Zu Schulzeiten hatte ich einen Lehrer, den ich sehr schätzte, weil er mir ausnehmend klug und belesen schien. (Jahre später habe ich ihn einmal interviewt. Da hat er ziemlich dummes Zeug erzählt. Aber das ist eine andere Geschichte.) Jener Lehrer gab mir einen Rat, der mir heute noch in schwierigen Situationen hilft.
Es ging damals um die Aufregung, die uns bisweilen befällt, wenn wir vor vielen Menschen reden müssen, zumal vor Menschen, die uns fremd sind oder die wir für gescheiter oder wichtiger halten als uns selbst. "Stellen Sie sich einfach vor", so sagte jener Lehrer, "diese Menschen säßen alle vor ihnen - mit nichts als langen, weißen Unterhosen und weißen Nachthemden am Leib."
In den Jahren danach habe ich viele Menschen getroffen. Solche, die klug und belesen sind und solche, die sich dafür halten.
Solche, die tatsächlich wichtig sind, und solche, die sich im Gefühl der eigenen Bedeutsamkeit sonnen. Manchmal sitzt dann so ein Herr Wichtig (Frauen der Sorte gibt's auch!) vor mir und versucht mich zu beeindrucken, indem er großartig aufspricht. Von den anderen Herren Wichtig, mit denen er auf Du und Du steht, und davon, dass er auch sonst in der ersten Liga spielt.
Dann denke ich an meinen alten Lehrer. Und plötzlich wird aus dem Herrn Wichtig ein Wicht in Unterhosen und Nachthemd, der alles in allem eine etwas lächerliche Figur macht. Meine Anspannung fällt von mir ab, die Aufregung ist weg. Das klappt. Immer.
Was ich allerdings immer noch nicht schaffe: meine Mimik im Zaum zu halten. Und so wundert sich bisweilen ein solcher Herr Wichtig, der gerade einmal zeigt, wie bedeutsam er ist: "Sie schmunzeln so merkwürdig.....?"