Kathi Seidel mag Menschen. Das spürt man, denn sie zeigt es ständig. Unverstellt geht sie auf die Menschen zu, spricht mit ihnen, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Es gibt wohl kaum einen Staffelsteiner, der noch nicht bei Kathi Seidel in der Goethestraße eingekauft hat, dem sie noch keine Gelbwurst schenkte. Als Fleischereifachverkäuferin ist die 81-Jährige im Staffelsteiner Land bekannt - aber auch als Komödiantin beim Frauenbund- und Pfarrfasching. Das Singen und die Schauspielerei sind nämlich die große Leidenschaft der Metzgersgattin. Vor etlichen Jahrzehnten, erzählt sie, habe sie deshalb mit einigen Gleichgesinnten den Staffelsteiner Frauenbund gegründet, denn: "Es muss wieder etwas passieren, es müsst a weng lustig zugeh'n!"

Wortspiele und viel Improvisation

Im Gasthof "Grüner Baum", im Katholischen Jugendheim und im Gasthof "Post" (heutiges
"Treibhaus") fanden somit die ersten Faschingsfeiern statt, bei denen der Frauenbund federführend mitwirkte. "Lustspiele zu zweit, zu dritt haben wir aufgeführt", erinnert sich Kathi Seidel, oft waren es kurz umrissene Dialoge, aber meist improvisierten die Darsteller. Kleine, scheinbar banale Episoden aus dem Alltag, aus dem Stadtgeschehen wurden aufgegriffen und humoristisch mit Kalauern und Wortspielen aufbereitet.

Themen für ihre Faschingssketche findet Kathi Seidel genügend bei der täglichen Arbeit. Der Kundenkontakt ist ihr wichtig, und für jeden, der bei ihr ein Schnitzelsandwich oder ein Leberkäsbrötchen bestellt, hat sie ein aufheiterndes Wort: "Was braung mer denn, mei Bu'?" Als jüngst zwei Teenager, die in die Metzgerei kamen, und Kathi sie ein wenig zu euphorisch grüßte ("Guten Morgen, Gott grüßt auch euch!"), bemerkte sie zur eigenen Erheiterung deren befremdete Blicke: "Die dachten, ich komm' von a'm annern Stern."

Ein junger Mann war Kathi Seidel einmal aufgefallen, weil er sein Essen in der Imbissecke stehen ließ und sie die ganze Zeit anlächelte. Als sie ihn fragte, warum, antwortete er: "Ich habe mein Essen kalt werden lassen, weil ich Sie so gerne reden höre."

Kindertraum von der Bühne

Kathi Seidel, die dreifache Mutter und neunfache Oma, wäre in ihrer Jugend schon gern Schauspielerin oder Sängerin geworden. Aber die Zeiten waren damals nicht so. Sie wurde in Stetten geboren und wuchs dort auf. Im Kaiserssaal von Kloster Banz trat sie im Alter von vielleicht 13 oder 14 Jahren ein paar Mal auf. Theater spielten sie dort bei den Schulschwestern. Anlässe waren Namenstage von Pfarrern oder Krippenspiele. 1951 eröffnete sie mit ihrem Mann, dem Metzger Rudi Seidel, den ersten eigenen Laden in Staffelstein, im Kastenhof neben der Georgenkapelle. "Ich wäre gern in die Welt, hätte gern Karriere auf der Bühne gemacht", sagt sie und lacht. Singen ist ihre Leidenschaft, auch wenn sie in Staffelstein hängengeblieben ist. Dass sie keine große Bühnenkarriere machte, bereut sie nicht. Sie hat sich kleine Bühnen erobert. Etwa im Fasching. Wenn sie im Saal des "Grünen Baums" auftritt, ist sie anfangs immer noch aufgeregt - "aber nur im ersten Moment, dann könnt' ich a ganza Stund' spiel'n".

Zu einer gewissen lokalen Prominenz hat sie es mit ihrem Lied der Fleischereifachverkäuferin gebracht. Sie verfasste es selbst, und alle Jahre im Fasching singt sie es mit heiterer Miene und einer gewissen Grandezza: "Du kommst zu mir in die Metzgerei, ich frag dich freundlich: 'Was darf's denn sei'?' Du sagst: '100 Gramm Schinken, nicht geräuchert, aber gekocht.' Ich schneid' ihn runter, wiech' na ab, wickel na ei' und sooch, wos kost'. Du bezahlst - und schon verlässt du mich. Dann ruf ich laut: 'Wart amal, ich hab noch was für dich!' Und zum Abschied schenk' ich dir 'ne Scheibe Gelbwurst, und ich lächle und sage: 'Guten Appetit! Das macht dich jung, das macht dich schön, gibt deinem Leben wieder Sinn. Ich bin die Fleischereifachverkäuferin!'" Die obligatorische Scheibe Gelbwurst nach dem Lied bekommt übrigens jedesmal Pfarrer Gerhard Hellgeth.

Als Rosi Jörig von der Kulturinitiative zum Fototermin in die Metzgerei gekommen ist, um eine Aufnahme für die Ausstellung "Menschenbilder" zu machen, scherzt Kathi Seidel (mit Gelbwurst in der Hand): "Mach mich fei jünger, ned älter!"





Die KIS-Ausstellung "Menschenbilder"


Eckdaten Die Ausstellung "Menschenbilder 2014" der Kulturinitiative Bad Staffelstein (KIS) wird mit einer Vernissage am 12. Juli um 19.30 Uhr in der Alten Darre eröffnet. Der Arbeitskreis Fotokunst zeigt in der Alten Darre von 13. Juli 2014 bis 31. August Aufnahmen von Staffelsteiner Frauen und Männern.

Porträts Es sollen wieder Menschen porträtiert werden, die das Leben in Stadt und Land wiederspiegeln. Originale, außergewöhnliche Talente, besonders gesuchte Handwerker, Leute mit handwerklichen Fähigkeiten früherer Zeiten oder einfach nur Menschen, die im Staffelsteiner Land bekannt sind; gesucht aber auch junge Leute mit witzigen Hobbys.

Vorbereitung Das erste Treffen des Arbeitskreises Fotografie, der die Ausstellung vorbereitet, ist am Mittwoch, 12. Februar, um 18.30 Uhr in der Alten Darre am Stadtturm. Jeder der Ideen zum Thema Menschenbildedr mitbringt oder sie selbst umsetzen möchte, ist dazu eingeladen. Sollte der Termin für jemanden ungelegen kommen, dann kann er mit der Arbeitskreisleiterin Fotokunst, Rosi Jörig, im Fotostudio ProMedia, Tel. 09573/5970, oder über E-Mail rosi.joerig@promedia-line Kontakt aufnehmen.