmelbild platzierte der 1928 in Hamburg geborene Künstler unter anderem ein Kreuzworträtsel, wie es noch heute in fast jeder guten Zeitung abgedruckt wird. Ein paar Kästchen füllte Köpcke mit Buchstaben aus. Dann hatte er keine Lust mehr und ließ den Griffel fallen. Obendrüber schrieb er noch drei, die wie sich heute zeigt, fatale Wörter: "Insert your word." (Fügen Sie Ihr Wort ein.)

Ein halbes Jahrhundert später steht die besagte Seniorin vor dem beschriebenen Werk und zückt flugs ihren Kugelschreiber aus der Handtasche. Mit Feuereifer macht sich die kunstinteressierte Dame daran, das abgebrochene Werk des Künstlers zu vervollständigen und das Kreuzworträtsel zu lösen. Die umstehenden Damen nehmen daran keinen Anstoß. Eine Museumswärterin traut freilich ihren Augen nicht, als sie die Rätselfreundin mit dem Stift in der Hand vor der Collage sieht. Beherzt schreitet sie ein und macht die Dame darauf aufmerksam, dass man Bilder in Museen weder berühren noch bemalen darf. Sicher erntet sie fragende Blicke.


Versicherungswert von 80 000 Euro

Daraufhin wird die Museumswärterin vielleicht folgendes Gleichnis erzählt haben. "Besucher im Zoo springen nicht in den Käfig, Besucher im Theater steigen nicht auf die Bühne und Gäste im Museum greifen nicht zum Pinsel, um die ausgestellten Bilder zu vollenden." Den ersten Damen aus der siebenköpfigen Gruppe der "Literaturfreunde" wird jetzt ein Licht aufgegangen sein, warum das mit dem Ausfüllen des Kreuzworträtsels doch nicht so eine gute Idee gewesen sein könnte.

Spätestens als die Polizei eintrifft, werden alle aus der siebenköpfigen Gruppe mit der harten Realität konfrontiert. Die Collage hat einen Versicherungswert von 80 000 Euro. Die Kreuzwort-Freundin, die mit Vornamen übrigens Hannelore heißen soll, erkennt ihren Fehler. Das Museum versucht zu beruhigen. Restauratoren eilen herbei, um den Schaden zu begutachten. Die Ordnungshüter bitten die Dame zur Vernehmung. Daraufhin macht sich helle Aufregung in den heiligen Hallen der Kunst breit. Die Damen aus der Gruppe echauffieren sich offensichtlich darüber, dass das Museum es versäumt habe, Warntafeln nach dem Motto "Kreuzworträtsel sind auch Kunst - bitte nicht ausfüllen!" vor das zugegeben auf den ersten Blick etwas dilettantisch wirkende Werk angebracht zu haben. Andere kritisieren wohl, dass die 90-Jährige wie eine Verbrecherin von der Polizei abgeführt worden sei. Kurz: Die Hölle bricht aus. Jemand zückt wohl ein Telefon und ruft die Zeitung in Nürnberg an, um diese von dem vermeintlichen Skandal im Neuen Museum zu unterrichten.


Es war sicher keine böse Absicht

Der Rest der Geschichte geht in Kurzform so. Die 90-Jährige befindet sich trotz Anzeige auf freiem Fuß. Eine Sprecherin des Museums versichert am nächsten Tag, dass der Schaden glücklicherweise gering und hoffentlich einfach behoben werden könne. Das Museumstelefon klingelt trotzdem pausenlos. Eva Martin wiederholt immer wieder diesen einen Satz. "Das war von der Dame sicher keine böse Absicht." Lediglich aus Versicherungsgründen habe man den Schaden der Polizei melden müssen. Die Museumssprecherin versichert, dass alles "halb so schlimm" sei. Motto: Ende gut, alles gut? Stimmt leider nicht ganz.

Schließlich ist im Wirbel um das Kreuzworträtsel die Eröffnung der Sonderausstellung "Chroma" mit 30 meist großformatigen Werken des wesentlich berühmteren Malers Gotthard Graubner beinahe untergegangen. Die meisten Gemälde stammen aus der Sammlung Böckmann, von der das Museum schon die superwertvollen Bilder von Gerhard Richter bekommen hat. Eigentlich ist das Museum davon ausgegangen, dass die "hochwertigen Werkgruppen von so prominenten Malern wie Richter und Graubner" ausreichen, um in der Museumswelt für Aufsehen zu sorgen. Nun wissen die Museumsleute, dass 90-jährige Kreuzworträtselfreundinnen den noch größeren Werbeeffekt haben.