Michael Weiß hat das Knoblauchsland jetzt fast für sich alleine. Nur ein paar Mitarbeiter sind beim 38-jährigen Sprengmeister und dem 250 Kilogramm schweren Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg geblieben. Es ist kurz vor zwölf. Auf den Straßen rund um den Fundort fahren keine Autos mehr. Selbst am Himmel ist alles still. Die Fluggesellschaften am Airport haben vorsorglich ihre Starts und Landungen verschoben. Nur Michael Weiß ist auf der Baustelle geblieben, auf dem am Montag das gefährliche Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden war. Der Sprengmeister wartet auf das Startsignal. "Ich bin seit sieben Uhr hier draußen. Langsam wird es wirklich kalt und die Klamotten klamm", wird der Fachmann von der Kampfmittelbeseitigungsfirma nach der geglückten Entschärfung zu Protokoll geben.



Doch der Reihe nach. Pünktlich um neun Uhr beginnen die Einsatzkräfte damit, das Sperrgebiet rund um den Fundort systematisch zu räumen. Zwischen den Stadtteilen Almoshof und Thon müssen 8400 Menschen, die zwischen dem Flughafen und einer berühmten Eisfabrik leben, evakuiert werden. Rund 570 Menschen in Uniform patroulieren durch die Straßen. In den meisten Häusern sind die Jalousien herunter gelassen. Die Straßen sind menschenleer.

Nur ein Bus mit Medienvertretern geistert durch den Morgennebel, der über den Häusern der Vorstadt liegt. Beim letzten Bombenfund am Hauptbahnhof hätte sich die Medienmeute teilweise daneben benommen, erklärt Thomas Schertel von der städtischen Feuerwehr. Deswegen werden die Reporter diesmal wie im Irak-Krieg "embedded". Die Stimmung im Medien-Shuttle ist trotzdem gelöst. Angst vor der Bombe hat hier niemand. Um geht höchstens die Sorge, kein gutes Statement aus dem Sperrgebiet zu bekommen. Aber auch die ist unbegründet. Denn in der Cuxhavener Straße ist noch was los. "Ich sperr` meinen Lotto-Laden jetzt zu", sagt Anette Gradschke. Nebenan hat ein Kamerateam noch eine Anwohnerin entdeckt, die noch nicht evakuiert worden ist. "Ich fahre jetzt zur Arbeit", sagt Birgit Frost ins Mikrofon.

Anwohner nehmen es gelassen
Verstehen könne sie die ganze Aufregung um die Bomben-Entschärfung nicht, sagt die Frau als die Kameras schon wieder auf das Nachbarhaus gerichtet sind. Von unentdeckten Bomben gehe ihrer Meinung eine weitaus größere Gefahr aus. Von Angst ist auch nebenan keine Rede.

Im Rollstuhl wird eine ältere Dame von Sanitätern aus dem Haus geschoben. Eine Polizistin hält die Fotografen in Schach. Die Dame will nicht abgelichtet werden, während sie per Krankenwagen in Sicherheit gebracht wird. In einer nahe gelegenen Schulturnhalle hat die Stadt extra eine Art Notunterkunft eingerichtet. Zahlreiche Sonderbusse sind im Einsatz, um die Anwohner in Sicherheit zu bringen. Klaus Menzel hat andere Pläne. "Ich fahr jetzt mit meinem Auto und meiner Frau zum Einkaufen", sagt der 77-Jährige, der den Bombenhagel auf der Flucht von Breslau in den Westen als Kind noch hautnah miterlebt hat.

Mittlerweile ist auch die Verkehrsader zwischen Erlangen und dem Nürnberger Norden komplett gesperrt. Der Flughafen ist nur noch über Ziegelstein zu erreichen. Derweil hat Ulrich Maly (SPD) zahlreiche Mikrofone vor der Nase. "Vorsicht ist angesagt, Panik nicht", sagt der Oberbürgermeister, während der Regen immer stärker wird. Dann heißt es warten.

Genau 30 Minuten bis 12 Uhr 34. Die Bombe hängt jetzt am Haken. Das Sprengkommando hält die beiden Zünder in der Hand und träumt jetzt von einer warmen Dusche. Oder einem kalten Bier.