Wir haben, zugegebenermaßen, mit Revolutionen eher wenig Erfahrung. Aber den Aufstand des Volkes und die Zerschlagung eines Unrechtsregimes haben wir uns dann doch ein wenig anders vorgestellt: Als am Mittwochabend auf dem Kulmbacher Marktplatz Bodo Schiffmann, Corona-Leugner und einer der führenden Köpfe der sogenannte "Querdenker"-Bewegung, der vermeintlichen Diktatur den Kampf ansagt, dürfte die Zahl seiner Anhänger deutlich geringer gewesen sein als die der zur Aufrechterhaltung der Ordnung eingesetzten Polizisten.

Die meisten der "Fans" tragen brav eine Maske, applaudieren freundlich, bisweilen auch begeistert - letztlich aber geht es ruhig und gesittet zu. Anders, als man es aus anderen Orten kennt.

Prominenter "Querdenker" Schiffmann bei Kundgebung in Kulmbach

Aber von vorne: Bodo Schiffmann, Jahrgang 1968, Hals-Nasen-Ohren-Arzt mit eigener Praxis, hat mit Beginn der Corona-Pandemie den Kampf gegen die Infektionsschutz-Politik der Bundesregierung aufgenommen und sich damit eine wachsende Anhängerschaft geschaffen. Seit Monaten tourt er durchs Land. Rund 15.000 Kilometer soll er dabei schon zurückgelegt, mehr als 70 Kundgebungen bestritten haben.

In Kulmbach wird er mit Spannung erwartet. Nicht nur von seinen Anhängern, sondern auch von den Sicherheitskräften. Immerhin war am Vorabend in Rosenheim eine ähnliche Veranstaltung aus dem Ruder gelaufen. Die Polizei hatte einschreiten müssen.

Rund 200 Frauen, Männer und einige Kinder sind gekommen. Sie haben Kerzen dabei und Plakate: Das wichtigste Gesprächsthema der Gruppen und Grüppchen: Dass der Staat die eigene Freiheit beschneidet, dass man sich wehren müsse. Endlich!

Fast alle mit Maske - einige weigern sich

Pünktlich fährt Schiffmann mit seinem Gefolge in einem großen Tourbus aus dem oberen Luxus-Segment auf dem Kulmbacher Marktplatz vor. Eine kurze Abstimmung zwischen ihm, seinem Tour-Manager Wolfgang Greulich und der Polizei: Es kann losgehen.

Die Veranstaltung war mit der Auflage genehmigt worden, dass alle Teilnehmer eine Alltagsmaske tragen und den nötigen Abstand zueinander einhalten. Die meisten fügen sich widerstandslos. Einige verweigern sich. Manche können ein Attest vorweisen. 17 Personen werden es am Ende sein, gegen die ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet wird.

Wolfgang Greulich hat das Aufwärmprogramm übernommen. Fakten gibt es von ihm kaum zu hören. Stattdessen wettert er gegen den vermeintlichen Masken-Irrsinn, verteufelt das - wenige Stunden zuvor erst novellierte - Infektionsschutzgesetz und die Verordnungen der Bayerischen Staatsregierung: "Herr Söder, Sie sind angezählt" prophezeit er - und die Menschen auf dem Marktplatz applaudieren frenetisch.

Spontane Beifallskundgebungen gibt es immer wieder. Dann etwa, wenn Greulich polemische Pfeile abschießt in Richtung der Journalisten, des "selbst ernannten Professors Drosten", der Verwaltung und der Polizei. Die muss in diesen knapp zwei Stunden immer wieder herhalten für Anwürfe knapp an der Grenze des guten Geschmacks.

Greulich schwadroniert von der Wahrheit, die noch immer ans Licht gekommen sei, von "Plänen", die schon weit älter seien als die Corona-Pandemie, und von Bill Gates, der dabei irgendeine Rolle zu spielen scheint - ohne dass genau klar wird, welche.

Sein Resümee: "Es wird Zeit, dass man den Staat abschafft." Und: "Es kommt der Tag, an dem es scheppert."

Viel anders formuliert es auch Bodo Schiffmann nicht. Er tritt aus seinem Megabus, wie bei vielen seiner Auftritte in weißer Kluft und roter Jacke, die an die Arbeitskleidung im Rettungsdienst erinnert, wo Schiffmann tatsächlich einmal als Notarzt gearbeitet hat.

"Keine Leichenberge"

Notfall-Doktor Schiffmann beruhigt das verunsicherte Volk: "Das Coronavirus ist auch nicht mehr als ein ganz normales Grippevirus", versichert er. Seit Beginn der angeblichen Pandemie gebe es keine Übersterblichkeit, keine außergewöhnliche Zahl von Todesfällen bei der Polizei, im Einzelhandel, unter Taxifahrern. "Merkwürdig: Alle stecken sich an, keiner wird krank", sagt der oberste Querdenker, und als Beweis dafür, dass Corona keinesfalls tödlich sei, führt er an, dass er "auf dem Weg zum Kulmbacher Marktplatz ja keinesfalls über Leichenberge gestiegen" sei.

Schiffmanns Themen sind in Kulmbach die Gleichen, die man schon aus anderen Orten kennt: Staatliche Stellen bezichtigt er der Lüge, medizinische Koryphäen der Unfähigkeit. Die einzige wahre Wahrheit ist seine. "Ich habe Medizin studiert, weil mir die Inkompetenz der Ärzte, mit denen ich zu tun hatte, gegen den Strich gegangen ist."

