Ein Jahr ist Jochen Trier jetzt als neuer Bürgermeister von Wirsberg im Amt. Er hatte den langjährigen Amtsinhaber Hermann Anselstetter bei der Wahl im vergangenen Jahr geschlagen. Wir haben mit dem Freien Wähler über die vergangenen zwölf Monate gesprochen, über unerwartete Entdeckungen und Blicke hinter die Kulissen der Gemeinde.

Die Unstimmigkeiten im Abwasserzweckverband und die Forderungen nach einem Lärmschutz entlang der Bundesstraße sind Dauerbrenner in Wirsberg. Haben Sie hier schon etwas erreicht?

Jochen Trier: Bezüglich Abwasserzweckverband und B 303 kann ich Stand jetzt noch nichts sagen. Wir befinden uns in sehr guten Gesprächen, die sich allerdings aufgrund von Corona ziehen.

Sie arbeiten nebenbei bei der Polizei: Wie schwierig ist es, das Amt als Bürgermeister und den Job unter einen Hut zu bringen?

Schwierigkeiten, den Beruf als Polizist und das Amt des Bürgermeisters unter einen Hut zu bringen, gibt es nur bedingt. Wenn, möchte ich hier nicht von Schwierigkeiten sprechen, sondern vielmehr von einem gewissen Planungsaufwand.

In Zeiten von Corona ist mein Planungs- und Verzahnungsaufwand von Beruf und Amt in keinem Verhältnis zu dem zu sehen, was Eltern mit Kleinkindern ohne Kindergartenbetreuung und Präsenz-Schulunterricht leisten.

Wenn Sie zurückblicken: Wie war das erste Jahr als Bürgermeister?

Das erste Jahr war ganz klar Pandemie- geprägt. Rückblickend möchte ich mich bei den vielen Helfern und Unterstützern bedanken, die mir geholfen haben, in das Amt des Bürgermeisters hineinzukommen und dies im Sinne der Wirsberger Bürger zu erfüllen. Ich möchte das Jahr als intensives und erfahrungsreiches/lehrreiches Jahr bezeichnen. Intensiv bezogen auf die Vielschichtigkeit der Aufgabe, Bürgermeister zu sein. Und erfahrungsreich/lehrreich insbesondere deswegen, weil ich einen Blick hinter die Kulissen des Marktes Wirsberg werfen konnte.

Und was haben Sie da entdeckt?

Interessant sind die Abläufe in den Abteilungen im Rathaus, wie die Strukturen aufgebaut und wie vielschichtig die Aufgaben und die Herangehensweisen sind. In welche Tiefe das geht und was man alles zu beachten hat. Das hat mich wirklich überrascht. Wie erschließe ich ein Baugebiet? Als Außenstehender kann man gar nicht erahnen, was da alles zu machen ist. Ich habe gesehen, was die Feuerwehren alles leisten. Wie eine Dorferneuerung abläuft, was da gefordert ist, was bei den Förderanträgen und -voraussetzungen zu beachten ist. Grob gesagt: Wie eine Gemeinde funktioniert. Dabei ist auch der Bauhof zu erwähnen, dessen Mitarbeiter Alleskönner sein müssen - das geht von Reparaturen über Bauarbeiten bis zum Winterdienst - es ist unglaublich viel zu tun und zu leisten.

Was sind Ihre Ziele für 2021?

Für 2021 gilt es, den Weg des Marktes Wirsberg weiter als zuverlässiger Partner der Nachbargemeinden zu gehen. Sei es bei der ILE FMB, im Abwasserzweckverband, im Schulverband oder bei allen anderen Möglichkeiten, mit den Nachbarn zusammenzuarbeiten.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich bei Fragen bei meinen Nachbarbürgermeisterkollegen jederzeit ein offenes Ohr finde und auch ehrlich gemeinte Hilfe erfahre. Deshalb war es eine Selbstverständlichkeit, dass wir mit unserem Bauhof unsere Nachbarn aus Marktschorgast unterstützten, als diese einen pandemiebedingten Personalengpass hatten. So sieht gelebte Nachbarschaft aus.

Weiter soll Wirsbergern und anderen Interessierten die Möglichkeit gegeben werden, sich den Traum vom Eigenheim in der Urlaubsgemeinde Wirsberg zu ermöglichen. Ein weiteres Ziel ist es, Infrastruktur in Verwaltung und Bauhof weiter zu verbessern und weiter zu versuchen, die Mitmachgemeinde Wirsberg noch besser im Bewusstsein unserer Bürgerinnen und Bürger zu verankern.

Die Dorferneuerung nach Osserich und deren Umsetzung sowie die Planungen für die Erneuerung der Gemeindeverbindungsstraße von Osserich nach Cottenau sind auf der Zielgerade.

Das Ziel, eine sichere fußläufige Verbindung von Wirsberg nach Sessenreuth zu finden, wird in den nächsten Tagen weiter anvisiert. Die Schwimmbadsanierung und die Suche nach einer Umsetzungsmöglichkeit stehen ebenfalls ganz oben auf der Agenda. Das ist auch ein Baustein, um Wirsberg als Urlaubsstandort weiter zu entwickeln und bekannter zu machen. Dabei ist ein Faustpfand das Familiental Schorgasttal, in dem ein Kurweg gebaut, die Toilettenanlagen saniert werden sollen und andere Aufwertungen angedacht sind. Dabei soll das Tal in seiner Natürlichkeit erhalten bleiben.

Das sagt der politische Mitbewerber über Jochen Trier

Bei der Bürgermeisterwahl hatte sich Jochen Trier gegen den langjährigen Amtsinhaber Hermann Anselstetter von der SPD durchgesetzt. In der Regel befragen wir die Gegenkandidaten, wie sie die Arbeit des neuen Rathaus-Chefs finden. Anselstetter wollte sich dazu jedoch nicht äußern. Deshalb haben wir SPD-Fraktionssprecher Jörg Treutler gebeten, den neuen Bürgermeister zu beurteilen.

"Nach nur einem Jahr ist es schwer, eine richtige Einschätzung abzugeben", äußert er sich diplomatisch. Trier sei neu im Amt und müsse erst hineinwachsen. Er sehe vieles lockerer und habe andere Gepflogenheiten als sein Vorgänger, in dessen "große Fußstapfen" er nun treten müsse. Dazu zählt Treutler auch Projekte wie die Kita und das Bürgerzentrum, die noch unter der alten Regie angestoßen worden seien.

Positiv sei, dass der neuen Bürgermeister die Baulandinitiative in Sessenreuth ins Leben gerufen habe, so der SPD-Mann, der aber auch Kritik übt - und zwar an der Tatsache, dass Trier den barrierefreien Kurweg im Schorgastal nicht wie beschlossen umgesetzt hat, sondern das Vorhaben deutlich "runtergekürzt" und verkleinert habe. Nach Treutlers Ansicht hätte das Projekt gut zum Luftkurort gepasst und sei vom alten Gemeinderat deshalb fast einstimmig beschlossen worden - nur Jochen Trier sei damals dagegen gewesen. Dass das nun ohne Gespräche mit der SPD anders umgesetzt worden sei, sei "denkwürdig" gelaufen. "Aber wir sind nicht nachtragend und werden weiter mit allen kon­struktiv zum Wohl von Wirsberg arbeiten", so der Kommunalpolitiker.JG