Für den Laien ist es kaum vorstellbar, dass schon vor Tausenden Jahren Menschen auf dem Görauer Anger gelebt haben. Auf der felsigen Jura-Hochfläche, die einer rauen Witterung ausgesetzt und nur schwer zu bewirtschaften ist.

Er liest im Boden

Timo Seregély hat da keine Zweifel. Mit Spaten und Kelle hat er in mühevoller Arbeit Flächen ausgegraben, Erdschichten freigelegt, die ihm einen Blick in die Vergangenheit gewähren. Der Archäologe liest im Boden wie aus einem Buch, hat auf der Hochfläche Pfostengruben entdeckt, die in der Vorzeit mit einfachsten Werkzeugen für Holzhäuser gegraben worden sind. "Das sind eindeutige Zeichen für eine ländliche Siedlung auf der Hochfläche", sagt Seregély, der von zehn auf fünf Meter großen Häusern spricht, die bis hin zur Hangkante standen.

Der 48-Jährige ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lehrstuhls für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie der Universität Bamberg, der zusammen mit der Bamberger Professur für Informationsverarbeitung in der Geoarchäologie und dem Lehrstuhl für Geografie der Uni Gießen die Siedlungs- und Landschaftsgeschichte während der Bronze- (2200 bis 800 vor Christus) und Eisenzeit (800 bis 450 vor Christus) erforscht. Seit 2015 wird von den Wissenschaftlern die Siedlungs- und Landschaftsgeschichte der Nördlichen Frankenalb genauestens unter die Lupe genommen. Seit März ist Seregély bei Görau am Graben, wird zeitweise durch Studenten unterstützt, die aufgrund der Corona-Pandemie nicht so in das Projekt integriert werden konnten wie ursprünglich geplant.

So musste der 48-Jährige zeitweise als Einzelkämpfer die Ausschachtungen vornehmen - nicht mit grobem Werkzeug, sondern behutsam mit Spaten, Kelle und Abzieher, wie es für Archäologen üblich ist. Dankbar ist er der Stadt Weismain, die vorab mit einem Bagger die oberste Schicht abgetragen hat, sowie den Landwirten aus Görau und Neudorf für ihr Entgegenkommen und ihre Hilfe.

Woher kam das Trinkwasser?

Anfang Juli zeigt sich am Anger ein weites Ausgrabungsfeld inmitten der mit ihren weißen Kalkfelsen beeindruckenden Hochebene. Die vielen Pfosten- und Vorratsgruben, die freigelegt worden sind, sind mit Planen bedeckt. Sie geben Aufschluss darüber, wie die Menschen auf der Hochfläche wohnten.

Waren es nur einzelne Gehöfte oder war es ein kleines Dorf, das hier früher stand? Eine Frage, der die Wissenschaftler ebenso nachgehen wie der Frage nach den Umständen, unter denen die Leute lebten. Woher haben sie beispielsweise ihr Trinkwasser bezogen? "Vermutlich haben sie es aus dem Tal geholt. Es gab Wasserträger", sagt Seregély. der bei Görau schon etliche Gebrauchsgegenstände entdeckt hat. So einen vollständig erhaltenen Tonkrug und Tassen aus der Bronzezeit. "Wenn man so was findet, ist das schon etwas Besonderes. Gerade für Studenten, wenn ihnen bewusst wird, dass sie etwas in den Händen halten, das zuletzt vor Tausenden Jahren ein Mensch gesehen hat."

War das Tal überschwemmt?

Über die ländliche Bevölkerung auf Hochflächen ist bis dato wenig bekannt. "Wir wollen neue Erkenntnisse gewinnen", sagt Seregély, der nach den Grabungen überzeugt ist, dass am Görauer Anger schon in der Bronzezeit über Hunderte von Jahren Menschen gelebt haben.

Feuersteinartefakte seien Hinweise darauf, dass sich zwischen 10 000 und 8000 vor Christus bereits Jäger und Sammler auf der Hochfläche aufhielten. Die erste richtige Ansiedlungsphase datiert er jedoch auf 1400 bis 1300 vor Christus. Warum die Leute überhaupt auf den Berg gezogen sind? "Darüber kann man spekulieren. Vielleicht hat es im Tal Überschwemmungen gegeben, und die Hochfläche war so leichter zu bewirtschaften."

Es wird wieder Ackerfläche

Die Erkenntnisse, die auf dem Görauer Anger gesammelt werden, werden dokumentiert. Danach wird das jetzt freigelegte Areal wieder Ackerfläche werden. Das Forschungsprojekt auf dem Jura macht übrigens deutlich, dass auch in der prähistorischen Forschung die Zeit drängt. Wenn auch in besonderem Maße. Die natürliche Erosion und die Bewirtschaftung der Flächen haben nämlich das Landschaftsbild seit Beginn der Siedlungstätigkeit stark verändert. Seregély: "Schon in wenigen Jahrzehnten werden die flacheren, in wenigen Jahrhunderten auch die tieferen Siedlungsstrukturen verschwunden sein."