"Niemand kann verurteilt werden, wenn seine Schuld nicht mit absoluter Sicherheit festgestellt werden kann", sagte vorsitzender Richter Michael Eckstein. Wie berichtet, wurde dem Mann ursprünglich vorgeworfen, zwischen 1990 und 1998 in insgesamt 138 Fällen seine 1984 geborene Tochter missbraucht zu haben.

"Wir können den Angeklagten nichts mit absoluter Sicherheit beweisen", betonte der vorsitzende Richter. In der Gesamtschau gebe es keinen einzigen Fall, der so feststehe, dass sich darauf eine Verurteilung stützen lasse, so Eckstein. "Wir können keinen Tatnachweis in strafrechtlich relevanter Hinsicht führen." Als Ursache dafür nannte der Vorsitzende auch die lange Zeit, die seit den Vorfällen verstrichen sei.

Ein wesentlicher Punkt, auf den sich der Freispruch stützt, ist das Gutachten, das eine Nürnberger Psychologin über das vermeintliche Opfer erstellt hatte.
Darin war unter anderem die Rede von instabilen und inkonstantem Aussageverhalten sowie von einer überzogenen Darstellung. Man könne einfach nicht sagen, dass es verlässlich sei, wenn die Zeugin angibt, ab ihrem 6. Lebensjahr und dann immer wieder missbraucht worden zu sein, sagte die Psychologin, die sich seit Jahrzehnten mit dem Aussageverhalten von Opfern in ähnlichen Fällen beschäftigt.

Nur 33 Aufenthalte beim Vater

Ein weiterer Punkt, der für den Freispruch letztlich verantwortlich war, ist die tagebuchähnliche Aufzeichnung, die von der Mutter des Mädchens und ersten Ehefrau des Angeklagten vorgelegt wurde. Dem Kalender zufolge sei die Tochter zwar relativ oft bei ihrem Vater gewesen, aber bei weitem nicht regelmäßig und schon gar nicht alle zwei bis drei Wochen. Die tagebuchähnlichen Aufzeichnungen der Mutter enthielten zwischen 1992 und 1999 exakt 33 Aufenthalte der Tochter beim Vater. Von 138 Taten des sexuellen Missbrauchs könne bei 33 Aufenthalten keine Rede sein.

Darüber hinaus fielen einige der Daten in den Zeitraum nach dem 14. Geburtstag des Kindes. Selbst wenn man eine Schuld voraussetzen würde, wäre es kein Missbrauch von Kindern mehr, sondern ein Missbrauch von Schutzbefohlenen, und der wäre nach geltendem Recht bereits verjährt.

Staatsanwalt Matthias Burkhardt hatte deshalb auch keinen Freispruch, sondern eine Einstellung des Verfahrens wegen der Verjährung beantragt. Verteidiger Wolfgang Schwemmer setzte dagegen von Anfang auf Freispruch, weil eine Schuld seines Mandanten mit rechtsstaatlichen Mitteln nicht festzustellen sei.

Zuvor hatte am vierten Verhandlungstag die dritte Ehefrau des Mannes von einem ganz normalen Familienleben berichtet. Die Frau war von 1994 an über sieben Jahre lang mit dem Mann verheiratet und damit genau in der Zeit, in denen der Großteil der Übergriffe stattgefunden haben soll. "Ich habe in keinster Weise irgendetwas davon mitbekommen", so die Frau.

"Wenn ich etwas mitbekommen hätte, dann wäre er schon sehr viel früher hier gesessen", sagte die Ex-Frau. Als Kind sei sie selbst sexuell bedrängt worden, deshalb wäre sie bei geringsten Hinweisen sofort eingeschritten. Die Tochter sei zwar öfter bei ihnen zuhause gewesen, doch nicht gerade regelmäßig, widersprach die Frau der Aussage des Opfers.