Wo anfangen? Jan Wechlin-Haffner spricht schnell und erinnert sich ständig an weitere Begebenheiten. Der Mann hat erlebt, "was für fünf Leben reicht", sei ihm mal gesagt worden. Zumindest im Bereich Musik, Stars und Tourneen. Erinnerungen eines Bühnenhelfers (Roadie).

"Sausewind" sei sein Spitzname gewesen, erklärt der 42-jährige Mann lächelnd zu einem Lebensabschnitt zwischen 1997 und 2006. "Sause" steht auch auf manchem seiner Bühnenpässe und als solchen kann man sich den Lichtenfelser gut vorstellen; quirlig, lustig und schnell in alemannischer Mundart redend. Die Liebe führte den heutigen Maschinenführer vor sechs Jahren an den Obermain, weg von geschäftsführenden Tätigkeiten u.a. in Blues-Szenekneipen, hin zu seiner Freundin Anja.


Bis zu 15 Stunden auf den Beinen

Die Begeisterung für den Blues hat sich ihm erhalten, auch wenn ihn sein Weg zu Broadway-Produktionen oder Zauber-Shows führte, mit Carla Bruni Kaffeetrinken oder eine verletzte Mel C. (Spice Girl) umsorgen ließ. Stagehands übersetzt man wohl am besten mit Bühnenhände. "Das sind die, die auf der Bühne der Tour-Mannschaft zur Hand gehen." Mit 20 habe er seinen Fliesenlegerjob geschmissen, bei einer Agentur angeheuert und keinen leichten Beruf kennengelernt, denn in ihm "muss man hart sein". Bis zu 15 Stunden täglich sei er auf den Beinen gewesen, mitunter mit Blut im Schuh. Bühnenabbau in der Nacht, um 3 Uhr morgens im Tour-Bus zum Schlafen gekommen, um 7 Uhr morgens wieder aufgestanden, um am neuen Ort die Bühne aufzubauen.


Mit "Iron Maiden" nach Mexiko

"Ich war in Europa in Städten und weiß nicht, dass ich dort war", resümiert der Lichtenfelser dazu. Oder anders ausgedrückt: "Wo waren wir gestern - Rom, Mailand, Buxtehude?" Anekdoten hat der Ex-Roadie genügend gesammelt. So auch die von dem Flug mit "Iron Maiden" nach Mexiko. Die Heavy-Metal-Weltstars haben eine eigene Boeing 747 und ein Bandmitglied ist Pilot. "Iron Maiden waren super druff, haben drei Fanclubs eingeladen, je 40 bis 50 Leute. Da ist alles drin im Flieger - Kino, alles", so "Sausewind" zu einem der Höhepunkte seines Tour-Lebens. Eine Palette Jack Daniels war auch an Bord, von Band und Passagieren geleert auf Hin- und Rückflug.

Traversen, Lichttechnik, Bühnenregie - in all so etwas habe er nach und nach Einblick erhalten, bei "Lord of the Dance" sei er zuständig für Tonabnehmer gewesen, die das gesteppte Klacken der Schuhe einfangen sollten. Und irgendwann lag auch die persönliche Betreuung von Künstlern bei ihm.


Die Marotten der Künstler

Was nach viel Raum für Spontanität klingt, ist oft bis ins Detail durchgeplant. Künstler haben nämlich auch Marotten. "Ein halbes Jahr vorher bekommst du Bühnenanweisungen von Elektronik bis Bühnenbau, welches Gemüse einzukaufen ist, wer Obst, aber keine Bananen mag, welcher Star in den Pausen lieber Snickers isst und so weiter." Für den Sänger Jamiroquai habe er Ginseng-Essenz als Koffeinschub zu beschaffen gehabt. "Das musste ich besorgen - aber was ist das überhaupt?" Eine vertrauensvolle Aufgabe, bei der man nicht scheitern darf. "Da können die sogar Konzerte absagen, wenn die das nicht kriegen", so "Sausewind" über Marotten von Stars.

Aber manchmal ist alles so durchgetaktet, dass es schlicht keinen Kontakt zwischen Stagehands und Künstlern gibt. Die einen bauen auf, die anderen lassen sich an die Bühne fahren. In der Baseler St. Jakobshalle sei er einmal in die technische Leitung für Simon and Garfunkel eingebunden gewesen. 150 Stagehands habe es gegeben,denen Räume im Stadion zugewiesen werden mussten. "Das will alles vorhergeplant sein."


"Pink Floyd" und 32 Lkw

Den Gipfel an Aufwand beschreibt der 42-Jährige am Beispiel "Pink Floyd" mit 32 Lkw, wobei drei Lkw nur Stromaggregate so groß wie kleine Häuser beinhalteten. Stromverbrauch gleich einer Stadt. Stress habe er oft gehabt an seinen Tagen mit 15 bis 18 Arbeitsstunden. "Und nachts um 3 Uhr darfst du noch die Halle fegen." Regelrecht blutige Füße habe er gehabt und ja, das gibt er zu, "man hat mit gewissen Substanzen nachgeholfen", wach zubleiben. Das gehört zu den weniger schönen Seiten der Branche. So wie das Geldausgeben.

"Du verdienst schon gut, so 800 bis 1000 Euro die Woche. Du gibst aber auch viel aus (...), man lebt halt in deren Welt", erklärt der einstige "Sausewind" Besuche in der Münchener Promi-Disco P1. Während er mit dem Musical "Grease" unterwegs war, sei er binnen eines Jahres lediglich eine Woche daheim gewesen. Aber es habe auch weniger beschwerliche Jobs gegeben. So wie die drei Wochen mit dem Komiker Gerd Dudenhöfer. "Da musste ich täglich nur einen Stuhl und einen Tisch als Bühnenbild aufbauen." Und in der Schweiz habe er für 180 Franken am Tag "drei Wochen lang nur zweimal zwei Schalter täglich" umlegen brauchen.


Kaffeetrinken mit Carla Bruni

Aber alles in allem sollte man den Job nicht ewig machen. "Da waren 60-Jährige dabei, die brauchst du nicht mehr in die normale Welt stellen." Und ja, man ist körperlich nicht selten verbraucht. Aber dann kommt der Mann auch wieder auf die schönen Seiten zusprechen, auf das Kaffeetrinken mit Carla Bruni, dem Plausch mit Mark Knopfler, oder dem Geschenk, das ihm Weltstar Mick Hucknall von "Simply Red" einst machte: "Ein Backstage-Pass auf Lebenszeit. Der gilt für alle Zeiten und alle Bühnen der Welt."