Die Zeiten, in denen Teenager auch noch im November mit kurzen Hosen in die Schule kommen, sind seit der Corona-Krise wohl endgültig vorbei. Oder seit der Verordnung zum "infektionsschutzgerechten" Lüften an bayerischen Schulen?

Mindestens alle 45 Minuten ist eine Stoßlüftung durch vollständig geöffnete Fenster über mehrere Minuten vorzunehmen, so heißt es im aktuellen Rahmenhygieneplan für bayerische Schulen. Für die Schüler bedeutet das: Jahreszeitengerechte Kleidung ist nun unabdingbar. In vielen Elternbriefen und Gesprächen darauf hingewiesen, funktioniere das heute sehr gut, berichtet Bernd Schick, Schulleiter der Herzog-Otto-Mittelschule Lichtenfels. Auch hätten sich in den Bildungseinrichtungen Regeln geändert: Habe man früher die Jacken vor dem Zimmer an die Garderobe hängen müssen, seien diese nun auch am Platz erlaubt: "Das menschliche Wärmeempfinden ist sehr unterschiedlich, da muss man flexibel sein", so der Rektor.

An der Grundschule Lichtenfels im Leuchsental in Roth behelfen sich die Mädchen und Jungen zudem mit kuscheligen Decken, die der Elternbeirat gespendet hat. Die Lüftungsunterbrechungen nutzten die Klassen außerdem für kurze Schulhofpausen, während derer auch die Mund-Nase-Bedeckung abgenommen werden darf. Zeitversetzt mit den anderen Jahrgangsstufen wird auch hier ein hoher Koordinationsaufwand deutlich. "Es läuft momentan ganz gut, aber ich kann jegliche Bedenken der Eltern verstehen", betont die Rektorin.

Positiver Nebeneffekt

Wohl den milden Temperaturen zu verdanken haben wenig Schulen derzeit im Vergleich zum Vorjahreszeitraum höhere Krankheitsstände zu verzeichnen. Die Maskenpflicht helfe im Nebeneffekt möglicherweise auch dabei, andere nicht sofort mit leichten Erkältungen anzustecken, so Alexandra Engelhardt, Schulleiterin der Grundschule Schwürbitz.

Die meisten Eltern zeigten sich zudem verantwortungsvoll und ließen ihr Kind bei Krankheitssymptomen zu Hause, zieht Bernd Schick Bilanz. Bei akuten Krankheitssymptomen wie Fieber, Erbrechen, Durchfall oder starken Bauchschmerzen sei der Schulbesuch grundsätzlich nicht erlaubt und erst wieder möglich, wenn man 24 Stunden keine Krankheitssymptome mehr zeige und 24 Stunden fieberfrei sei. Darüber hinaus brauche man zusätzlich ein entsprechendes ärztliches Attest oder einen negativen Covid-19-Test. Bei leichten, neu aufgetretenen und nicht fortschreitenden Erkältungssymptomen gelte ab Jahrgangsstufe 5, dass der Schulbesuch erst wieder möglich sei, wenn mindestens 48 Stunden nach Auftreten der Symptome kein Fieber entwickelt wurde und im häuslichen Umfeld keine Erwachsenen an Erkältungssymptomen leiden.

Die Krankheitsfälle hätten nicht verstärkt diejenigen Kinder betroffen, die etwa nahe an den Fenstern sitzen würden. Denn diese Plätze gibt es auch. "Ich kann nicht plötzlich alle Schüler vom Fenster wegsetzen, weil ja auch die Abstandsregeln gewahrt werden müssen und es keine Durchmischung der Schülergruppen geben soll", betont Thomas Carl, Schulleiter des Meranier-Gymnasiums in Lichtenfels.

Luftreinigungsgeräte sind teuer

Alles scheint nach einem starken Zusammenhalt zu klingen. Jeder Schulleitende betont: "Wir haben keine Wahl, wir müssen da gemeinsam durch." Doch Yvonne Kern bringt es auf den Punkt: "Wir haben eine Verantwortung für die Kinder, und auch als Lehrer fühlen wir uns in der Schule nicht mehr sicher." Die Anschaffung von entsprechenden Luftreinigungsgeräten für die Schulen oder zumindest CO2-Ampeln, wie sie derzeit etwa schon an Coburger Schulen Einzug fanden, hielte sie für vielversprechend.

