Seit 30 Jahren sucht die Polizei den Mörder von Herbert Dippold. Der Mord in der Esso-Tankstelle am Kreuzstein - die Tat geschah am 10. November 1984 - ist bisher nicht aufgeklärt. Doch seit kurzem gibt es eine neue Spur: winzige DNA-Partikel, die vielleicht dem Täter zugeordnet werden können.

Die Kripo ermittelt. Und der Mörder, wenn er noch lebt, weiß: Die Jäger sind mir auf der Spur. Was ist das für ein Mensch, der brutal den Schädel seines Opfers zertrümmert und danach - wie eine Bestie - noch 16-mal zusticht? Wie tickt der Kulmbacher Tankstellenmörder?

30 Jahre danach analysiert der Essener Kriminalpsychologe Christian Lüdke, der jahrelang Spezialeinheiten der nordrhein-westfälischen Polizei psychologisch ausgebildet hat, den Raubmord in der Esso-Tankstelle.
Der Experte, den man laienhaft als Profiler bezeichnen würde, stellt am Anfang seiner Fallanalyse, um sich der Täterpsyche anzunähern, die zentrale Frage: Was hat er getan, das er nicht hätte tun müssen? "Wäre es ihm um die Tageseinnahmen gegangen: Warum tötet er den Tankwart? Wäre es ihm ums Töten gegangen: Warum kam es dann zum Overkill?"

Keine Tat im Affekt

Lüdke geht von einer klassischen Beziehungstat aus. "Einiges spricht dafür, dass sich Täter und Opfer gekannt haben. Bei 16 Stichen, da muss man ganz nah ran und mit unglaublichem Kraftaufwand vorgehen. Dieser Overkill spricht für eine unglaubliche Aggressivität, die sich über einen längeren Zeitraum aufgebaut haben muss. Das macht man nicht im Affekt."

Hier handle es sich nicht um einen typischen Überfall nach dem Muster: "Waffe raus, Hände hoch, Geld her!" Die unglaubliche Brutalität sei atypisch für einen Tankstellenüberfall. "Für mich scheinen sehr persönliche Motive eine Rolle gespielt zu haben", so der Experte, der von einem psychisch gestörten oder antisozialen Täter ausgeht. Da es keine Kampfspuren gibt, seien sich Opfer und Täter ("vielleicht ein Bekannter oder ein Kunde") wahrscheinlich schon einmal begegnet.

Rache als Tatmotiv

Aufgrund der enormen Aggressivität vermutet er Rache als Motiv. "Vielleicht hat das Opfer dem Täter Geld geschuldet. Vielleicht ging es um die Verdeckung einer anderen Straftat, vielleicht wusste der Tankwart etwas über den Täter, dass er sterben musste", meint Lüdke.

Auf die Frage, wie man mit so einer Schuld leben kann, betont der Kriminalpsychologe: "Der Täter muss nicht völlig irre sein, er verfügt schon über eine Alltagstauglichkeit, kann die Tat aber vollkommen abspalten. Er hat ein anderes Unrechtsverhalten. Das entwickelt sich mit sieben, acht Jahren, da weiß ein Kind, dass man dem Bruder nichts wegnehmen darf." Er vermutet, dass der Mörder in der Kindheit Zurückweisung erfahren hat, dass er ("das Schlimmste") als Person nicht wahrgenommen worden ist. "Wenn er nicht geliebt wird, dann will er wenigstens gehasst werden. Dann verwandelt sich Angst in Aggression."

Überfall-Tourismus gibt's nicht

Der Experte beschreibt den Kulmbacher Tankstellenmörder so: "Ich würde auf einen unsicheren, ängstlichen Menschen tippen, der über lange Zeit seine Aggressionen aufgebaut hat. Das war kein Profikiller." Seine jahrzehntelange Erfahrung sagt ihm: 70 Prozent solcher Täter kommen aus dem privaten Umfeld, "das würde ich mir näher angucken". Lüdke weiter: "Es gibt keinen Tourismus, um eine Tankstelle zu überfallen. Keiner fährt 300 Kilometer weit, um 8000 Mark zu erbeuten."

Aufgrund der Ortskenntnis (Wer verbrennt sonst in Baumgarten den Geldkoffer?) schließt der Profiler einen durchreisenden Täter aus: "Er muss aus der Region stammen, alles andere ergibt keinen Sinn."

Der Kriminalpsychologe geht davon aus, dass ein Mann ("Frauen würden ihr Opfer eher vergiften") den Mord verübt hat und damals zwischen 25 und 45 Jahre alt gewesen ist. "Mit dem Alter nimmt die kriminelle Energie ab. Es kann also gut sein, dass er noch lebt."

Dass man ihm jetzt auf der Spur ist, dürfte den Mörder nach Lüdkes Ansicht nicht aus der Ruhe bringen: "Er fühlt sich sicher. Er hat offenbar den Mord von seinem sonstigen Leben abgespalten. Er wird bis zum Schluss warten, bis man ihm auf den Kopf zusagt: Sie haben das gemacht."



Zur Person: Christian Lüdke

Biographie Christian Lüdke, geboren 1960, promovierte zum Doktor der Philosophie in Erziehungswissenschaft, Sportmedizin und Soziologie. Danach war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Köln. Der Geschäftsführer der Terapon Consulting GmbH, die bundesweit Gewalt- und Kriminalitätsopfer betreut, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Psychologie von Täterverhalten.

Medienprofi Der erfahrene Psychotherapeut ist vor allem durch sein Engagement im Fernsehen als Experte der Vox-Serie "Hilf mir doch!" bekanntgeworden. Wiederholungen laufen noch bei RTL II.