Vielen ist es irgendwann mal aufgefallen: Das Schild mit der doppelten Namensgebung "Waaggasse - Judengasse bis 1845" am "Ratskeller"-Eck hat längere Zeit gefehlt. Beim Umbau der Gaststätte vor fast zwei Jahren war es spurlos verschwunden.

Die Stadt Kulmbach hat einen Ersatz in Auftrag gegeben. Gestern sind die neuen Schilder vom städtischen Bauhof im Beisein von Oberbürgermeister Ingo Lehmann (SPD), Pressesprecher Jonas Gleich und von Hermann Müller von der Kulturverwaltung angebracht worden.

Seit 1372 jüdischen Gemeinde

Das Schild erinnert an die frühe jüdische Gemeinde in Kulmbach, die sich entlang der Judengasse zum Fronfestentum erstreckt. Spätestens 1372 hat sie als die wohl früheste Gemeinde in der Markgrafschaft existiert, wie man aus einer Urkunde erfährt: Danach hat Burggraf Friedrich V. den Judenmeister Meier zum Landesrabbiner über die Judengemeinden Kulmbach, Bayreuth und Hof ernannt.

Die Gemeinde hatte eine "Judenschule" (Synagoge), auf deren Fundamenten nach der Zerstörung Kulmbachs 1553 das "Burggut" errichtet wurde. Auf dem "Platz davor, Judenplatz genannt, hat einst das markgräfliche Schöffengericht getagt, das bei Streitfällen zwischen Juden und Christen zusammengetreten ist.

Lebendiges Gemeindeleben

Die mittelalterliche Gemeinde Kulmbachs bestand allerdings nicht lange, spätestens in der Mitte des 15. Jahrhunderts wurde sie aufgelöst. Vorausgegangen waren Pogromwellen, bei denen die Israelis aus der Stadt getrieben oder abgeschlachtet wurden. Danach lebten nur noch einzelne Juden verstreut in der Stadt.

Erst 400 Jahre später, 1903, gab es einen neuen Anlauf: Eine neue jüdische Gemeinde wurde gegründet, die dem Distriktrabbinat von Burgkunstadt unterstand, jedoch ohne eigene Synagoge. Die etwa 30 Mitglieder, Geschäftsleute und Viehhändler, trafen sich in angemieteten Beträumen zum Gottesdienst. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde dieses lebendige Gemeindeleben zunichte gemacht.

Hätte das Schild gegenüber des Rathauses zu Beginn des neuen Jahres noch gefehlt, wäre es nicht nur ärgerlich, sondern auch peinlich gewesen. Denn 2021 soll bundesweit an 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland erinnert werden. 321 hatte der römische Kaiser Konstantin ein Dekret erlassen, das festlegte, dass Juden städtische Ämter in der Kurie, der Stadtverwaltung Kölns, bekleiden durften und sollten.

In Bayern lässt sich jüdisches Leben zwar urkundlich erst 906 nachweisen (Brückenzoll für jüdische Fernhandelskaufleute bei Regensburg), doch zweifellos haben Israelis weit früher in Bayern gelebt.

In dem anstehenden Jubiläumsjahres soll es keineswegs nur um Vorurteil und Hass, Verfolgung und Vernichtung gehen. Ziel ist es, das vielfältige jüdisches Leben in Vergangenheit und Gegenwart sichtbar zu machen und den großen Beitrag jüdischer Mitbürger für Entwicklung unseres Landes - in der Wissenschaft, der Kultur und der Religion - zu veranschaulichen.

Kulmbach macht mit

Die Stadt Kulmbach wird sich wie fast alle größeren Gemeinden an dem Gedenkjahr 2021 beteiligen. Oberbürgermeister Ingo Lehmann hat sich von Anfang an hinter die Aktion gestellt. Als die Stadt mit der wohl frühesten jüdischen Gemeinde in der Markgrafschaft sei Kulmbach prädestiniert, so sagt er. "Mit den Veranstaltungen soll aber auch ein Zeichen gesetzt werden für Vielfalt und Toleranz, gegen den immer mehr um sich greifenden Antisemitismus." Das genaue Programm sei wegen der Unsicherheiten beim weiteren Verlauf der Corona-Pandemie noch in der Schwebe.

Hermann Müller vom Kulturamt ist momentan zusammen mit der städtischen Volkshochschule dabei, Vorträge, Stadtführungen, Ausstellungen und Lesungen zu planen. Auch die Schulen, Kirchen, und Vereine werden angesprochen, sich einzubringen.