Kulmbach
Forschung

Tschernobyl wirkt sich noch immer aus

Das Landesamt für Umwelt baut ein neues Strahlenschutzlabor in Schloss Steinenhausen. Warum die Einrichtung wichtig ist, erklären die Spezialisten des LfU.
Probenvorbereitung für eine Radioaktivitätsbestimmung auf das Nuklid Sr-90 im Strahlenschutzlabor des LfU in Kulmbach
Probenvorbereitung für eine Radioaktivitätsbestimmung auf das Nuklid Sr-90 im Strahlenschutzlabor des LfU in Kulmbach Foto: privat

Über 42 Millionen Euro - so viel wird das neue Strahlenschutzlabor kosten, das voraussichtlich 2025 am Landesamt für Umwelt (LfU) in Schloss Steinenhausen in Betrieb gehen wird. Welche Aufgaben hat so ein Strahlenschutzlabor? Wird dort mit gefährlichem Material gearbeitet? Warum ist der Bau so teuer? Warum bedarf es eines Neubaus, denn es gibt bereits seit 1995 ein Strahlenschutzlabor in Schloss Steinenhausen? Das haben wir den Leiter des Kulmbacher LfU-Standorts, Klaus Buß, und den Leiter des Strahlenschutzlabors, Ulrich Kratzel, gefragt.

Zu was braucht man ein Strahlenschutzlabor?

Ulrich Kratzel: Das Labor dient hauptsächlich zur Überwachung der Umweltradioaktivität. Wir messen die Strahlung, um zum Beispiel auf Unfälle wie in Tschernobyl oder Fukushima reagieren zu können. Mit den jetzt erhobenen Daten kennen wir den Ist-Stand und beobachten die Entwicklung. Die Abläufe müssen eingespielt sein, wenn einmal der Ernstfall eintritt. Dann muss man nicht nur unter Druck arbeiten, sondern auch die Zahl der Messungen deutlich steigern können.

Gab es schon einen Ernstfall?

Klaus Buß: Zum Glück nicht. Tschernobyl war ein radiologischer Notfall, der uns in Bayern betroffen hat. Ich hoffe, dass so etwas nie mehr vorkommt, wir müssen aber darauf vorbereitet sein. (Zum Zeitpunkt des Reaktorunglücks von Tschernobyl gab es noch keine amtliche Radioaktivitätsmessung in Nordbayern, Anmerk. der Redaktion).

Wie ist die Strahlenbelastung aktuell?

Klaus Buß: Es existiert eine natürliche Strahlenbelastung, an die der Mensch gewöhnt und die ohne seinen Einfluss entstanden ist. Allerdings gibt es punktuell Bereiche, in denen man selbst viele Jahre nach Tschernobyl noch immer Cäsium 137 nachweisen kann und die besonders überwacht werden. Dazu gehört die Strahlenbelastung von Wildschweinen. Um eine Gesundheitsgefahr für den Menschen auszuschließen, wird jedes Tier überprüft, bevor es für den Verzehr freigegeben wird.

Ulrich Kratzel: Für diese Messungen gibt es speziell anerkannte Messstellen in allen bayerischen Landkreisen.

Warum muss in Steinenhausen ein neues Strahlenschutzlabor gebaut werden?

Klaus Buß: Im Rahmen der Heimatstrategie des Freistaats wurde beschlossen, 15 Beschäftigte im Bereich Strahlenschutz vom LfU-Sitz in Augsburg nach Kulmbach zu verlagern. Es soll in Bayern zwei gleichwertig ausgestattete Strahlenschutzlabore geben: in Kulmbach für Nordbayern und in Augsburg für Südbayern. Das 1995 in Betrieb genommene Labor in Steinenhausen ist nicht mehr für die vielfältigen Aufgaben ausgelegt. Das Altlabor wird saniert und in Büros umgenutzt.

Warum kostet der Neubau so viel Geld?

Klaus Buß: Das hat nicht einen, sondern mehrere Gründe: Es gibt Vorgaben für die Strahlenschutzbereiche und die Labore, die hohe Anforderungen an die Lüftung stellen. Bei den Baustoffen wird für bestimmte Bereiche darauf geachtet, dass sie möglichst wenig natürliche Radioaktivität ausstrahlen, damit Messungen nicht verfälscht werden. Zudem soll der Neubau in die Landschaft und an das denkmalgeschützte Schloss möglichst unauffällig integriert werden. Und als LfU legen wir ein besonderes Augenmerk auf die Ausgleichsmaßnahmen für die Natur.

Ulrich Kratzel: Wir bauen zudem größer, um für den Notfall vorbereitet zu sein. Denn dann müsste die Personalzahl verdreifacht und entsprechend die Zahl der Proben erhöht werden, um den geforderten Probendurchsatz bewältigen zu können. Deshalb wird anders gebaut, als es nur für einen Routinebetrieb nötig wäre.

Wird mit gefährlichem Material gearbeitet?

Ulrich Kratzel: Im Routinebetrieb werden vor allem Lebensmittel überwacht. Gemessen wird die Strahlenbelastung von Sachen, die jeder im Kühlschrank hat: von Salat, Milch, Fleisch und Obst. Wochenmärkte sind übrigens ideale Probenlieferanten, um einen Eindruck über die Strahlung in einem Gebiet zu bekommen. Aber auch Oberflächen- und Grundwasser sowie Abwasser werden kontrolliert. Wir benötigen keine großen Probenmengen, um eine exakte Messung durchführen zu können. Es besteht dabei weder Gefahr für Mitarbeiter noch für die Bevölkerung. Wir begleiten auch den Rückbau von Kernkraftwerken.

Was ist dabei die Aufgabe des LfU?

Klaus Buß: Wir messen alle Anlagenteile auf Radioaktivität und entscheiden, ob sie dem Stoffkreislauf wieder zugeführt werden können oder sicher entsorgt werden müssen. Den Rückbau des Versuchskernkraftwerkes Kahl in Unterfranken haben wir von 1995 bis 2010 begleitet und so große Erfahrung auf dem Gebiet gewonnen.