Die Orientalische Sammlung von Herzog Max aus dem Jahr 1838 steht wegen einer ausgestellten Mumie und der drei mumifizierten Schädel in der Kritik. Der neue Generalsekretär der Hanns-Seidel-Stiftung, Oliver Jörg, kündigte an, eine Expertenkommission einzuberufen, um das Museum inhaltlich neu zu konzipieren. Wir fragen den Münchner Ägyptologen Dr. Alfred Grimm, wie er zu diesem Vorhaben steht. Frage:Die Orientalische Sammlung in Banz ist wegen der ausgestellten Mumie und dreier mumifizierter Schädel in der Kritik. Der Generalsekretär der Hanns-Seidel-Stiftung, Oliver Jörg, kündigte an, eine Expertenkommission einzuberufen, um eine Neukonzeption für das Museum zu erstellen. Werden Sie in dieser Kommission angehören?

Alfred Grimm: Von der Einberufung einer Expertenkommission ist mir nichts bekannt. Ich habe bisher lediglich von einer für 2020 von der Hanns-Seidel-Stiftung geplanten Veranstaltung zur Problematik der in der Orientalischen Sammlung im Museum Kloster Banz gezeigten menschlichen Überreste ("Human Remains") Kenntnis erhalten, und dass Überlegungen bestehen, mich dazu einzuladen. Bis heute liegt mir jedoch keine offizielle Anfrage hinsichtlich einer etwaigen Teilnahme an diesem "Human Remains"-Kolloquium vor.

Muss die Provenienz, also die Herkunft, dieser Ausstellungstücke besser erklärt werden?

Nein: Alles dazu Bekannte und Wissenswerte wird in der Ausstellung vermittelt sowie in der auf umfassenden Recherchen beruhenden Begleitpublikation mitgeteilt. Die Provenienz der von Herzog Maximilian in Bayern von seiner Reise mitgebrachten Objekte - zu denen auch menschliche und tierische Überreste gehören - ist in einer Ausführlichkeit dokumentiert, die als exemplarisch gelten kann.

Könnten die Mumie und die abgetrennten Köpfe überhaupt pietätvoll ausgestellt werden?

Es geht dabei ausschließlich um die normative Frage nach der Relevanz, verbunden mit der generellen Problematik, ob und inwieweit gegenwärtig und zukünftig die öffentlich zugängliche Präsentation menschlicher Überreste mit Pietät vereinbart werden kann bzw. zu vereinbaren ist. In einer pluralistischen Gesellschaft wird es jedoch auch in dieser Frage sicherlich keine einheitliche Meinung geben. Die 2009, also vor nunmehr zehn Jahren erfolgte Neugestaltung der von Herzog Maximilian in Bayern zusammengetragenen Orientalischen Sammlung unter Einbeziehung der zum Originalbestand gehörenden "Human Remains" entspricht sowohl den vom International Council of Museums (ICOM) herausgegebenen "Ethischen Richtlinien für Museen" (2010) wie auch den erst 2013 vom Deutschen Museumsbund bereitgestellten "Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen"; die bewusst unspektakulär-zurückhaltende Präsentation der menschlichen Überreste im Museum Kloster Banz war somit ihrer Zeit doch um einige Jahre voraus.

Im Umkehrschluss: Müssten nicht auch die sterblichen Überreste von Ötzi und jene zahlloser Märtyrer in Kirchen anders aufbewahrt werden?

Meiner persönlichen Überzeugung nach ja, doch würde dies einen wertespezifischen Paradigmenwechsel bezüglich der öffentlichen Zurschaustellung von "Human Remains" voraussetzen bzw. implizieren. Diese Frage hängt unmittelbar mit den in der vorhergehenden Frage aufgeworfenen Pietätsvorstellungen - hier: des pietätvollen Umgangs mit menschlichen Überresten - zusammen, also zum einen mit dem Respekt gegenüber den Gefühlen und Wertvorstellungen der Verstorbenen und zum anderen mit dem Respekt gegenüber den Gefühlen und Wertvorstellungen der Lebenden. Die Antwort auf diese normative Frage ist allerdings kulturabhängig und zeitbedingt. Seit einigen Jahren hat zumindest in Deutschland nicht nur der Diskurs über die öffentliche Zurschaustellung menschlicher Überreste deutlich zugenommen, sondern insbesondere auch dessen auf kontrovers diskutierten ethischen Prämissen beruhende Intensität.

Wie gehen die Ägypter mit ihrem geschichtlichen Erbe um? Sind nicht auch in Kairo die Mumien aus der Pharaonenzeit ausgestellt?

In Ägypten ist die öffentliche Präsentation menschlicher Überreste aus der Pharaonenzeit zumindest derzeit kein Tabu, ganz im Gegenteil, und so werden im Ägyptischen Museum in Kairo in zwei sogenannten Mumiensälen insgesamt 27 Mumien, darunter zahlreiche Herrscher des Neuen Reiches, ausgestellt, nachdem 1981 der Raum mit den Königsmumien auf Anordnung des damaligen Präsidenten Anwar as-Sadat aus Pietätsgründen geschlossen worden war - mit der durch Sadats Ermordung (1981) nicht realisierten pietätvollen Absicht, diese in allen Ehren wieder zu bestatten. Dies ist ein charakteristisches Beispiel für die unterschiedliche Einstellung gegenüber menschlichen Überresten und deren mitunter überaus wechselvollem Schicksal.

