Ob am Telefon oder am heimischen Klavier aus den 1930er Jahren - immer wieder kramt Otto Bähr Erinnerungen aus seinem Leben hervor, in dem das Ehrenamt und die Musik die erste Geige spielen. Bescheidenheit ist für den 88-Jährigen eine Zier und so funkelt das Juwel unter seinen Erlebnissen erst am Ende der Unterhaltung hervor. Das große Fest der Lieder am 10. Mai 1987 hatte ihm in Coburg eine Begegnung mit zwei inzwischen verstorbenen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und einen Fernsehauftritt im ZDF beschert.

Mit acht Jahren Klavier gespielt

Vor den Erfolg haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt. Er floss bei dem Dirigenten, Musiker und Sänger aus dem Altenkunstadter Ortsteil Maineck schon in jungen Jahren. "Mit acht brachte mir meine Schwester Maria das Klavierspielen bei, und mein Vater Adam vermittelte mir die Grundlagen der Harmonielehre", erinnert sich der Ehrenmedaillenträger der Gemeinde Altenkunstadt. Seine Gedanken schweifen zurück in die entbehrungsreiche Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges, als Bähr am Kirchenmusikinstitut "Cäcilia" Kronach zum Kirchenmusiker ausgebildet wurde. Er erzählt von überfüllten Zügen mit Flüchtlingen und wie er mit dem Fahrrad von Maineck ins 20 Kilometer entfernte Kronach gefahren war. 1948 hatte er mit gerade einmal 15 Jahren die Prüfung bei Prof. Max Schmidtkonz abgelegt. Ein Name, der jüngeren Generationen nichts sagen dürfte. "Damals war er eine Koryphäe der Kirchenmusik. Aus Respekt vor ihm traute ich mich nicht, ihn anzuschauen." Dafür zog er an der Orgel alle Register und wurde mit der Note eins belohnt.

In der Mainecker Allerheiligenkirche sorgt er 70 Jahre lang für voluminöse Klangbilder. Für das nicht alltägliche Jubiläum erhält er 2018 eine Ehrung von Erzbischof Ludwig Schick. Bähr spielt im Laufe seines Lebens nicht nur in katholischen Gotteshäusern, sondern auch in evangelischen. "Da kenne ich keine Berührungsängste, schließlich sind wir alle Christen", betont der Redner. Auch das Dirigieren und Singen liegt ihm im Blut.

Insgesamt drei Chöre hatte er in den vergangenen Jahrzehnten geleitet. Beim Gesangverein 1893 Maineck reichte Ehrenchorleiter Otto Bär 2016 nach 65 Jahren den Chorleiterstab an Heidi Stehl weiter. Beim Liederkranz 1856 Burgkunstadt hatte er den Taktstock 24 und beim Landfrauenchor Lichtenfels rund 20 Jahre in den Händen. Sein ehrenamtliches Engagement ging über die Musik weit hinaus. Einige Jahre lenkte er die Geschicke der Mainecker Kirchenverwaltung. In der Feuerwehr und in der Jagdgenossenschaft war er aktives Mitglied. Der Einsatz für die Allgemeinheit ist dem Mainecker in die Wiege gelegt. Sein Vater Adam hatte die Spar- und Darlehenskasse Maineck gegründet und war in der Nachkriegszeit ehrenamtlicher Bürgermeister des damals noch selbstständigen Ortes Maineck. Aber auch im christlichen Gebot der Nächstenliebe steckt für ihn der Dienst am Nächsten. Der führte ihn am 10. Mai 1987 nach Coburg, wo der deutsche Sängerbund sein 125-jähriges Bestehen feierte. "Sogar der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl war gekommen. Es war ein beeindruckendes Erlebnis, so viele Chöre an einem Ort zu sehen", erzählt Bähr.

Sonntagskonzert im ZDF übertragen

Die Sängergruppen Maintal und Kordigast hatten sich vor der Treppe des Landestheaters zu einem großen Chor vereinigt, der von ihm und Elisabeth Müller-Beck dirigiert worden war. Auf der Veste Coburg durfte er auch noch als Mitglied des Fränkischen Kammerchors den deutschen Opernsänger Karl Ridderbusch begleiten, der Kammersänger an der Wiener Staatsoper gewesen war. Der gemeinsame Auftritt wurde vom ZDF in der Reihe Sonntagskonzert live übertragen. Bähr hat das Konzert als minutiös durchgeplante Veranstaltung in Erinnerung. "So war es auch, als der Bayerische Rundfunk mit seiner Radiosendung ‚Grüße aus...‘ in Burgkunstadt gastierte und ich mit dem Männerchor des Liederkranzes 1856 Burgkunstadt daran teilnehmen durfte", fügt er einen weiteren Höhepunkt aus seinem Dirigenten- und Musikerleben hinzu.

Inzwischen ist Bähr im Herbst seines Lebens angekommen und hat den Dirigentenstab zur Seite gelegt. Mit dem Orgel- und Klavierspielen will der 88-Jährige noch lange nicht aufhören. "Dazu juckt es noch immer zu sehr in meinen Fingern", gibt Bähr offen zu. Der Mainecker, der 2007 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet worden war, freut sich darüber, dass wieder verstärkt junge Leute Kirchenmusiker werden. Stolz ist er auf seinen Enkelsohn Thomas, der ebenfalls Organist geworden ist. Denn ein Gottesdienst ohne Musik ist für ihn eine traurige Angelegenheit.