Über 13 Jahre war Henry Schramm Oberbürgermeister von Kulmbach. Vergangenes Jahr verlor der CSU-Mann das Amt in einer Stichwahl knapp gegen seinen Herausforderer Ingo Lehmann von der SPD. Heute bekleidet Schramm als Bezirkstagspräsident das höchste kommunale Amt in Oberfranken. Wir haben mit dem 60-Jährigen über die verlorene Wahl und die Lehren daraus, über seine Position in Bayreuth und über seine Pläne gesprochen.

Wie sehr schmerzt die verlorene Wahl noch?

Henry Schramm: Da mache ich aus meinem Herzen keine Mördergrube: Das tut natürlich weh und ist bitter. Vor allem die Art und Weise, wie das zustande gekommen ist. Ich habe als OB wirklich sieben Tage die Woche für Kulmbach gearbeitet, auf Urlaub verzichtet. Und wenn ich krank war, habe ich geschaut, dass ich so schnell wie möglich wieder an meinen Arbeitsplatz komme. Die Stadt hatte für mich immer oberste Prämisse, manchmal zum Nachteil meiner Familie.

Ohne mein Team um mich herum, hätte ich all das nicht schaffen können - da schließe ich neben der Verwaltung den Stadtrat mit ein. Aber auch meine Stellvertreter und Landrat Klaus Peter Söllner. Wir haben alle an einem Strick gezogen. Ich bin dankbar, dass vieles gelungen ist. Letztlich überwiegt das Gefühl der Freude und Dankbarkeit.

Nach einer anonymen Anzeige gab es vor der Wahl Ermittlungen gegen Sie.

Ich habe damals ein Haus gekauft, in dem meine Mutter schon acht Jahre gewohnt hat. Das Haus wurde mir angeboten, nachdem es die Stadt schon seit Jahren verkaufen wollte. Ich habe es unter der Voraussetzung erworben, dass es dafür einstimmige Entscheidungen gibt. Der Aufsichtsrat hat zweimal zugestimmt und auch der Stadtrat. Ich habe an diesen Abstimmungen und Beratungen nicht teilgenommen. Aber es kommt nicht darauf an, was man macht, sondern was daraus gemacht werden kann. Und sieben Jahre später kann man das bei der Situation auf dem Wohnungsmarkt, die sich durch die Uni grundlegend geändert hat, nur noch schwer erklären. Der Kauf war ein Fehler, obwohl er rechtlich einwandfrei war. Ich habe mich einem rechtsstaatlichen Verfahren unterzogen und bin entlastet worden. Mehr kann man nicht tun. Die Staatsanwaltschaft hat Freispruch im Vorverfahren erteilt. Andere Behörden haben geprüft und mich entlastet, ebenso die Rechtsaufsicht. Auch Gutachten kamen zu dem Schluss, dass alles in Ordnung ist, und der Stadtrat hat für Anschuldigungen eine Entlastung über Parteigrenzen hinweg ausgesprochen. Doch unabhängig davon würde ich nie mehr ein Geschäft mit der Stadt machen.

Hätten Sie sich die Folgen vorstellen können?

Überhaupt nicht. Vor allem, dass das nach sieben Jahren und fünf Wochen vor der Wahl aufkommt und nichts mit Wahlkampftaktik zu tun gehabt haben soll ... Wer das glaubt, der glaubt auch, dass die Erde eine Scheibe ist. Meine Zeit als Oberbürgermeister war ein toller und spannender Lebensabschnitt, auch wenn ich mir das Ende anders vorgestellt hatte und ich nicht gedacht hätte, das Rathaus durch einen Seitenausgang verlassen zu müssen.

Hat es falsche Freunde gegeben, die Sie nach der Wahl fallen gelassen haben?

Natürlich hat sich da die Spreu vom Weizen getrennt. Ich habe festgestellt, dass viele Leute, von denen man gemeint hat, freundschaftlich verbunden zu sein, das nur genutzt haben, um Eigeninteressen durchzusetzen. Was dagegen positiv war, ist der Umstand, dass sich Menschen gemeldet haben, von denen ich das nicht erwartet habe, die immer für mich ansprechbar waren. Dinge klären sich durch solche Ereignisse - und das war bei mir nicht anders.

Sie wurden zwar nicht als OB, aber in den Stadtrat gewählt. Haben Sie bereut, das Mandat abgelehnt zu haben?

Ich denke, das war die richtige Entscheidung. Der neue Oberbürgermeister und der neue Stadtrat sollen unbefangen ihre Sachen vorantreiben können. Wenn ich im Stadtrat sitzen würde, könnte ich nichts richtigmachen. Wenn ich mich geäußert hätte, wäre der Vorwurf gekommen, ich weiß alles besser. Wenn ich nichts gesagt hätte, hätte es geheißen, der unterstützt nicht. Und auch die persönliche Situation war damals so, dass es teilweise Hass war, der einem entgegengeschlagen ist. Das wollte ich mir und meiner Familie nicht antun.

Haben Sie sich in dieser Phase überhaupt noch wohl in Kulmbach gefühlt?