Seine und die Pflicht des Volkes: Widerstand! Was das angeht, ist Schiffmann zuversichtlich: "Wir werden jeden Tag mehr."

Viele wagten den Widerstand aber noch nicht, weil sie Angst hätten. Die will der Corona-Doktor den Menschen nehmen, führt als tröstlichen Beleg dafür diverse Bibelstellen an und spricht vom Auftrag des Schöpfers, dem Corona-Wahn ein Ende zu bereiten.

Auch für Schiffmann gibt es immer wieder Applaus, auch wenn der ganz frenetische Jubel ausbleibt. Aber auch die ganz große Empörung bleibt aus, als die Polizei darangeht, all jene anzusprechen, die immer noch ohne Maske dastehen. Da fruchtet auch Schiffmanns Versuch nicht, mit wiederholten verbalen Salven für (Miss-)Stimmung zu sorgen, es als unmenschlich zu bezeichnen, wenn "Bürger in Uniform" gegen die eigenen Landsleute vorgehen.

Einige Dutzend Zaungäste beobachten die Szenerie. Einem von ihnen geht irgendwann der Hut hoch. "In ganz Deutschland sind die Krankenhausbetten voll, und dann kommen solche Leute und propagieren solchen Mist", schimpft er. Alles in allem bleibt die Veranstaltung friedlich. Zum Glück. Man kennt das ja auch anders.

Das sollte man wissen

Querdenker: Unter dem Stichwort "Querdenker" formieren sich seit Anfang April in vielen deutschen Städten Proteste gegen die auf der Basis des Infektionsschutzgesetzes erlassenen staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Die Querdenker-Bewegung steht unter anderem wegen der Verbreitung von Falschmeldungen, Verschwörungstheorien und rechtsextremen oder verfassungsfeindlichen Aussagen in der öffentlichen Kritik. Bei den Protesten kommt es gelegentlich zu Gewalt.

Bodo Schiffmann, geboren 1968, ist Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Seit 2006 betreibt er gemeinsam mit seiner Frau eine eigene Facharztpraxis in Sinsheim in Baden-Württemberg. Bundesweite Aufmerksamkeit erfuhr er ab März 2020 als kritischer Beobachter der Covid-19-Pandemie. Er gilt als einer der führenden Köpfe der Querdenker-Bewegung.

Wolfgang Greulich ist IT-Unternehmer und Mitorganisator der Corona-Infotour.

Die Kommunikationswege: Bevorzugt nutzen die Sympathisanten der Querdenker-Bewegung zum Austausch den Messenger-Kanal Telegram. Dort haben sich unter anderem auch der Koch Attila Hildmann und der Sänger Xavier Naidoo schon zu Beginn der Corona-Pandemie mit kruden Verschwörungstheorien zu Wort gemeldet.

Auch für die Kulmbacher Corona-Leugner-Szene spielt Telegram eine wichtige Rolle: Sie haben sich vorzugsweise in der Gruppe "Kulmbach - Corona-Lage und Weltgeschehen" organisiert, wo sie sich vor allem gegen die Infektionsschutzpolitik der Bundesregierung und der Länder und die Berichterstattung in den etablierten Medien wenden.

Kommentar: Freiheit auch für die Schwurbler

Demagogie: eine Methode, durch Schüren von Emotionen und Vorurteilen Macht zu gewinnen. So steht es im Lexikon. Legt man diese Maßstäbe an, ist Bodo Schiffmann in der Tat ein Demagoge. Ein Volksverführer. Ein Hetzer.

Wenn der schmale Mann zu seinen Anhängern spricht, wirkt er so gefährlich nicht. Wer aber genau hinhört auf das, was der studierte Arzt Schiffmann zum Thema Corona sagt, hört - nichts. Keine belegbaren Fakten. Keine validen Zahlen. Keine Expertenmeinung als die eigene. Stattdessen: Theorien von Lügen und geheimen Plänen, Geschwurbel von der "Wahrheit", Argumente, die keine sind. Beispiel gefällig? Dass er nicht über Leichenberge gestiegen sei, sei Beweis dafür, dass es keine Corona-Toten gebe, so der oberste Querdenker.

Was ist nun, wenn es um Corona geht, die Wahrheit? Die eine, einzige Wahrheit gibt es in der Tat nicht. Vielmehr ist das das Wesen der Wissenschaft: Dass immer weitergeforscht wird, und dass auf der Basis neuer Erkenntnisse neue Handlungsmöglichkeiten abgeleitet werden. Ob Masken schützen? Ob Kontaktbeschränkungen sinnvoll sind? Nach derzeitigem Stand der - seriösen! - Wissenschaft: Ja. Neue Forschungsergebnisse - neue Konzepte? Das ist denkbar.

Mit staatlicher Willkür hat das nichts zu tun. Und schon gar nichts mit Diktatur. Lebten wir wirklich in einer Diktatur, hätte man Schwurbler vom Schlage eines Schiffmann schon lange mundtot gemacht. Dass er weiterhin seine kruden Gedanken ins Land hinausposaunen darf, ist wohl der beste Beweis: Freier als in diesem Lande kann man gar nicht sein.