Vor 400 Jahren bekam der Wirt von Vierzehnheiligen Ärger. Ein Mord war in seinem Wirtshaus geschehen, und als die Lichtenfelser Beamten nachforschten, stellte sich heraus, dass der berüchtigste Verbrecher ringsum die Tat begangen hatte: Hans von Viereth oder, wie man ihn auch nannte, "der Vierether".

Über Tage hatte er sich am Wallfahrtsort aufgehalten, der Wirt aber hatte das nicht gemeldet. Mit dem Vierether geht es uns wie mit vielen Vertretern der Unterschicht: Unser Wissen über ihn ist dürftig, und das Wenige, was bekannt ist, berichtet von seinen Gewaltverbrechen. Wie er zum gefürchteten "Gangsterboss" wurde, der er Anfang des 17. Jahrhunderts war, erfahren wir nicht. Wir besitzen über ihn besonders wenig Informationen, da es den Obrigkeiten nicht gelang, ihn zu fassen, und das, obwohl man sogar grenzüberschreitend ermittelte: Der Fürstbischof von Bamberg verhandelte 1604 darüber mit dem Herzog Johann Casimir von Sachsen-Coburg.

Mit Rutenbündel verprügelt

Nur einmal glückte es, Hans von Viereth in Lisberg bei Bamberg zu verhaften, doch offenbar hatte er entkommen können. Lediglich Mitglieder seiner Bande gingen den Bamberger und Coburger Behörden ins Netz. 1603 gestand Konrad Bergkman aus Mitwitz, genannt "der Klein Cuntz" oder "der Bart Cuntz", dass er mit dem Vierether und "andern bösen Gesellen" viele Diebstähle begangen habe. Er wurde zur Strafe am Galgen mit einem Rutenbündel verprügelt und des Hochstifts Bamberg verwiesen.

Im September 1605 fasste der Lichtenfelser Vogt einen gewissen Andreas Förster aus Gerolzhofen, genannt "Enderlein von Zeil". Dieser bekannte, dass er mit seiner Geliebten, mit seinem Bruder und mit dem Vierether, "auch sonst mit etlichen andern seinen [...] Gesellen vil Diebstal verübt und Karren aufgehauen und beraubt", also Straßenraub begangen hatte. Förster wurde wie Bergkman bestraft.

Im Juli 1606 konnte der Lichtenfelser Vogt in Uetzing zwei Diebe festnehmen, Ernst Keplein aus der Gegend um Sonnefeld und Hans Beutler aus Strullendorf, 16 bzw. 20 Jahre alt, denen des Vierethers "Geselschaft wohl bekhant" war. Jedoch leugneten sie, der Bande selbst anzugehören. Keplein wollte beobachtet haben, dass Mitglieder der Vierether-Bande einen Boten erschlagen hatten. Um dieselbe Zeit verhaftete der Scheßlitzer Vogt den Niederländer Hans Schönbein, Türck genannt. Dieser "Ertzdieb" - so titulierte ihn die Bamberger Regierung -, der schon zweimal des Hochstifts Bamberg verwiesen worden war, gehörte nicht nur der Bande des Hans von Viereth an, er war auch mit der Schwester von dessen Geliebter liiert. Schönbein wurden offenbar die beiden Schwurfinger abgehauen, denn er hatte ja geschworen, das Land nicht mehr zu betreten, und durch seine Rückkehr Eidbruch begangen. Er wurde mit Ruten ausgepeitscht und ein drittes Mal des Landes verwiesen.

In Coburg schließlich wurden ebenfalls im Juli 1606 zwei Kumpane des Vierethers gerichtet: Gunther Fischer aus Poppenhausen, der an drei Morden und vielen Diebstählen beteiligt gewesen war, wurde auf besonders grausame Weise hingerichtet: Der Henker räderte ihn, d. h. er zertrümmerte seine Gliedmaßen mit einem Wagenrad. Sein Komplize, Hans Kober aus Altenkunstadt, erst 18 Jahre alt, soll sogar bei neun Morden gehol-fen haben. Er wurde geköpft und seine Leiche aufs Rad geflochten. Aus all diesen Aussagen wird klar, dass der Vierether und seine "Gesellschaft" nicht nur einbrachen und stahlen, sondern auch Straßenraub begingen und mordeten. Die fürst-lichen Beamten versuchten vergeblich, seiner habhaft zu werden.