Verklären wir heute vielleicht die Person von Herzog Max, der die Sammlung für sein Banzer Kuriositäten-Kabinett in der Mitte des 19. Jahrhunderts zusammengetragen hat?

Eine Verklärung der Person von Herzog Maximilian in Bayern kann ich nicht erkennen, sondern lediglich eine Würdigung seiner Leistungen im biographisch-historischen Kontext. Und dazu gehört eben auch seine Reise in den Orient mit der von Mehmed Ali, dem damaligen Vizekönig von Ägypten, autorisierten Mitnahme von Antiken und landestypischen Artefakten bzw. Produkten, menschlichen und tierischen Überresten sowie freigekauften afrikanischen Sklaven - also ganz dem Stil und den Konventionen der damaligen Zeit entsprechend.

Das Gespräch führte Matthias Einwag.

Der Ägyptologe Dr. Alfred Grimm

Alfred Grimm studierte Ägyptologie, Philologie des Christlichen Orients und Kunstgeschichte. 1986 wurde er mit der Arbeit "Die altägyptischen Festkalender in den Tempeln der griechisch-römischen Epoche" promoviert.

Von 1983 bis 1987 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter, von 1987 bis 1990 Akademischer Rat am Institut für Ägyptologie der Universität München. Er ist Experte für Fragen der Forschungs- und Sammlungsgeschichte. 1990 bis 2014 war er Hauptkonservator und stellvertretender Direktor des staatlichen Museums Ägyptischer Kunst in München. 2014 bis 2018 arbeitete er als Beauftragter für Provenienzforschung und war Leiter des gleichnamigen Referats am Bayerischen Nationalmuseum.

2015 bis 2019 wirkte Grimm als Gründungsvorsitzender des Verbundes Provenienzforschung Bayern, dessen Ehrenvorsitzender er nun ist. Zusammen mit seiner Frau Isabel Grimm-Stadelmann verfasste er 2009 den Ausstellungskatalog "Eine Zitherpartie auf dem Nil" über die Orientreise von Herzog Max und dessen Orientalische Sammlung anlässlich der Wiedereröffnung des Museums in Banz mit der Neupräsentation der Orientalischen Sammlung.

Die Orientalische Sammlung im Klostermuseum

Die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung, die Träger des Klostermuseums in Kloster Banz ist, weist auf ihrer Internet-Webseite nachdrücklich darauf hin, dass sie sehr wohl pietätvoll mit den Exponaten der Orientalischen umgeht. Wörtlich heißt es dort: "Im Jahr 2009 wurde die Orientalische Sammlung von der Staatlichen Sammlung Ägyptischer Kunst (heute Staatliches Museum Ägyptischer Kunst) neu konzipiert und realisiert. ... Die Präsentation menschlicher Überreste in der Orientalischen Sammlung des Museums Kloster Banz entspricht dabei den Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen des Deutschen Museumsbundes. Bei der Neukonzeption der Ausstellung wurde strikt darauf geachtet, dass die zum Bestand der Orientalischen Sammlung gehörenden menschlichen Überreste ausschließlich nach ethischen und wissenschaftlichen Kriterien präsentiert werden. Dabei wurde die Präsentation der Exponate gründlich auf Für und Wider abgewogen. ... Im Zuge der Museumsarbeit, insbesondere bei den Führungen, wird immer auf einen angemessenen Ton und einen würdevollen Umgang mit den menschlichen Überresten Wert gelegt."

Vortragsreihe "Lamprechtiade"

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Lamprechtiade" referierte Alfred Grimm am Mittwoch in Kloster Banz zum Thema "Gemälde, Gräber und Gesetze - Provenienzforschung als politische Aufgabe". Der Name "Lamprechtiade" geht auf eine Stiftung zurück, die Ingeborg Müller-Lamprecht (+ 2007) der Hanns-Seidel-Stiftung machte. Ihr größter Stolz waren die Bilder ihres Vaters Fritz Lamprecht. Sie wollte, dass diese Bilder nach ihrem Tod öffentlich gezeigt werden. In diesem Sinne hat sie der Hanns-Seidel-Stiftung rund 60 Bilder testamentarisch vermacht. Alljährlich - und nun zum elften Mal - richtet die Stiftung deshalb eine Ausstellungsbegehung aus, wobei stets ein wissenschaftlicher Vortrag im Mittelpunkt steht.

In seiner Begrüßung ging Michael Möslein, der Leiter des Bildungszentrums Banz, auf das Vermächtnis von Ingeborg Müller-Lamprecht ein. Ganz besonders freute er sich darüber, zum ersten Mal den neuen Pfarrer der Pfarrei Altenbanz/Banz, Christian Montag, willkommen zu heißen. Mit dem Geistlichen stehe die Hanns-Seidel-Stiftung gerade in engem Dialog, um die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Tagungsstätte mit gemeinsamen Projekten zu aktivieren, sagte Möslein.