Im ehemaligen Steinbruch am Hühnerberg in Schwürbitz spielten die Kinder Indianer und erlebten andere Abenteuer. Das war in den 1950er- und 1960er-Jahren - und viele erinnern sich noch an diese unbeschwerten Momente.

Heute ist der Steinbruch zugeschüttet, Bäume und Gebüsche locken Kinder ebenso wie damals, um hier zu spielen. Timo F. (8) und seine Freunde haben das gemacht. Stöcke sammeln, Lager bauen, was Jungs eben gerne machen. "Als er nach Hause kam", erzählt sein Vater, "hatte er einen roten Ausschlag und schrie, wenn beim Duschen Wasser darauf kam." Die Familie hat sich nichts weiter dabei gedacht. Den anderen Kindern, die mit dabei waren, hat nichts gefehlt. Doch auch beim zweiten Mal auf dem neuen Abenteuerspielplatz hatte der Junge den gleichen Ausschlag. "Erst dann sind wir auf die Idee gekommen, dass da ein Zusammenhang bestehen könnte", sagt Vater Marcus F.

Zwischen dem Steinbruch und dem jetzigen Abenteuer-Wäldchen liegt die unrühmliche Geschichte einer Giftmüll-Deponie begraben.

Hochgiftig und krebserregend

In Neuensee gab es die Firma Andreas Hofmann Metallwarenfabrik. Damals, wie auch heute, sind chemische Substanzen notwendig, um dem Metall eine ansprechende Oberfläche zu geben und es vor allem gegen Rost zu schützen. Die entscheidende Verbindung ist damals wie heute Chrom VI. Ein universell einsetzbares Mittel, das aber hochgiftig, wasserlöslich und krebserregend ist.

Die Firma Hofmann bekam 1967 vom Landratsamt Lichtenfels die Erlaubnis, die Reste, sogenannte Galvanikschlämme, in den ehemaligen Steinbruch zu kippen, der der Firma gehörte.

"Unser Abenteuerspielplatz war plötzlich eingezäunt - und die Eltern haben bei Todesstrafe verboten, über den Zaun zu steigen", erinnert sich Konrad Fischer an seine Kindheit im Steinbruch. Natürlich sind sie doch über den Zaun, zu sehr hat sie der neue Chemiesee fasziniert: "Das war eine grün leuchtende Brühe, die schäumte. Sie schwappte, war aber so zäh, dass sich keine Wellen auf der Oberfläche bildeten", sagt Fischer. Irgendwann schwappte sie auch vorne raus, sodass ein Damm davor aufgeschüttet wurde.

Grundwasser verseucht

Bereits wenige Jahre später lief bei einem Neubau an der Neuenseer Straße die Baugrube einer Hauskläranlage voller Grundwasser. Ein Arbeiter, der mit dem Wasser in Berührung kam, stand schreiend in der Grube, erinnern sich Augenzeugen. Das Wasser hatte Kupfer-, Chrom- und Nickelbestandteile. Einen Zusammenhang zwischen der Deponie und dem verseuchten Grundwasser leugneten damals die Behörden, wie auch die Firma Hofmann. Sie gingen davon aus, dass die Ablagerung "völlig gefahrlos und unschädlich" ist.

Der damalige Gemeinderat (der damals noch selbständigen Gemeinde Schwürbitz) Georg Vogel junior (CSU) war der einzige, der gegen die Deponie redete und stimmte. Entsprechend wurde ihm von der Firma Hofmann vorgeworfen, die Bevölkerung zu beunruhigen. "Der ganze Gemeinderat wusste damals, was da passiert", erinnert er sich heute. Vogel war es, der weitere Gutachten anforderte. Die Regierung von Oberfranken wollte dann die Deponie 1976 schließen. "Durch das Verwaltnugsgerichtsurteil vom 25.04.1978 wurden die Bescheide der Regierung von Oberfranken... aufgehoben. Somit war es der Firma Hofmann weiterhin erlaubt, Abfälle abzulagern", klärt der Pressesprecher des Landratsamtes, Andreas Grosch, auf. In einem Vergleich einigte man sich darauf, nur noch Erdaushub und Bauschutt aufzufüllen.

Ein Meter Deckschicht

Heute ist die Regierung von Oberfranken für die Deponie zuständig. Pressesprecherin Corinna Boerner schreibt, dass damals "ca. 500 Tonnen Galvanikschlamm" in den Steinbruch gekippt wurden. "Anschließend wurde sie mit bindigem Material und Erdaushub überdeckt, stillgelegt und bis 1986 rekultiviert." Die Deckschicht heute ist rund einen Meter dick. Der Wald darauf bindet einen Großteil des Wassers, damit es nicht tiefer sickert.
Das Grundstück kaufte 1984 die Gemeinde Michelau, nachdem der Eigentümer, die Firma Hofmann, 1981 Insolvenz anmelden musste. Zunächst musste sich das Landratsamt um die Altlast kümmern, ab 2002 wurde die Regierung "aufgrund der problematischen Eigenschaften der abgelagerten Stoffe zuständige Rechtsbehörde."

Zwischen 2003 und 2006 untersuchte sie das Gelände, nahm Wasserproben des Grundwassers und kam zu dem Schluss, dass alles in Ordnung sei. "Eine im November 2003 genommene Wasserprobe zeigte dabei keine Belastung von Schwermetallen." Weiter schreibt die Regierung: "Feststoffproben aus dem eingelagerten Material zeigten hingegen erhöhte Gehalte an Schwermetallen, jedoch keine Belastungen mit Chrom-VI." Kann es nun einen Zusammenhang zwischen den 40 Jahre alten Chemieabfällen und den Ausschlägen des Timo F. geben?

Altdeponie ungefährlich?

Die Altdeponie sei unbedenklich für das Grundwasser, bewertet der Gutachter in seinem Abschlussbericht 2006. Boerner schreibt: "Weitere Maßnahmen hinsichtlich Sicherung und Sanierung der Deponie sind nicht erforderlich."

"Für Boden und Mensch besteht ein niedriges Gefährdungspotential", zitiert Michelaus Bürgermeister Helmut Fischer (CSU) aus einem Schreiben des Landesamts für Umweltschutz aus dem Jahr 2010. "Sinngemäß schreiben sie, dass keinerlei weitere Probleme bestehen", fasst Fischer die Schlussfolgerung zusammen. "Alles, was jetzt passiert, kostet die Gemeinde nur unnötig Geld."

Peter Schenk, Sachgebietsleiter für technischen Umweltschutz bei der Regierung für Oberfranken, sagt: "Ich würde meine Kinder dort spielen lassen - wenn ich welche hätte." Und er gibt noch einen Tipp für alle Abenteuerjungs und deren Eltern: "Wenn Sie solche Ausschläge bekommen, dann gehen Sie bitte zum Gesundheitsamt oder zum Amtsarzt." Das hatten Timo und Marcus F. versäumt.