Das war das schlimmste Jahr meines Lebens. Kulmbach war mein Herz. Wenn man etwas liebt und dafür vieles aufgibt, dann schmerzt so eine Entwicklung ganz besonders. Aber Zeit heilt auch hier Wunden. Ich habe, als ich die Geschäfte übergeben habe, alles gezeigt was läuft. Ich habe auch angeboten, für Rückfragen jederzeit Auskunft zu geben und zu helfen. Das Angebot habe ich gemacht.

Verfolgen Sie noch das Geschehen in Kulmbach?

Ich wohne ja noch dort, meine Familie und Freunde sind in Kulmbach. Da kriegt man das eine oder andere mit oder bekommt es erzählt. Aber wenn möglich, äußere ich mich nicht mehr zur Stadtpolitik. Ich hatte meine Zeit, ich habe 13,5 wunderschöne Jahre für die Stadt arbeiten dürfen. In dieser Zeit hat sich vieles sehr positiv entwickelt. Mein beruflicher Lebenstraum war es, Kulmbach zur Unistadt zu machen. Aber wir haben auch vieles andere gut hinbekommen. Es wurden Gebäude saniert, Straßen hergerichtet, wir haben konsequent in unsere Schulen investiert. Die Flutmulde ist renaturiert worden, wir haben die Stadtwerke neu gebaut, das Rathaus hergerichtet, Behörden angesiedelt, in der Wolfskehle die Straße angehoben, das Spinnereigelände angepackt und vieles mehr. Alles in allem waren das tolle Jahre, in denen ich versucht habe, mein Bestes zu geben. Wir haben Höchstfördersätze bekommen, dreistellige Millionenbeträge nach Kulmbach geholt. Wenn jetzt die Uni entsteht, ist das wie der Sechser im Lotto für Kulmbach. Vielleicht verstehen das noch nicht alle, aber die Erkenntnis wird reifen in den nächsten Jahren, da bin ich mir sicher.

Kommen wir zu Ihrer Arbeit als Bezirkstagspräsident. Welche Aufgaben hat der Bezirk?

Der Bezirk hat die Aufgabe, sich um die Menschen zu kümmern, die nicht so viel Glück in ihrem Leben hatten. Wir haben 17 000 Hilfsempfänger in ganz Oberfranken. Wir betreiben psychiatrische Kliniken: die Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Forensik, die psychiatrischen Einrichtungen hier in Bayreuth. Zum Bezirk gehören unter anderem das Großklinikum in Kutzenberg, die Drogen- und Suchtklinik in Hochstadt-Marktzeuln, das Bezirkskrankenhaus in Rehau, die Markgrafenschule für sprach- und hörgeschädigte Kinder, die landwirtschaftlichen Lehranstalten und die Fischzucht in Aufseß. Als Bezirkstagspräsident war es damals dann auch noch etwas einfacher, Türen für Kulmbach zu öffnen. Das habe ich für die Stadt genutzt.

Viele Menschen wissen nicht, dass der Bezirk ein großer Arbeitgeber ist.

Wir haben circa 3000 Mitarbeiter im Bezirk und seinen angeschlossenen Unternehmen. Das weiß fast niemand. Wir beschäftigen uns mit Themenbereichen, mit denen viele Menschen wenig zu tun haben wollen: mit psychisch Kranken, mit behinderten Menschen, mit Straftätern, deren Taten aufgrund von psychischen Einschränkungen erfolgt sind. Das ist alles nicht so prickelnd. Etwas sehr Positives ist aber die Kultur. Wir fördern unglaublich viele Kulturstätten in Oberfranken - die Bamberger Symphoniker mit einer Million, die Hofer Symphoniker mit einer halben Million Euro. Was auch fast niemand weiß: In unseren landwirtschaftlichen Lehranstalten wird der ganze landwirtschaftliche Nachwuchs aus Oberfranken und der Oberpfalz weitergebildet. Wir bilden die Gärtner für ganz Nordbayern aus. Zu uns gehört das Haus Marteau, in dem junge Menschen - Musiker und Sänger aus der ganzen Welt - nach Lichtenberg kommen, um sich dort von Experten weiterbilden zu lassen.

Woher bekommt der Bezirk sein Geld?

Es gibt staatliche Zuweisungen, Geld von Krankenkassen, über die Bezirksumlage von Landkreisen und kreisfreien Städten. Der Bezirk gibt 420 Millionen Euro für soziale Leistungen und Sicherungen aus. Ich habe alle unsere Einrichtungen besucht und dabei festgestellt, dass vieles in die Jahre gekommen ist. Deshalb bin ich dankbar, dass der Bezirkstag mitgezogen hat und wir ein Investitionsprogramm von 540 Millionen Euro auf den Weg gebracht haben, um die Einrichtungen auf einen neuzeitlichen Standard zu bringen.

Eine letzte Frage - noch einmal zu Kulmbach: Können Sie sich eine erneute OB-Kandidatur vorstellen?

Ich bin leidenschaftlich Bezirkstagspräsident von Oberfranken und habe eine wunderbare und wichtige Aufgabe, nämlich Menschen, die weniger Glück im Leben hatten, zu helfen.