"Jeder Arzt hat wohl Angst davor, dass ihm bei der Leichenschau etwas durchgeht." Das sagte Anja Tischer, die die Vorsitzende des Hausarztvereins Kulmbach Stadt und Land ist. Anja Tischer kennt die Umstände des Todes der 92-jährigen Kulmbacherin nicht, bei der dem diensthabenden Arzt oder Hausarzt offenbar ein Fehler bei der Feststellung der Todesursache unterlaufen ist, und will den Fall an sich daher auch nicht bewerten.

"Müssen gründlich vorgehen"

Der Kriminalfall gebe den Medizinern aber Anlass, das eigene Vorgehen bei der Leichenschau zu hinterfragen: "Es zeigt uns, dass wir sehr gründlich vorgehen müssen." Vor Fehlern sei grundsätzlich niemand gefeit, sagt Tischer. "Fehler sollten aber eigentlich nicht passieren, denn wir wissen alle, wie eine Leichenschau durchzuführen ist." Es gebe klare Vorgaben ("Wir alle wissen, was gefordert ist"), doch könnten die äußeren Begleitumstände die Arbeit schon erschweren. Etwa die Lichtverhältnisse, die in einer Wohnung oft bei weitem nicht so gut seien wie die, die ein Mediziner vorfinde, der eine Leiche in einem Rechtsinstitut auf der Bahre unter die Lupe nehme. "Der findet eine Einstichstelle, die auf eine unnatürliche Todesursache hindeutet, natürlich viel leichter als wir", stellt die Hausärztesprecherin fest.

"Nicht immer leicht"

Für niedergelassene Ärzte sei es einfacher, die Situation einzuschätzen, wenn es sich um eigene Patienten handle. "Wenn ich zu Leuten komme, die ich nicht kenne, gehe ich persönlich immer so vor, dass ich den Leichnam komplett entkleide", berichtet Tischer, die in Thurnau in einer Gemeinschaftspraxis tätig ist.

Die Arbeit, die mit dem Ausstellen des Totenscheines verbunden ist, sei dabei wahrlich nicht immer leicht. Es gestalte sich etwa oft schwierig, eine Leiche zu drehen, wenn einem höchstens ein Helfer zur Seite stehe.

"Weitreichende Folgen"

Eine Bewertung vorzunehmen, sei nicht selten eine Herausforderung: "Wenn jemand am Boden liegt, kann der blaue Fleck ja von einem Sturz kommen, eventuell aber halt auch durch Gewaltanwendung verursacht worden sein", sagt Tischer. Könne die Todesursache nicht genau festgestellt werden, werde die Polizei hinzugezogen. "Und das kommt nicht selten vor."

"Dabei sind wir uns natürlich bewusst, dass es weitreichende Folgen hat, wenn wir im Totenschein eine ungeklärte Todesursache vermerken", sagt die Vorsitzende des Hausarztvereins und führt an: "Man verspielt sich damit eventuell ja auch das Vertrauen der Angehörigen, die glauben könnten, man unterstelle ihnen etwas."

Nicht gegen zweite Leichenschau

Würde in Bayern wie in allen anderen Bundesländern künftig auch eine zweite Leichenschau durchgeführt, würden sicherlich oftmals Fehler bei der Feststellung der Todesursache korrigiert. "Ich hätte damit überhaupt kein Problem, wenn es die Nach-Leichenschau auch bei uns gäbe", betont die Thurnauer Hausärztin, die natürlich weiß, dass es viel Studien gibt, die darlegen, wie fehlerhaft Totenscheine oft sind.