Das Telefon klingelt. Die 60-jährige Gerlinde P.* hebt ab. "Ich bin dein Sohn. Ich habe einen schweren Unfall gehabt und ein Mädchen tot gefahren." Gerlinde P. ist geschockt. Sie weint, sie schreit. Damit die Familie des Mädchens nicht noch gegen ihn klagt, braucht der Sohn schnell 10.000 Euro. Die Stimme des Sohnes klingt eigenartig. Gerlinde P. fragt: "Wo ist das passiert?" - "In Lichtenfeld."

Sie wird misstrauisch, ihre Kinder haben immer "Lichtenfels" gesagt. Ihr kommt der Anruf immer seltsamer vor. Sie legt auf. Dann versucht sie fieberhaft, ihren Sohn zu erreichen. Erst, als sie die Nachricht bekommt, dass mit ihm alles in Ordnung ist, kann sie sich wieder beruhigen.

Bei der Polizei heißen diese Anrufe "Schockanrufe". Pressesprecher Alexander Czech bestätigt, dass sie in letzter Zeit zugenommen haben. Im Jahr 2012 zählte die Polizei 145 solcher Fälle in Oberfranken, die angezeigt wurden, die Tendenz ist steigend.
Das Muster ist immer ähnlich.
Ein Unfall, ein Bekannter, ein Sohn oder ein Enkel: Der Anrufer versucht, eine Geschichte zu erfinden, die schockt. Und in dem Schreck sollen die Angerufenen schnell Geld abheben und einem Boten überreichen, der gleich vorbei komme.
Gerlinde P. berichtet von einer Nachbarin. Auch sie wurde angerufen, auch sie war unter Schock, auch sie sollte zahlen. "Sie setzte sich aufs Fahrrad, um bei der Sparkasse 10.000 Euro abzuheben" , erzählt Gerlinde P. Zum Glück war Mittagszeit. Die Filiale hatte geschlossen - und nur deshalb hat der Trick bei ihr nicht funktioniert.
"Die Anrufer telefonieren meist von Anschlüssen aus dem osteuropäischen Ausland", sagt Czech. An die Telefonnummern ihrer potentiellen Opfer kämen sie häufig über die Telefonbücher. "Die Täter suchen nach alten Vornamen wie Elfriede oder Gerlinde oder nach Namen, bei denen sie auf eine russische Abstammung hoffen können", beschreibt Czech das Vorgehen.

Gerlinde P. ging nach dem ersten Anruf zur Polizei und zeigte den Fall an. Damit war aber noch lange nicht Schluss. Zwei weitere Male riefen Betrüger bei ihr an. "Einmal sagte ein junger Mann er sei mein Sohn und könne schlecht sprechen - da habe ich nach seinem Namen gefragt. Als er dann 'Alexander' antworte, wusste ich gleich Bescheid und habe aufgelegt." Gerlinde P.s Sohn heißt nicht Alexander.
Beim dritten Versuch war gleich eine Stimme am Telefon, die fragte: "Sprechen Sie russisch?" Dann gab sich der Mann, weiter russisch sprechend, als Rechtsanwalt aus, der für ihren Sohn dringend Geld brauchte, um Schlimmeres zu verhindern.
"Wir raten allen, misstrauisch zu sein, wenn angebliche Verwandte am Telefon Geldforderungen stellen", sagt Czech. "Lassen Sie sich zeitlich oder emotional nicht unter Druck setzen." Rückfragen seien ein guter Weg, die Anrufer zu entlarven. Wie heißt die Mutter? Wo wohnt sie? Intuitiv hatte Gerlinde P. bei dem ersten Anruf alles richtig gemacht.
Insbesondere ältere Menschen seien betroffen. Für sie hat die Polizei in Oberfranken inzwischen ein eigenes Merkblatt herausgegeben. Es ist auf deutsch und russisch verfasst. Dort gibt es weitere Tipps. "Übergeben Sie niemals Geld an Personen, die Sie nicht kennen", zum Beispiel.
Hin und wieder gelingt es der Polizei, solche Geldboten zu überführen. "Bei den Hintermännern", sagt Czech, "wird es allerdings schwierig. Die sitzen meist im Ausland."
Gerlinde P. weiß inzwischen Bescheid. Sollte noch ein Anruf kommen, stellt sie Fragen - und geht zur Polizei, um den Anrufer anzuzeigen.

*Name von der Redaktion geändert.