Ganz Fußball-Deutschland diskutiert derzeit nur über ein Thema - das "Nationalelf-Beben", wie eine Zeitung titelte. Man fragt sich: Sind die drei Weltmeister Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller wirklich schon zu schlecht für die Nationalelf? Oder wollte der unter Druck geratene Bundestrainer nur seine Handlungsfähigkeit demonstrieren? Und dann lässt sich ja auch noch über den Stil streiten, hat doch der sonst so smarte Jogi Löw das verdiente Bayern-Trio am Faschingsdienstag mit der Ausbootung überrumpelt.

Der ehemalige Bayern-Profi Armin Eck ist jedenfalls genauso irritiert über Löws Vorgehen wie sein ehemaliger Mitspieler und Bayern-Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge. Beide standen 1989 in der Meister-Elf des FC Bayern München. Der Kulmbacher, derzeit Trainer des Landesligisten SV Friesen, sagt: "Die Entscheidung ist meiner Meinung nach auf Druck der Öffentlichkeit und der DFB-Führungsspitze gefallen."

13 Junioren-Länderspiele bis zu den A-Junioren absolvierte der aus Ludwigschorgast stammende Gerald Weinrich (52). Der frühere Zweitliga-Spieler der SpVgg Bayreuth und derzeitiger Vorsitzende des Landesligisten TSV Neudrossenfeld fragt sich, was Jogi Löw und DFB-Manager Oliver Bierhoff "mit dieser Aktion bezwecken?" Wir haben beide Ex-Profis mit der Kritik an Löw konfrontiert. Die Art und Weise des Rausschmisses war stillos. Eck: Die Aktion kam in ihrer Deutlichkeit überraschend und wirkte irgendwie gekünstelt. Und die Form war sicherlich nicht gut. Weinrich: Es ist schon verwunderlich, dass ein Jogi Löw aus dem Nichts ohne Notwendigkeit am Faschingsdienstag an der Säbener Straße anmarschiert und drei Spielern mit fast 300 Länderspielen sagt, dass sie raus sind. Das ist kein Stil. Wenn, dann spreche ich das vorher mit ihnen ab und gebe ihnen ein Abschiedsspiel. Sowohl auf Hummels als auch auf Boateng zu verzichten, ist falsch, denn bessere deutsche Verteidiger gibt es nicht. Eck: Ich bin skeptisch, ob wir in der Verteidigung solche Granaten haben, die die beiden ersetzen können. In der Bundesliga spielen ja viele Ausländer in der Innenverteidigung. Auch ein Niklas Süle hat schon viele Böcke gebaut. Ich sehe jedenfalls keine, die derzeit besser sind als Boateng und Hummels, auch wenn beide schon eine längere Durststrecke hinter sich haben und Boateng extrem verletzungsanfällig ist. Ich bin kein Hummels-Fan, weil mir seine Selbstkritik fehlt und er immer als Erster am Mikrofon alles erklären will. Aber seine Leistung ist in letzter Zeit wieder angestiegen. Weinrich: Müller und Boateng haben schon länger nichts mehr geschnitzt. Aber bei Hummels verstehe ich es nicht, denn er ist der einzige der Ex-Weltmeister neben Manuel Neuer, die es verdient hätten, weiter in der Nationalmannschaft zu spielen. Die drei Bayern-Stars sind Bauernopfer, weil Jogi Löw Handlungsfähigkeit demonstrieren muss, um sein Amt zu retten. Eck: Die Entscheidung ist meiner Meinung nach auf Druck der Öffentlichkeit und der DFB-Führungsspitze gefallen. Dass der Bundestrainer auf eine Verjüngungskur setzt, ist ja nicht verkehrt, aber er hätte es schon früher tun können. Löw hat spät erkannt, wenn ich nichts verändere, bin ich weg. Deshalb hat er vor dem letzten Länderspiel 2018 gegen die Niederlande die schnellen Stürmer Werner, Gnabry und Sane gebracht, was auch richtig war. Weinrich: Der Bundestrainer hätte schon vor einem halben oder dreiviertel Jahr reagieren können.Ich frage mich, was bezwecken Löw und Bierhoff mit dieser Aktion? Besonders für Hummels tut es mir leid, er ist das Bauernopfer. Jogi Löw hätte die Nationalelf-Tür für das Trio nicht ganz zuschlagen dürfen. Eck: Der Bundestrainer hätte sich schon ein Hintertürchen offen lassen können für den Fall, dass der Umbruch nicht so funktioniert. So wie er es bei Sami Khedira gemacht hat, indem er ihn vorerst nicht mehr nominiert hat. Damit hätte er das Bayern-Trio auch nicht so direkt vor den Kopf gestoßen. Hummels, Boateng und Müller durchleben derzeit nicht ihre beste Phase und sind ja auch bei Bayern keine Stammspieler mehr. Aber man hätte ihnen die Chance geben können, wieder aus ihrem Tief herauszukommen und sie dann wieder einladen können. Weinrich: Die Weltmeister müssen irgendwann mal weg. Denn wer schon mal Weltmeister war, der wird es nie mehr, das ist ja bekannt.