"Eigentlich gibt es nur zwei Arten von Liedern: Liebeslieder und Trinklieder", erklärt Markus Milian Müller mit einem Augenzwinkern. Und genau diese beiden Arten sind beim Konzert der "Global Shtetl Band" am Samstagabend in der ehemaligen Synagoge in Lichtenfels auch zu hören.

Von ihrer 2014 erschienenen CD "7 Glezer" (7 Gläser), auf der sich überwiegend eigenkomponierte Stücke befinden, präsentierte die Band das Lied "zibn glezer". Von den sieben Gläsern, die wir in unserem Leben austrinken, stehen das erste für den Lebensanfang und das letzte für das Lebensende. "Die dazwischen trinkt man mit seinen Freunden", klärt Müller auf. Der "Global Shtetl Band" gehören neben Müller noch Daniel Piccon mit seinen Perkussionsinstrumenten und Bartek Stanczyk am Akkordeon an. Drei vielseitige Musiker, die sich der Klezmermusik verschrieben haben.
Dabei richtet sich ihr Fokus nicht nur auf das "klassische" jiddische Liedgut osteuropäischer Provenienz, sondern greift auch all die Varianten auf, die im Laufe der letzten Jahrzehnte entstanden sind.

Die "Global Shtetl Band" spielt Musik aus Argentinien und dem Kuba der 20er-Jahre, aus Polen und Kolumbien. Musik, die grenzüberschreitend ist und manchmal auch sehr überraschend klingt.

Leider hielt sich die Anzahl der Besucher in der ehemaligen Synagoge in überschaubaren Grenzen. Gute 40 waren gekommen, diese erlebten ein Konzert, das vor Lebensfreude nur so sprühte und erfrischend lebendig klang.

Markus Milian Müller beherrscht die jiddische Sprache perfekt, schließlich hat er sie in Trier an der Universität studiert. Eine Sprache, die überall auf der Welt gesprochen wird. Müller ist es auch, der die einzelnen Titel kommentiert und auch sonst einiges zu erzählen hat. "Du bist gewesen", lautet die Übersetzung eines neuen Liedes des Trios, das davon berichtet, dass jeder etwas im Herzen trägt, das nicht mehr bei uns ist.


Südamerikanische Anklänge

Von einer kleinen jüdischen Szene im Kuba der 20er-Jahre erzählt ein anderes Lied. Ein angekündigter Cha-Cha aus dem New York der 1950er-Jahre wird kurzerhand nicht gespielt, dafür aber ein ebenso mitreißender Titel mit südamerikanischen Anklängen. Diese Spontanität überrascht zwar etwas, sie trägt aber auch zur Lebendigkeit des Konzertes bei.

Mit jedem Lied, jeder Melodie ist auch die Begeisterung der Musiker zu spüren. Ein Liebeslied aus Litauen berichtet von einer Liebe, die unerreichbar geblieben ist. Oft erzählen die Lieder komplexe Geschichten, wie die über den "Seher von Lublin". Dieser sah den Tod eines Mannes voraus und riet ihm, nach Hause zu gehen, um im Kreis seiner Familie zu sterben. Doch der Mann entschied sich unterwegs ganz spontan für den Besuch einer Kneipe, wo er mit anderen die Nacht singend und trinkend zubrachte. Später erfuhr er dann, dass er genau damit den Tod vertrieben hatte.

Zwischen den Trinkliedern waren immer wieder Liebeslieder eingestreut, in denen Melancholie und Sehnsucht mitschwingen. Schließlich war der im ersten Teil angekündigte Cha-Cha aus New York doch noch zu hören.
Mit ihren Soloeinlagen begeisterten sowohl Daniel Piccon als auch Bartek Stanczyk. In ihrem knapp zweistündigen Konzert machte die "Global Shtetl Band" deutlich, dass es in der Welt der Musik keine Grenzen gibt. Am Ende erklatschten sich die Zuhörer noch mehrere Zugaben. Bei der letzten durften sie sogar mitsingen.
Ein schöner Abend, an den sich mancher noch gerne erinnern wird. Auch für die Band schien es etwas Besonderes zu sein, unter der schönen Decke in der ehemaligen Synagoge zu spielen, wie von Markus Milian Müller zu erfahren war.