"Diese Hitze tut so gut / Schmelzen und zergeh'n / Süden Sonnenglut / Die Zeit bleibt steh'n". Peter Maffay hat den Vers vor 25 Jahren für seinen Song "Tiefer" ersonnen - aber dabei sicher nicht an das Altstadtfest 2015 gedacht. Die Hitze ist eine Herausforderung für viele am Samstagabend. Unter anderem für die Musiker. "Rocktime"-Gitarrist Markus Gack stimmt Maffays Song auf der Bühne am Weißen Turm an. "Liebe Kulmbacher, das nächste Lied passt: Es ist 20.42 Uhr und wir haben 41 Grad hier. Nächster Aufguss um 22 Uhr." Ich sitze keine fünf Meter entfernt an meinem Schlagzeug und denke mir: Saunieren nach Noten...

Elektrolyte werden eingeworfen, dazu der Inhalt aus wundersamen Tütchen. Keine Legal Highs, sondern Magnesium gegen den drohenden Krampf im Arm. Die Musiker greifen im Wechsel zum Instrument und dann wieder zum Handtuch, die Besucher in der Spitalgasse zum gut gekühlten Getränk. Der VfB Kulmbach ist zuständig für den Straßenzug - und auch im Ausschank zittert sich die Quecksilbersäule an die 40-Grad-Marke. Das Bier hat es offenbar besser, wie stellvertretender Vorsitzender Sylvio Pachali verkündet: "Fünf Grad, dürfte der kälteste Gerstensaft weit und breit sein."


Kreative Kühlsysteme


Die Besucher, die gegen 19 Uhr die Bänke besetzen, wappnen sich mit kreativen Abkühlmethoden. Ein Herr mit Sonnenhut hält sich eine Apfelschorle gegen beide Handgelenke. Die Blutbahnen verlaufen knapp unter der Haut, so wird der Lebenssaft temperiert weiter in den Kern des Körpers transportiert. Mit einem physikalischen Effekt trotzen zwei kleine Mädchen der Wärme: Sie kippen sich einen Schluck Wasser über die Arme - und pusten drauf. "Buuuuhhh" glucksen beide und schütteln sich vor Lachen. Die Prozedur wird geschätzte zehn Mal wiederholt, dann muss Papa Wassernachschub holen.

Selbst um 22 Uhr, als sich Plätze und Straßen merklich füllen, geht die Gluthitze nur leicht in die Knie. Immer noch 31 Grad unterm wolkenlosen Himmel, als sich zu den grün-gelb-roten Blinklichtern von der Bühne ein blaues mischt: Ein Sanka bahnt sich seinen Weg zu einer Frau, bei der Sanitäter seit etwa fünf Minuten den Kreislauf zu stabilisieren suchen. Die Festbesucherin war neben ihrer Begleitung umgekippt. Die Retter sind superschnell da. Beine hochlagern, beruhigender Zuspruch. Auf einer Trage endet für sie der Altstadtfest-Samstag. Nicht nur ihr macht das Wetter zu schaffen (siehe unten).

Um 22.45 erhebt sich langsam der (abnehmende) Mond zwischen den Häusern und schiebt sich an seinen angestammten Platz. Die angestrahlte Silhouette des Weißen Turms lässt in Kombination mit der Temperatur die Gäste sich eher an einer Promenade in Nizza wähnen als in Kulmbachs Innenstadt. Süden Sonnenglut, Peter Maffay drängt sich wieder ins Bewusstsein. Der Schein von Kerzen auf den Tischen, die Zeit scheint tatsächlich still zu stehen. Paare liegen sich zu Pink Floyds Mega-Ballade "Wish you were here" in den Armen, anderen ist nach härterem Stoff. Der "Highway to hell" von AC/DC wird befahren - auch das ein Lied wie gemacht für eine Nacht der Temperatur-Superlative: Heißer ist es wohl wirklich nur in der Hölle...