"Scheiße fliegt durch die Luft, streift die Äste einer Linde, trifft das Dach eines vorbeifahrenden Busses, landet auf dem Strohhut einer jungen Frau, klatscht auf den Bürgersteig". Der erste Satz in "Das Mädchen" klingt amüsanter als er ist. Einige Gymnasiasten kichern verhalten, doch davon lässt sich Angelika Klüssendorf nicht beeindrucken, und liest mit gleichbleibender Stimme weiter.

Die aus Brandenburg angereiste Autorin freut sich darüber morgens um 8.10 Uhr schon 400 Zuhörer zu haben. Sie selbst vertritt die Meinung, dass Schule erst um 9 Uhr anfangen sollte. Mit dieser Meinung steht sie nicht alleine da, wie am Gemurmel der Schüler im Meranier-Gymnasium unschwer erkennbar ist.


isolation und Gewaltausbrüche

Angelika Klüssendorf liest zunächst einige Zeilen aus ihrem Roman "Mädchen", danach aus dem darauf aufbauenden Fortsetzungsroman "April". Die zwölfjährige Hauptfigur in "Das Mädchen" und ihr sechsjähriger Bruder Alex sind seit Tagen in der Wohnung eingeschlossen. Da sich die Toiletten des Mietshauses in der DDR ein halbes Stockwerk tiefer befinden, ist der für die Notdurft benutzte Eimer proppenvoll. Die Kindheit und Jugend des "Mädchens" ist geprägt von der Unberechenbarkeit der Mutter, deren Gewaltausbrüchen, dem meist abwesenden Vater, von Armut und Isolation und von Heimaufenthalten.

Der erste Teil der Trilogie erzählt die Geschichte des Mädchens vom zwölften bis zum 17. Lebensjahr. Der zweite Band "April" spielt in Leipzig der späten siebziger Jahre und beginnt mit dem Einzug der mittlerweile 18-Jährigen in die Wohnung von Fräulein Jungnickel, einer pedantischen und putzbesessenen Seniorin. Die Jugendhilfe hat ihr auch eine Stelle als Bürohilfskraft im VEB Starkstromanlagenbau Leipzig-Halle vermittelt.

Nach einer schrecklichen Kindheit möchte April, wie sich das namenlose Mädchen mittlerweile nennt, endlich ein selbstbestimmtes Leben führen.

Ein Teil der Gymnasiasten hat "Das Mädchen" bereits im Rahmen des P-Seminars gelesen. Vom aufwühlenden Inhalt hat sich manch ein Schüler überfordert gefühlt. "Weshalb lassen sie ihre Leser leiden", lautet die Frage einer Gymnasiastin. "Ich schreibe definitiv kein Buch über das Glück", antwortet Klüssendorf. Eine Kindheit und Jugend, wie von ihr beschrieben sei weder ungewöhnlich, noch an einen bestimmten Ort gebunden und komme durchaus auch heute noch vor.


Eine Seite am Tag

Angelika Klüssendorfs Bücher "Mädchen" und "April" haben einen großen autobiografischen Hintergrund, sind aber trotzdem Fiktion. Aktuell schreibt sie am letzten Band der Trilogie. Diesmal, sagt sie, falle ihr das Schreiben definitiv schwerer als bei den beiden ersten Bänden. 350 Seiten soll das Buch umfassen. Im Schnitt schafft sie eine halbe bis eine ganze Seite am Tag. Ist diese fertig feilt die Autorin ähnlich wie ein Bildhauer am Werk.
Tauscht Wörter aus, bis das Ergebnis ihren Vorstellungen entspricht. Mittlerweile kann die 57-Jährige von ihrer schriftstellerischen Tätigkeit leben. Für ihre Bücher hat sie einige hochdotierte Preise erhalten.


Um des Schreibens willen

Angelika Klüssendorf ist 1958 in Ahrensburg geboren und absolvierte in der DDR eine Ausbildung zum Zootechniker/Mechanisator. Von 1961 bis zu ihrer Ausreise 1985 lebte sie in Leipzig. Heute bewohnt Angelika Klüssendorf ein kleines Haus (ohne Heizung) in Brandenburg. Ihr Tag beginnt morgens um 7 Uhr. Bevor sie sich an den Computer setzt, dreht sie mit ihrem Rauhaardackel eine Runde. Angelika Klüssendorf schreibt um des Schreibens willen. Nicht für den Leser, wie sie den Schülern erklärt. Dafür liest sie gerne vor Schülern. Was sie offenbar überraschte und sichtlich freute war das von Schülern erarbeitete Leseheft zur Autorenlesung.