Kennen Sie den Großmuttertrick? Ein windiger Gauner verspricht Ihnen, dass Sie, wenn Sie vorher 5000 Euro auf sein Konto einzahlen, den Hauptgewinn bekommen. Aber wer ist so naiv oder dumm und fällt darauf herein? Ein Manager und ausgebildeter Kaufmann bestimmt nicht. Oder doch?

Ein Kriminalfall, der seit Mittwoch vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Hof verhandelt wird, trägt Züge des Großmuttertricks - nur, dass es um 1,75 Millionen Euro veruntreute Firmengelder geht, die der General-Manager von Raps Belgien veruntreut haben soll. Die Staatsanwaltschaft legt dem 46-jährigen Kulmbacher gewerbsmäßige Untreue in einem besonders schweren Fall zur Last. Strafrahmen: bis fünf Jahre Gefängnis.

An den Angeklagten gewandt, sagt Vorsitzender Richter Matthias Burkhardt: "Es steht für Sie viel auf dem Spiel, wenn die Vorwürfe zutreffen sollten." Doch der Appell bewegt den Mann, der sich beim Kulm bacher Gewürzhersteller Raps vom kaufmännischen Lehrling bis zum Prokuristen hochgearbeitet hat und bei der Unternehmerfamilie ein- und ausgegangen ist, nicht dazu, ein umfassendes Geständnis abzulegen.

Die Fakten räumt er aber ein. Dass er in den Jahren 2010 und 2011 vom Tagesgeldkonto der Firma Beträge zwischen 15.000 und 210.000 Euro entnommen und an Banken in Taiwan, Indonesien, Zypern und Singapur überwiesen hat - was ihm nicht erlaubt gewesen ist. Mit dem Geld habe er auf seinen Namen dubiose Firmenanteile erworben, die mit 10 bis 15 Prozent im Jahr verzinst werden sollten.

Mr. Palmer ruft an

Auf die Frage von Staatsanwalt Matthias Goers, wie er dazu gekommen sei, so kurz nach der internationalen Finanzkrise - ohne jegliche Sicherheiten und ohne schriftlichen Vertrag - in ihm völlig unbekannte Unternehmungen zu investieren, präsentiert der Ex-Manager eine haarsträubende Geschichte: Er sei telefonisch kontaktiert worden, und der wildfremde Anrufer - ein gewisser Mr. Palmer aus Bahrain - habe ihm die hohe Rendite in Aussicht gestellt.

Das Geschäft hätte so gehen sollen: Der Käufer erwirbt Anteile von "Vantage Equity" in Italien und "Mid East Oil" in Bahrain, die dann mehr wert werden sollen, wenn die Firmen später an die Börse geht. "Ich habe Öl als interessanten Rohstoff eingeschätzt", erklärt der Angeklagte. Er habe noch immer daran geglaubt, dass das Geld und die Zinsen kommen werden, als 2013 schon gegen ihn ermittelt wird und er drei Monate in Untersuchungshaft sitzt. Er sei "Rapsianer" gewesen und habe das Firmenvermögen vergrößern wollen, da es für Tagesgeld nur wenig Zinsen gegeben hat, so der Ex-Manager, der bei Raps zum Schluss richtig gut verdient hat - 150 000 Euro im Jahr.

Private Verluste ausgleichen?

Von einer anderen Motivationslage, in das riskante Geschäft einzusteigen, will der Finanzjongleur nichts wissen. "Haben Sie gehofft, dass sie mit den Firmengelder Ihre privaten Ver luste ausgleichen können?" Es stimmt, er habe ein Jahr vorher privates Geld - zirka 100 000 bis 120 000 Euro - bei denselben Investments eingesetzt und nicht mehr wiedergesehen, räumt er auf die Frage des Richters ein. Der Firma hätte er aber nie schaden wollen: "Mein Leben war 110 Prozent Raps. Für das Unternehmen hätte ich alles gemacht."

Auf Vorhalt des Gerichts und des Staatsanwalt, dass er als Kaufmann das hochspekulative Geschäft durchschauen hätte müssen und dass er Warnungen von Mitarbeitern und der Finanzaufsicht ignoriert habe, hat der 46-jährige Kulmbacher nicht viel zu bieten: "Weiß ich nicht ... so genau habe ich nicht gefragt ... keine Ahnung."

Bei der Befragung durch den Verteidiger, Rechtsanwalt Volker Beermann aus Bayreuth, entsteht gar der Eindruck, dass man es mit einem völlig unbedarften Täter zu tun hat, der arglos in die Falle getappt ist. "Ich habe zu keiner Sekunde damit gerechnet, dass das Geld weg sein könnte", beteuert der Angeklagte. Und was denke er heute? "Ich muss davon ausgehen, dass das Geld leider weg ist."

Raps: ein Top-Mann für Belgien

Hat man bei Raps also einen unfähigen Manager mit dem Aus landsgeschäft in Belgien betraut? Keineswegs, versichert der Firmenchef. Als es 2004 darum gegangen ist, die desolate Gesellschaft auf Vordermann zu bringen und in Belgien den Gewürzhandel mit Metzgern, fleischverarbeitender Industrie und Gastronomie anzukurbeln, sei er der richtige Mann gewesen. "Er war ein solider Kaufmann, einer unserer erfolgreichsten und verlässlichsten Mitarbeiter", so der Zeuge. Der Erfolg habe sich umgehend eingestellt: "Er hat sehr gute Arbeit gemacht - eine exzellente Performance."

Anfangs habe es nie Schwierigkeiten gegeben, der Manager habe die Geschäfte in Belgien autark geführt. 2011 seien erstmals Probleme aufgetreten, als belgische Gewinne von 1,1 Millionen Euro an die Muttergesellschaft abgeführt werden sollten, um Investitionen in Kulmbach zu finanzieren. Mit fadenscheinigen Ausreden ("offensichtlicher Unsinn") sei man vom Angeklagten hingehalten worden. Der Schwindel fliegt auf, als eine Delegation aus Kulmbach in Belgien auftaucht und die Polizei einschaltet.

Auch am Tatort strafbar

In dem Prozess, der nächste Woche fortgesetzt wird, muss die Kammer auch klären, wie der Untreue-Vorwurf am Tatort beurteilt wird. Die Taten wären nach belgischen Recht ebenfalls mit Strafe bedroht, erklärt eine belgische Juristin vom Max-Planck-Institut in Freiburg als Sachverständige.