- In der "Spielkiste" steht ein Tisch - tonnenschwer. An ihm trainiert ein Ehepaar mit ungleich verteiltem Talent. Der begabtere Part liegt bei der Frau, eine der besten 100 Snooker-Spielerinnen der Welt. Der Aufenthalt Tanja Enders an diesem Tisch gerät zur Trainingseinheit, zum Spiel und zur Charakterstudie.
Über 3,5 Meter ist er lang, dieser halb so breite Tisch mit grünem Stoffbezug. Damit so einer keine Falten wirft, wurden sogar Bügeleisen ersonnen. Schon einmal, 18-jährig, hatte Tanja Ender Berührung mit dem "Präzisionssport", wie Billard und Snooker zusammenfassend bezeichnet werden. "Aber damals wollte ich Sängerin und Tänzerin werden", erklärt sie. 22 Jahre später entdeckte sie Snooker erneut. Es war 2011 und ihr Mann Thomas Blang bat sie anlässlich seines Geburtstages, doch einmal mit ihm spielen zu gehen. Heute belegt seine Frau aktuell Platz 51 der Damen-Weltrangliste. An den in ihr auftauchenden Namen ist abzulesen, dass es sich um einen von Britannien bzw. dessen einstigen Kronkolonien dominierten Sport handelt. Der Weltverband beim Damen-Snooker heißt WLBS.


Acht Turniere im Jahr

Um die acht Turniere spiele sie pro Jahr, so Tanja Ender, die Summe all dieser auf insgesamt 40 bis 50 überschlagend. Viele Turniere trugen Amateur- bzw. Freizeitcharakter, doch jüngst nahm die Thelitzerin auch an den renommierten Paul Hunter Women's Classic mit Vor- und Hauptrunde in Nürnberg bzw. Fürth teil, der Stätte des Snooker in Deutschland, mit Anziehungskraft für die Weltklasse. Das liegt jetzt eine Woche zurück. Nun duelliert sie sich mit ihrem Mann spielerisch in einer Lichtenfelser Spielothek und der Betrachter wird das Gefühl nicht los, dass die Frau sich zumindest in diesem Match auch manchmal selbst ein Bein stellt. Ein Stoß gelingt ihr weltmeisterlich, der nächste nur hausmeisterlich. Ganz eindeutig hat Tanja Ender gerade nicht den unbedingten Willen zum Sieg - eine Temperaments- und Charakterfrage. Aber auch Weltstars unterliefe das, dann, wenn sie mit Jetlag spielen.


Quietschedrache als Maskottchen

"Früher habe ich für Turniere vier, fünf Stunden am Tag geübt. Heute mache ich mich nicht mehr verrückt", sagt sie. Das klingt ehrgeizlos und über Ehrgeiz und ihre Ziele in diesem Sport braucht man mit Tanja Ender nicht sprechen, es ist nichts herauszubekommen. Sie antwortet vage und ausweichend, wie jemand, der eine Scheu davor hat, womöglich unkontrollierbaren Eifer zu entwickeln. "Das ist vielleicht gar nicht so abwegig", erklärt ihr Mann dazu auf einem Hocker sitzend, während Tanja Ender einen Stoß ausführt. Er deutet dabei an, dass seine Frau auf ihrem beruflichen Weg zur Künstlerin Erfahrungen mit Ehrgeiz und Überarbeitung gesammelt habe. Das lasse Abstand nehmen. Eben weil ihr Ehrgeiz nicht unbedingt sei, neige sie im Spiel dort zu Risiko, wo manche Gegner geduldiger taktieren würden und es auf einen Kampf unter Kräfte- und Konzentrationsverschleiß ankommen ließen. Mit Verbissenheit spielt Tanja Ender nicht, aber mit Humor. Dann und wann drückt sie ihr Maskottchen, das ein Quietschedrache ist.
Die Kugeln beim Snooker sind kleiner als beim Billard. Die Löcher sind es auch. Dafür sind die Wege einer Kugel weiter und liegt so eine auf dem langen Tisch zu weit vom Stoßenden entfernt, bedient sich der "des großen Bestecks", wie Blang lächelnd die Verlängerungen nennt, die Hilfsqueues heißen und Bezeichnungen wie Schwan oder Brücke tragen. Tanja Ender braucht diese Queues auch dann und wann, was die Frage aufwirft, ob eine Frau ihrer Größe benachteiligt ist. Mit 1,58 m hat Tanja Ender keine große Reichweite ins Tischgeschehen. "Ne, es ist kein Vorteil, wenn man groß ist", erklärt die Frau mit den ausdrucksstarken Augen und befördert über eine Distanz von zwei Metern eine Kugel souverän mittels Anschnitt in ein Loch. Aber: Wenn eine Kugel in unglücklicher Position liegt, dann hilft ihr aber auch keine Verlängerung. "Das ist ganz schön gemein." Auf welcher Berechnungsgrundlage sie die Kugel eben versenkte, kann Tanja Ender nicht vollends beschreiben. Sicher, da gibt es schon Winkelberechnungen durch Vorstellungskraft, aber da liegt auch noch etwas zwischen den Faktoren Einfall- und Ausfallwinkel, etwas Intuitives.
Einmal, so erinnert sich Thomas Blang an dieser Stelle an einen ein Jahr zurückliegenden Vorfall mit dem namhaften Hamburger Snooker-Trainer Ole Steiner, habe dieser einen kleinen Papierschnipsel auf den riesigen Tisch gelegt, mit der Aufforderung an Tanja, eine Kugel über Umwege so zu stoßen, dass sie über das Papier rollt. Als ihr dies gelang, habe Steiner für Thomas Blang einen Rat übrig gehabt: "Komm' nicht auf die Idee, dich mit Tanja zu vergleichen." Mehr noch: "Hätte sie mit 14 angefangen, würde sie heute ganz oben spielen - bei den Männern."
Ähnlich wie im Schach gibt es auch beim Snooker Begriffe wie Positionsspiel und Stellung, Strategien und die Möglichkeiten zum Lavieren. Auf Akademien in Fernost, so die Thelitzerin, würden Nachwuchsspieler mitunter täglich 16 Stunden lang paukend trainieren. Tanja Ender aber glaubt, dass Mentaltraining am Erfolg mehr Anteil hat als technisches Training. Atemübungen räumt sie viel Platz ein, auch der Beobachtung des Gegners. Zudem meidet sie bei Wettkämpfen "zu viel Kaffee". Ihr Mann sieht psychologische Vorteile auf der Seite seiner Frau. "Ich denke, sie hat Vorteile, weil sie auf Bühnen auftritt", erklärt er ihr Unbeeindrucktsein angesichts Turnierzuschauer. Um Geld geht es in dem Sport bei den Frauen nicht. Selbst bei den Männern ließe sich nur dann allein vom Snooker leben, wenn man zu den 16 Besten der Welt zählte, schätzt Tanja Ender. Beim Ehrgeiz hält sich die Frau bedeckt, der komme während des Spiels und wenn nicht, dann ist auch kein Beinbruch.
Wichtiger scheint ihr die regelmäßige Pflege einer Gemeinsamkeit mit ihrem Mann in der Freizeit an diesem Tisch in Lichtenfels.