Die Hanns-Seidel-Stiftung hat seit 100 Tagen eine neue Vorsitzende. Ursula Männle trat im Mai die Nachfolge von Hans Zehetmair an. Im Sommerinterview fragten wir sie, welchen Stellenwert sie persönlich Kloster Banz beimisst und welche Erinnerungen sie mit Oberfranken verbinden.

FT: Sie stehen nun 100 Tage an der Spitze der Hanns-Seidel-Stiftung. Mit welchen Zielen traten Sie dieses Amt an und welche Visionen haben Sie?
Ursula Männle: Das persönliche Interesse an politischen Grundsatzfragen und der Dialog mit Menschen über Politik sind Grundlage meiner Motivation als Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung. Nach meiner aktiven Politikerlaufbahn geht mit dieser Funktion ein Traum für mich in Erfüllung. Inhaltlich baue ich auf den Schwerpunkten meines Vorgängers auf.
Das sind die Bedeutung von Werteorientierungen, das Verhältnis von Bürgern und Staat und das Spannungsfeld von Globalisierung und Regionalisierung. Zusammen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stiftung sowie meinen Vorstandskollegen wollen wir Themen und Konzepte entwickeln, die mehr Impulse für den gesellschaftspolitischen Dialog liefern, z.B. zu Fragen der Demografie, der zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft oder zur neuen Rolle Deutschlands und Europas bei der Krisenbewältigung.

Kloster Banz ist Ihnen seit vielen Jahren bekannt, denn Sie waren hier in Ihren zahlreichen politischen Funktionen oft zu Gast. Was gefällt Ihnen an Banz besonders?
Kloster Banz ist ein ganz besonderer Ort. Es ist Spiritualität, die der Ort ausstrahlt: die Klosterkirche als Ort der religiösen Stille oder die Maintalterrasse mit Blick auf Vierzehnheiligen und nicht zuletzt der majestätische Kaisersaal als Ort kultureller oder politischer Begegnung. Das Kloster steht in der Landschaft wie ein Leuchtturm, der Orientierung bietet.

Fanden Sie, wenn Sie in Kloster Banz waren, auch einmal Zeit, sich in der Region umzusehen? Haben Sie die Obermain-Therme besucht, sind sie auf den Staffelberg gewandert?
Bad Staffelstein hat man erst erlebt, wenn man auch die Therme besucht hat. Selbstverständlich habe ich mir diesen Genuss nicht entgehen lassen! Bei schönem Wetter war ich auch schon auf dem Staffelberg gestanden, muss allerdings eingestehen, ein gutes Stück mit dem Auto gefahren zu sein.

Michael Möslein ist seit über 30 Jahren als Verwaltungsleiter der Bildungshäuser Kreuth und Banz ein treuer Sachwalter der historischen Gebäude. Wie würden Sie ihn beschreiben, wenn Sie ihn in drei Sätzen vorstellen müssten?
Der Verantwortung für historische Gebäude sind wir uns bewusst. Mit Michael Möslein haben wir einen Mann der ersten Stunde in Kloster Banz, der immer voller Ideen und Elan ist. Er führt das Bildungszentrum an den Wünschen der Gäste orientiert. Ein historisches Ambiente und sein Verständnis von Gastfreundschaft sind wichtige Grundvoraussetzungen für erfolgreiche politische Bildung, aber auch für Belegungen durch Privatpersonen, von Vereinen oder Firmen aus der Region.

Die Auslastung des Bildungszentrums Banz ist sehr gut. Woran liegt es, dass die Hanns-Seidel-Stiftung im Vergleich mit anderen parteinahen Stiftungen so gut dasteht und ihre Bildungshäuser halten kann?
Der Wettbewerb ist hart, wir müssen am Bildungsmarkt flexibel reagieren. Der Trend geht hin zu kürzeren Bildungsaufenthalten, worauf wir uns zunehmend einstellen. Wenn die Themenangebote und auch das Ambiente stimmen, kommen auch die Seminarteilnehmer gerne wieder. Leider reichen jedoch die öffentlichen Mittel nicht aus, wir müssen aus zusätzlichen Mitteln "nachschießen".

Die "Songs an einem Sommerabend" sind längst eine Veranstaltung mit Kultcharakter. Die Hanns-Seidel-Stiftung trägt zum Erfolg der "Songs" maßgeblich bei, indem sie das Nachwuchsfestival organisiert und ausrichtet. Wird das auch in Ihrer Amtszeit beibehalten?
Der Nachwuchsförderpreis war von Anfang an Teil der Gesamtveranstaltung "Songs". Über die Zukunft der Songs entscheidet nicht die Stiftung, sondern andere. Wir werden den Preis gerne weiterhin in ein tragfähiges Gesamtkonzept einbringen. Nachwuchsförderung - auch im Bereich der Musik - ist uns im Sinne kultureller Bildung sehr wichtig. Deshalb hoffen wir sehr, weiterhin Partner der Songs an einem Sommerabend zu sein.
Haben Sie einen Lieblingsort in Oberfranken?
Oberfranken ist ein sehr reizvoller Teil Bayerns. Seit mehr als zwei Jahrzehnten reise ich regelmäßig nach Kloster Banz und zu anderen Orten. In dieser Zeit durfte ich viele schöne Landschaften und herrliche Städte kennenlernen. Das gesellschaftliche Miteinander scheint mir gut ausgeprägt, Oberfranken ist eine lebenswerte Region. Besonders beeindruckt bin ich immer wieder von Bamberg: Die fränkische Lebensart, in Verbindung mit der kulturellen Bedeutung der Stadt und dem studentischen Leben, gefällt mir sehr.




Lebensdaten von Ursula Männle

Ursula Männle wurde 1944 in Ludwigshafen geboren. Sie ist katholisch und verheiratet. Nach dem Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Neueren Geschichte an den Universitäten München und Regensburg war sie von 1970 bis 1976 Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing und von 1976 bis 2009 Professorin an der Katholischen Stiftungsfachhochschule für Sozialwesen in München -  Abteilung Benediktbeuern. Ursula Männle trat 1964 der Christlich-Sozialen Union, der Jungen Union und der Frauen-Union bei und war 1966/67 Landesvorsitzende des Rings Christlich-Demokratischer Studenten. Sie war seit 1969 Mitglied des Landesvorstandes und 1973 bis 1977 Stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Union. Von 1973 bis 2007 war sie Mitglied im Landesvorstand der Christlich-Sozialen Union und 1987 bis 2007 Präsidiumsmitglied. Das Amt der Landesvorsitzenden der Frauen-Union hatte sie von 1981 bis 1991 inne. 1979/80 und 1983 bis 1994 war Ursula Männle Mitglied des Deutschen Bundestages. In dieser Zeit war sie unter anderem familienpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion, Vorsitzende der Gruppe der Frauen der Fraktion sowie Vorsitzende des Sonderausschusses zum Schutz des ungeborenen Lebens. Von 1994 bis 1998 war Ursula Männle Bayerische Staatsministerin für Bundesangelegenheiten. Zwischen 2000 und 2013 war sie Mitglied des Bayerischen Landtags. Ursula Männle war 20 Jahre stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung. Am 12. Mai 2014 wurde sie zur Vorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung gewählt.