Doch der Vierether beherrschte die Kunst der Maske. "Verkleide sich einmahl uber das ander", berichtete 1600 ein verhafteter Kleinkrimineller über ihn. So konnte Hans von Viereth es 1606 angeblich sogar wagen, mit drei Kumpanen auf einem Staffelsteiner Jahrmarkt zu erscheinen, gekleidet wie ein vornehmer Herr, mit einem Dolch und einer Schusswaffe. Seinen Schlupfwinkel wechselte der Vierether notgedrungen häufig. 1600 werden Reuth bei Kirchschletten und der Erlhof bei Döringstadt als seine Aufenthaltsorte genannt. Aber dort treffe man ihn tagsüber eher an als in der Nacht, wusste eine Augenzeugin zu berichten.

Im Juni 1604 hielt er sich, wie eingangs erwähnt, mehrere Tage im Vierzehnheiligener Wirtshaus auf. Die Obrigkeit erfuhr davon nur, weil er dort einen Mann ermordete. Als der Lichtenfelser Vogt zugreifen wollte, war der Vierether längst auf und davon. Der Beamte ließ daraufhin den Wirt verhaften, weil er den berüchtigten Verbrecher beherbergt und dies nicht der Obrigkeit gemeldet habe. Doch die Wirtsfrau rechtfertigte ihren Mann: "Er sei uf der Einödten und hab kein Hilf, do er von dergleichen bösen Gesind sollt angegriffen werden". In der Tat scheint den Bewohnern von Weilern oder Einzelhöfen oft gar nichts anderes übrig geblieben zu sein, als Banden wie der des Hans von Viereth Unterschlupf zu gewähren, um nicht mit ihnen aneinanderzugeraten.

Mysteriöses Lebensende

Daneben brachte dies den Gastgebern sicher Gewinn. Nach 1606 erscheint der Vierether nicht mehr in den Quellen. So wie seine Jugend im Dunkel liegt, so ist sein Lebensende mysteriös. Vielleicht wurde er außerhalb des Hochstifts Bamberg gefasst und hingerichtet. Möglicherweise wechselte er sein "Revier". Es ist sogar denkbar, dass er sich mit seiner Beute irgendwo unerkannt niederließ. Oder hatte doch seine Geliebte recht, die 1606 behauptete, er sei im Herbst 1605 in Rugendorf bei Kulmbach erschlagen worden? Wir wissen es nicht.

Mehr als über Hans von Viereth ist über seine Geliebte bekannt. Sie hieß Kunigunda Hanbauer (genannt wurde sie Kunnel) und war um 1576 in Baunach geboren. Seit sie 18 war, war sie mit Hans von Viereth liiert. "Ihren Hans" nennt sie ihn in einem Verhör. Jedoch war sie nicht dauernd mit ihm und seiner "Gesellschaft" zusammen. Sie beteuerte 1606: "Sey ihr Leben lang nicht darbey geweßen, da ihr Hanß undt seine Gesellen einigen Diebstahl oder Mortthat begangen, habe doch seinetwegen viel leiden undt außstehen müeßen." Die gutaussehende Frau zog - so behauptete sie wenigstens - meist allein umher, kaufte auf Jahrmärkten Gewürze, Messer und Scheiden, ging damit hausieren und verrichte-te ab und zu Botendienste. Den Vierether hätte sie demnach nur gelegentlich getroffen. Sie gab 1606 sogar vor, seinen Aufenthaltsort nicht zu kennen.

1610 hingerichtet

Sechs Kinder hatte sie mit "ihrem Hans", von denen 1606 nur noch zwei lebten. Das eine habe sie einer Landfahrerin anvertraut, die es "mit sich im Landt" herumtrage, das andere sei in Kirchschletten untergebracht. Straffällig wurde die "Kunnel" in diesem Jahr 1606: Auf dem Staffelsteiner Jahrmarkt stach sie trotz des besonderen Friedensgebotes einem Mann, mit dem sie in Streit gera-ten war, in den Arm. Da man ihr jedoch sonst nichts nachweisen konnte und sie vielleicht schwanger war und deshalb nicht gefoltert werden durfte, um von ihr Aussagen zu erzwingen, ließ man sie nach einigen Wochen wieder frei und verwies sie des Amtes Staffelstein. Es war nicht ihre erste Haft; schon 1598, 1602 und 1605 war sie gefangen gewesen, aber jedesmal bald freigelassen worden. 1610 wurde sie in Staffelstein erneut verhaftet, zusammen mit ihrem neuen Geliebten Peter Kaus. Beide wurden verhört, dann un-ter Folter befragt und schließlich hingerichtet.