War es eine Schlägerei oder waren es zwei Schlägereien? Gab es Verletzte - und wenn ja, wie viele und wie schwer waren die Beteiligten verletzt? Die Recherche zu den beiden Vorfällen, die sich am Freitag, 3. Februar, auf dem Bahnsteig des Lichtenfelser Bahnhofs und in den Räumen der Privaten Wirtschaftsschule abspielten, sind widersprüchlich. Dies ist ein Versuch, das Geschehen zu rekonstruieren.

Der Bericht der Polizeiinspektion Lichtenfels schildert das Geschehen so: "Bereits am Freitagmorgen kam es an der Wirtschaftsschule zu einer Streitigkeit unter mehreren Jugendlichen. Hierbei gerieten eine Gruppe von zwei und drei jungen Männern aneinander, wobei es auch zu wechselseitigen Körperverletzungen kam. Als Auslöser der Handgreiflichkeit dürfte wohl eine beendete Beziehung mit einem Mädchen anzusehen sein. Sämtliche Beteiligte wurden leicht verletzt, in ärztliche Behandlung musste sich keiner begeben. Die Ermittlungen zu vorliegender Anzeige dauern noch an."

Im Internet liest sich alles wesentlich dramatischer. Da ist von einer Massenschlägerei die Rede, in die bis zu 20 Asylbewerber verwickelt gewesen seien. Was ist dran?


"Mädchen erhielt einen Knuffer"

Die Anfragen bei der Polizei ergeben folgenden Sachverhalt: Ralf Fenderl von der Lichtenfelser Polizei sagt, inzwischen seien alle Eltern der beteiligten Jugendlichen aus der Wirtschaftsschule befragt worden. Dabei habe sich herausgestellt, dass ein Mädchen einen Knuffer bekommen habe, alle anderen seien unverletzt geblieben. Es handle sich tatsächlich um zwei Vorkommnisse, die miteinander zusammenhängen: ein Ereignis auf dem Bahnsteig in Lichtenfels, das zweite in der Wirtschaftsschule. Bei letztgenanntem Vorfall seien zwei Gruppen, bestehend aus drei und zwei Jugendlichen, aneinandergeraten. Die Lichtenfelser Polizei ermittle nur in diesem Fall. Im erstgenannten Fall sei die Bundespolizei in Würzburg zuständig.


Sechs Streifen vor Ort

Fabian Hüppe, Pressesprecher der Bundespolizei in Würzburg, sagt, die umfangreichen Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen. Sechs Streifen mit zwölf Beamten von Bundespolizei und Lichtenfelser Inspektion seien am Bahnhof gewesen, nachdem ein Notruf eingegangen war. Die Beamten hätten am Bahnhof noch einige der an der Auseinandersetzung beteiligten Asylbewerber angetroffen. Die Personalien von zehn Asylbewerbern wurden festgestellt. Nun würden alle Beteiligten vorgeladen und müssten - teilweise mit Dolmetscher - vernommen werden.

Die konkreten Hintergründe für die Auseinandersetzung zwischen einer Asylbewerber- und einer Wirtschaftsschülergruppe seien noch nicht sicher, es könnte sich aber um einen Beziehungsstreit gehandelt haben, fährt er fort. Das genaue Was, Wer und Wo müsse nun ermittelt werden. Insgesamt seien an der Auseinandersetzung am Bahnhof wohl bis zu 15 Personen beteiligt gewesen, sagt Hüppe.

Eine Schülerin der Wirtschaftsschule, deren Name der Redaktion bekannt ist, verfasste ihre Sicht der Vorkommnisse. Sie spricht davon, dass eine Mitschülerin seit längerer Zeit von Asylbewerbern gestalkt worden sei. Zum Verständnis: Unmittelbar neben der Wirtschaftsschule steht das Gebäude der Handwerkskammer, in dem die jungen Asylbewerber Deutschunterricht haben. Die junge Frau schreibt von einer Auseinandersetzung am Freitag am Bahnhof, bei der rund 20 Asylbewerber auf die Wirtschaftsschüler losgegangen seien. In der Folge habe es Leichtverletzte gegeben und der Notarzt sei vor Ort gewesen. Drei Mädchen, sie selbst eingeschlossen, seien ins Lichtenfelser Klinikum gebracht worden, schreibt die Schülerin weiter. "Uns ist nichts passiert, es geht uns auch wieder besser", fügt sie an.


Schlichtungsversuch

Während sie im Klinikum gewesen sei, fährt sie fort, habe sich ein Vertrauenslehrer der Wirtschaftsschule ins Gebäude der Handwerkskammer begeben, um die Auseinandersetzung zu schlichten. Er habe drei junge Asylbewerber mit in die Wirtschaftsschule gebracht, wo der Streit erneut eskaliert sei. Das Mädchen schreibt, es seien Tische und Stühle geworfen worden. Daraufhin sei die Polizei mit vier Fahrzeugen vor Ort gewesen.
"Von einer Schlägerei kann man überhaupt nicht sprechen", sagt der Leiter der Wirtschaftsschule, Thomas Kaiser, auf unsere Nachfrage. Einer der Asylbewerber habe sich in ein Mädchen verliebt, es sei hin und her gegangen und "es wurde ein bisschen gerangelt". Ein Lehrer habe daraufhin versucht zu vermitteln und "die Luft rauszunehmen". Trotzdem sei es zu einer Rangelei in der Halle gekommen, aber "in keiner Weise zu einer Schlägerei", keiner sei aggressiv gewesen. Verletzt worden sei niemand. Die Asylbewerber hätten mit der Wirtschaftsschule nichts zu tun, sie erhielten im unmittelbar angrenzenden Gebäude der Handwerkskammer Sprachunterricht. Die 15-/16-jährigen Jungen reagierten, wie es alterstypisch sei, sie seien vielleicht "etwas burschikos" vorgegangen, doch das sei eine Sache des Alters, das habe mit Asylbewerbern nichts zu tun.


Jugendliche wollen sich einigen

Dass sich Schüler im Klassenzimmer verbarrikadierten, wie eine Mutter der Redaktion sagte, treffe nicht zu, sagt Kaiser, die Schüler blieben lediglich in ihren Klassenzimmern. Von den Jugendlichen sei inzwischen der Impuls ausgegangen, sich zu einigen. Kaiser: "Im Nachgang haben sich beide Gruppen ausgesprochen und wollen es in ruhige Bahnen bekommen."