Eigentlich könnte sie jetzt Genugtuung verspüren. Aber das liegt Ruslana Koska fern. Zu tief sitzt immer noch der Schmerz, ein Kind verloren zu haben, und alles, was sie sich wünscht ist: Gerechtigkeit. "Ich möchte, dass die Menschen, die schuld sind am Tod meiner Tochter, sich vor Gericht verantworten müssen." Das, immerhin, hat sie nun erreicht.

Nicht nur in Himmelkron, wo Ruslana Koska lebt, sind die tragischen Ereignisse vom 22. Juli 2014 noch vielen Menschen im Gedächtnis. An jenem Tag hatte die damals achtjährige Vanessa Koska mit einer Kindersportgruppe das Himmelkroner Freibad besucht. Das Mädchen konnte nicht schwimmen. Deshalb hatte ihr ihre Mutter ein Schwimmbrett mitgegeben, das helfen sollte, den Kopf über Wasser zu halten.


Leblos im Schwimmerbecken

"Meine Tochter hatte das Schwimmbrett in der Hand. Sie hatte keine Tasche dabei", sagt die Mutter. Was genau an jenem Nachmittag dann passiert ist, wird sich wohl nicht mehr lückenlos klären lassen. Fest steht, dass Vanessa am frühen Abend leblos auf dem Boden des Schwimmerbeckens gefunden wird. Helfer ziehen das Kind aus dem Wasser, versuchen es zu reanimieren - zunächst erfolgreich. Im Klinikum Bayreuth, wohin der Rettungsdienst das Mädchen bringt, wird Vanessa in ein künstliches Koma versetzt aus dem sie nicht mehr aufwacht. Sechs Tage nach dem Unfall stirbt sie.

Wie in solchen Fällen üblich, nimmt die Staatsanwaltschaft Bayreuth Ermittlungen zur Unfallursache auf. Die Ermittler kommen zu dem Schluss, dass den Aufsichtspersonen im Schwimmbad - dem Bademeister und den Betreuerinnen des Sportvereins - keine Schuld am Tod von Vanessa gegeben werden könne. Es handle sich um einen tragischen Unglücksfall. Monate nach dem Unglück wird das Verfahren eingestellt.

Damit freilich will sich Ruslana Koska nicht zufrieden geben. Niemand habe vor dem Schwimmbad-Besuch gefragt, ob ihre Tochter denn auch schwimmen könne, sagte sie Monate nach dem Unfall unserer Zeitung. Zudem hätten die Aufsichtspersonen ihrer Ansicht nach ihre Aufsichtspflicht verletzt, weil sie nicht ständig vom Beckenrand aus die Kindergruppe im Auge behalten hätten.

Die Mutter beauftragt ihren Rechtsanwalt Gert Lowack, Bayreuth, ein so genanntes Klageerzwingungs-Verfahren einzuleiten - wegen fahrlässigere Tötung. Nun liegt der Fall beim Oberlandesgericht Bamberg als höchster Instanz. Der für den Fall zuständige 3. Strafsenat prüft den Fall und bejaht "den hinreichenden Tatverdacht für die Erhebung einer öffentlichen Klage".


Anhaltspunkte für Fahrlässigkeit

Das Oberlandesgericht verweist den Fall zurück an die Bayreuther Strafermittler. Und auch die sehen nun Anhaltspunkte dafür, dass zumindest zwei der Beteiligten - der Bademeister und eine Betreuerin des Vereins - fahrlässig gehandelt und damit den Tod von Vanessa verschuldet haben.

So habe sich die Betreuerin nicht ausreichend darüber informiert, ob Vanessa tatsächlich schwimmen könne. Zudem habe sie sich zum Unfallzeitpunkt nicht am Beckenrand des Schwimmerbeckens aufgehalten. Hätte sie rechtzeitig bemerkt, dass Vanessa untergeht, wäre deren Leben womöglich zu retten gewesen.

Ähnlich verhalte es sich beim damals diensthabenden Bademeister, der zum Unfallzeitpunkt in seinem Büro Zeitung gelesen statt das Geschehen im Wasser im Auge behalten habe. So steht es in der Anklageschrift. Beide werden sich in absehbarer Zeit vor Gericht verantworten müssen.

Gerhard Schneider, den Himmelkroner Bürgermeister, wundert das. "Ich bin überrascht, dass die die Staatsanwaltschaft jetzt zu einem anderen Ergebnis kommt als die Ermittler damals" , sagt er. Mehr nicht. "Das ist ein schwebendes Verfahren. Man muss nun abwarten, wie das Gericht entscheidet."


Verhandlungstermin noch offen

Die Anklageschrift ist mittlerweile allen Beteiligten zugestellt worden. Wann die Angelegenheit vor Gericht verhandelt wird - zuständig ist das Amtsgericht Kulmbach - , steht Pressesprecherin Sieglinde Tettmann zufolge noch nicht fest.

Gert Lowack, der Anwalt von Ruslana Koska, war am Donnerstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.