Auf die Frage nach einer Mausefalle reagiert Nicole Hieke wortlos. Sie verschwindet kurz hinter einem Regal - und schon liegt das gute Stück auf dem Verkaufstresen. "Du kannst auch mal nach Haifischsteak fragen", empfiehlt Kunde Ismail Matyar, der nach vollbrachter Nachtschicht am Stehtisch frühstückt. "Hier bekommst Du fast alles", sagt er. Und das beinahe auf den Tag genau seit fünf Jahren. Der Grafengehaiger Dorfladen hat am 23. März Geburtstag.

Ismail Matyar zählt zu den Grafengehaigern, die den Dorfladen seit der Eröffnung im März 2010 tagtäglich im Auge haben - schon allein deshalb, weil er lange Zeit direkt neben dem Geschäft wohnte.

Ein Gewinn für den Ort

Dass sich damals die Grafengehaiger zu einer Genossenschaft zusammenschlossen, Einlagen zeichneten und damit die Eröffnung eines neuen Dorfladens zur Grundversorgung der Bevölkerung finanzierten, war nach Ansicht des 39-Jährigen eine sehr gute Entscheidung und "ein Gewinn für die Ortschaft".

"Ich kaufe fast alles hier", erklärt Ismail und freut sich vor allem darüber, dass die älteren Generationen wieder eine Möglichkeit zum Einkaufen im Ort bekamen. Die hätten in den drei Jahren zuvor, als es keinen Laden mehr in Grafengehaig gab, "schon ganz schön gejammert". Jetzt, so sagt er, könnten sie sogar Sonderwünsche äußern, die Dorfladen-Chefin Irmgard Raubach und Mitarbeiterin Nicole Hieke nach Möglichkeit erfüllen. Er hat es selbst schon ausprobiert - mit Haifischsteaks. "Schmecken echt gut."

Dorfladen-Geschäftsführer Michael Laaber steht zwar mehr auf Stockfisch, kann dem Grafengehaiger aber ansonsten nur beipflichten. Die Zahlen, die er zum Jubiläum zusammengetragen hat, sind beachtlich. Der Umsatz im Dorfladen betrug im Zeitraum von März 2010 bis Februar 2015 rund 1,7 Millionen Euro; über 170 000 Kunden besuchten das Geschäft mit dem sympathischen Namen. Und: Über 270 000 Euro wurden über den EC-Karten-Automaten der Sparkasse im Dorfladen unters Volk gebracht. Die aktuelle Zahl der stillen Teilhaber liegt bei 138 Personen.

Sonderaktionen, Sonderservice

Dass es mit dem reinen Verkauf von Lebensmitteln und Artikeln des täglichen Bedarfs ("Wir setzen auch gezielt auf regionale Produkte wie Rothwinder Spargel, Biohonig aus Trebgast oder Wurstwaren vom Hofladen Hauenreuth") nicht getan sein würde, war Laaber und Bürgermeister Werner Burger als treibenden Kräften des Unternehmens Dorfladen klar. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Sonderveranstaltungen, die gut angenommen werden. Kirchweih, italienischer Abend, Blumenmarkt oder der Lädla-Advent sind nur einige Beispiele dafür. Neuerdings versorgt "Unner Lädla" auch den Eppenreuther Kindergarten "Pfiffikus" im Rahmen des von der EG-geförderten Schulfruchtprogramms mit Obst und Gemüse.

Dass der Dorfladen seine Kundschaft auch zum Einkauf abholt oder bei Erkrankungen vorbestellte Waren liefert, ist für Michael Laaber und das Dorfladenteam eine Selbstverständlichkeit. Wobei der direkte Besuch im Geschäft den älteren Mitbürgern sicher mehr gibt, wie Pfarrerin Heidrun Hemme bestätigt. "Die kommen dann mal raus und unter die Leute", sagt sie über eine ganz andere Funktion des kleinen Ladens direkt an der Ortsdurchfahrt. "Unner Lädla" ist ein Kommunikationstreffpunkt, den es jenseits der Vereinstätigkeiten in der Gemeinde nirgends mehr gibt.

Was Michael Laaber in den vergangenen fünf Jahren besonders in Erinnerung geblieben ist? Lange überlegen muss der ehrenamtliche Geschäftsführer nicht: "Dass die Leute dankbar sind für den Dorfladen".
Allerdings macht er auch kein Geheimnis daraus, dass nicht immer alles nach Plan verlaufen ist. So wie zum Beispiel die Insolvenz der Firma Horn, die den Dorfladen Kunden und Umsatz gekostet hat. Pfarrerin Heidrun Hemme hat daraufhin an die Solidarität aller mit dem Dorfladen appelliert. "Das hat gefruchtet", sagt Laaber und freut sich über leichte Umsatzsteigerungen und die Tatsache, dass die Leute "wieder mehr" und vor allem "bewusster" zum Einkauf kommen.

Feier erst im April

Wenn der fünfte Dorfladengeburtstag am 23. März nicht gefeiert wird, hat das einen einfachen Grund: Die Ladeneinrichtung wird modernisiert, die Produktplatzierung wird verbessert, und Stromsparer ersetzen alte Elektrogeräte. So muss das Fest bis April warten. Wann der Dorfladen endlich energieautark wird, das steht noch in den Sternen. "Aber wir arbeiten daran, beim Energiecoaching finden sich vielleicht Möglichkeiten für das Zukunftsprojekt", sagt Bürgermeister Werner Burger. Denn: "Grafengehaig braucht den Dorfladen genauso wie der Dorfladen Grafengehaig."

Publicity

Sat 1, TVO, Bayerisches Fernsehen/Bayerischer Rundfunk und andere überregionale Medien stellen den Grafengehaiger Dorfladen als ersten seiner Art im Landkreis Kulmbach einem breiten Publikum vor. Sogar eine Studienarbeit der Hochschule Hof befasst sich mit dem Leuchtturmprojekt.

Vorbildfunktion

Die beiden Dorfladen-Macher Werner Burger und Michael Laaber werden als Referenten zum Thema Dorfladen zu verschiedensten Veranstaltung in ganz Oberfranken und darüber hinaus eingeladen. Selbst in Südtirol wird der Dorfladen als Vorschlag gegen die Abwanderung in einer Fachzeitschrift vorgestellt.
Im Mai dieses Jahres wird "Unner Lädla" als Beispielprojekt zur ländlichen Versorgung Thema im Bayerischen Landtag.