Auf Luftreinigungsgeräte baut auch der Schulleiter des Meranier-Gymnasiums Lichtenfels, der mit Sorge auf die kommenden Wintermonate blickt. Die Geräte, die die Aerosole aus der Luft filtern, beurteilt er auch nach der Corona-Krise als nützlich. Doch diese sind teuer.

Manche Schulen hatten Glück, dass bereits in der Vergangenheit Investitionen, etwa in neue Fenster, getätigt wurden. So auch an der Herzog-Otto-Mittelschule, die das Lüften mit ihren Schülern, die fast immer im gleichen Raum verbleiben und nicht wechseln müssen, gut in den Schultag integrieren kann.

"Hier kommt uns als Mittelschule das Klassenleiterprinzip zugute, denn unsere Lehrkräfte können sich ganz flexibel auch außerhalb der normalen Pausenzeiten mit ihren Klassen abwechselnd in der Aula aufhalten oder bei gutem Wetter eine Frischluftpause draußen einlegen", so Schick. Vor kurzem hat die Schule Fenster auf dem neuesten technologischen Stand bekommen. Sie bieten einen sehr guten Wärmeschutz. Fenster an manch anderen Schulen sind älterer Bauart, jedoch verfügen fast alle genutzten Schulräume über diese. Die wenigen Räume ohne Fenster, zum Beispiel Physik-/Chemiesäle, hätten fast ausschließlich Lüftungsanlagen. Wenige andere ohne diese Möglichkeit sollen zeitnah mit mobilen Luftreinigungsgeräten bestückt werden, gibt das Landratsamt Lichtenfels an.Bis dahin müssen alle Beteiligten auf milde Temperaturen hoffen. "Temperaturdifferenzen können durch Erhöhung des üblichen Heizniveaus ausgeglichen werden", so Andreas Grosch, Pressesprecher des Landkreises Lichtenfels. "Die Bauteile wie Wände und Decken kühlen dabei nicht aus, sodass die Wärmeverluste gering sind. Nach Schließen der Fenster erhöht sich die Raumtemperatur erfahrungsgemäß somit relativ schnell wieder, sodass auch bei unter null Grad keine gravierenden Probleme auftreten sollten." Thomas Carl beurteilt dies in der Praxis anders: "So schnell wird es dann nach dem Lüften nicht wieder warm in den Zimmern."

Könnten Hilfsmittel wie Heizlüfter Abhilfe schaffen? Bisher sei noch keine Notwendigkeit für diese an den Landkreis herangetragen worden. Bei der Stoßlüftung dürfte die Notwendigkeit auch nicht in dem Maße auftreten, befindet Andreas Grosch. Die Kältebelastung für die Schüler zu reduzieren könne eben auch darin bestehen, dass die Schüler an der Fensterfront entsprechend ihre Jacken und Winterkleidung inklusive Schal und Mütze anhaben müssen. Ist das zumutbar?

Denn eines hat sich grundlegend geändert: "Die Schüler wollen unbedingt in die Schule kommen. Im Vergleich zu den Vorjahren ist das ein Unterschied. Manche Schüler haben geflunkert, ihnen gehe es schlecht und sie haben sich befreien lassen. Nun kommen die Schüler gerne, sie wissen den Unterricht zu schätzen und wollen, wenn möglich, in der Schule bleiben", beobachtet Bernd Schick.

Was jedoch bleibt ist die Sorge vieler Lehrkräfte und Eltern. Für die Schüler seien die Unterbrechungen des Alltags durch das Lüften schon selbstverständlich geworden. Selbst die Grundschüler merken, wann es zu kalt wird, und dann schließen die Lehrkräfte der Grundschule Lichtenfels im Leuchsental die Fenster, die ohnehin länger als vorgeschrieben offen seien. Das Lüften und die Abstimmung mit den Kollegen, das An- und Ausziehen der Jacken und Mützen koste jedoch wertvolle Unterrichtszeit. Zeit, in der die Pädagogen auch dafür sorgen müssen, dass die Kinder stabil aus dieser Krise herauskommen - so Yvonne Kern. Sie erfährt vom Elternbeirat Verständnis und vollste Unterstützung. Deren Vorsitzende Eva Schütz blickt dennoch wenig optimistisch auf die kommenden kalten Monate - die Schüler betreffend, aber auch die Lehrer: "Was passiert, wenn ein Lehrer ausfällt? Ob er Corona hat oder anderweitig krank ist, er muss zu Hause bleiben. Es gibt wenig Ersatzlehrer heutzutage. Und dann?"