Statt in den Unterricht zu gehen, hat er Saxofon geübt, statt mit der Klasse noch eine Woche unterwegs zu sein, hat er einen Goldkurs in Hammelburg belegt. Corona macht's möglich. Tim Wendler hat die Zeit genutzt und trägt nun Gold, das Leistungsabzeichen des Nordbayerischen Musikbundes.

Tim besucht das Arnold-Gymnasium in Neustadt, nach den Sommerferien geht er in die Q11, spielt Fußball in der B-Jugend in der Spielgemeinschaft "Hohe Aßlitz" und Altsaxofon im Hauptorchester des Musikvereins Marktzeuln.

"Tim war einer der ersten in unserem Nachwuchsorchester", erinnert sich die Vorsitzende des Musikvereins, Barbara Lang. Sie ist stolz, mal wieder einen Goldmusiker im Orchester zu haben. Tim erinnert sich noch genau an die erste Probe, damals war er elf: "Wir sollten als Erstes ein klingendes B spielen - ich war total überfordert." Was im Konzert oder Bierzelt für den Besucher so einfach aussieht, ist es nicht. Das Altsaxofon ist in "Es" gestimmt. Der Grundton wird als "C" notiert. Das klingt kompliziert, und ist es auch. Ein "klingendes B" ist für Tim dann als "G" notiert. Heute lacht er darüber - das Goldabzeichen hat einen praktischen und einen theoretischen Teil, und in beiden geht die Post ab.

Eine Dreiviertelstunde am Tag

In der fünften Klasse hat Tim mit Saxofonunterricht begonnen, "meistens eine Dreiviertelstunde am Tag geübt". Die Pflichtstücke sind ihm da nach fünf Jahren Unterricht leicht von der Hand gegangen. "Während des Lockdowns hatte ich drei oder vier Onlinestunden bei meiner Lehrerin Anna Piontek für die Pflichtstücke." Am kniffligsten war für ihn die Gehörbildung. Das ist so etwas wie rückwärts singen. Man hört die Melodie, den Rhythmus und die Intervalle - und muss nur über das Ohr die Noten dazu aufschreiben. "Das ist mir echt schwer gefallen", sagt Tim. Aber er hat es geschafft.

Sein Motto im Orchester und auch in der Prüfung: "Augen zu und durch". Sein Dirigent hätte das gerne anders: "Augen auf und durch", findet Christian Stenglein, der Marktzeulner Dirigent, noch besser. Er hat Tim vor fünf Jahren die Instrumente des Blasorchesters vorgestellt. "Ich hatte einen riesigen Respekt vor ihm, der schien mir von allem Ahnung zu haben und alles zu können", sagt Tim. Am Ende des Tages blieben für ihn Waldhorn und Altsaxofon in der engeren Auswahl. "Da habe ich dran gedacht, dass auch mein Opa Saxofon gespielt hat. Das hat dann den Ausschlag gegeben." Außerdem "hat das Saxofon so etwas Jazziges, das gefällt mir".

Tim trennt Musikhören und Musikspielen. Englischer Pop, Hip-Hop und "manchmal auch etwas Blasmusik" tönt aus seinen Kopfhörern. Jazz und Balladen sind dem Selberspielen vorbehalten, wie die traurige und langsame "Aria", die er als Kür beim Goldkurs mit Klavierbegleitung spielte.

Tim will es selbst schaffen. Liegt ein neues Stück auf dem Notenständer, dann versucht er, sich Rhythmus und Melodie selbst zu erarbeiten. "Nur ganz selten höre ich mir vorher ein MP3 oder schaue mir einen Youtube-Clip an", sagt er. So ist in jedem Stück viel von ihm - und sein Spiel nicht die Kopie eines anderen Spielers. Alle zwei Wochen will er künftig noch Saxofonunterricht nehmen, sein Können weiter ausbauen - und damit Zeit finden für ein zweites Instrument. In der näheren Auswahl stehen Waldhorn, Klavier und Gitarre. "Momentan sieht es so aus, als ob es das Klavier wird." Mit Goldabzeichen wird demnächst auch das erste Solo im Hauptorchester des Musikvereins Marktzeuln auf ihn zukommen. "Ich bin jetzt schon aufgeregt und fühle mich überfordert." Der Respekt vor dem Dirigenten ist ihm geblieben. Sein eigenes Motto wird ihm auch da helfen: "Augen zu und durch".