Die Wellen schlugen buchstäblich hoch in Trebgast, nachdem die BR vergangene Woche das mögliche Ausgasen von Kohlendioxid aus dem Untergrund des Badesees in Verbindung mit den drei jüngsten Todesfällen brachte. Diplom-Ingenieur und Landschaftsarchitekt Hermann Hugel (Ködnitz) hatte gemutmaßt, CO 2 aus der Tiefe des Gewässers könne eventuell mitursächlich sein für eine Bewusstlosigkeit oder Bewusstseinstrübung, die wiederum zu den tragischen Unfällen eines Vaters und seiner kleinen Tochter (2020) sowie einer jungen Studentin (2018) geführt hatten.

"Das wollten wir als Gemeinde so nicht stehenlassen, deswegen haben wir uns wissenschaftlichen Beistand geholt", sagt stellvertretender Bürgermeister Ingo Moos (SPD), der zusammen mit Thomas Hahn (Trebgaster Bürgergemeinschaft) die Initiative zu einem kurzfristigen Vor-Ort-Termin am Freitagnachmittag ergreift. Dabei schauen Bürgermeister Herwig Neumann (CSU) und weitere Gemeinderäte Martin Obst über die Schulter. Der Professor für experimentelle Biogeochemie an der Uni Bayreuth und sein Kollege Ben Gilfedder, Leiter der Limnologischen Forschungsstation der Hochschule, packen Messgeräte aus und nähern sich der Wasseroberfläche. In der Umgebungsluft messen beide die üblichen 420 parts per million (ppm), also 420 Anteile von CO 2 in einer Million Teilchen Luft. Und direkt über dem See? Der nahezu identische Wert.

Martin Obst überrascht das nicht. "Im Sommer ist so ein See sogar eine Netto-Senke für Kohlendioxid. Die Algen und Cyanobakterien im Wasser nehmen während der Photosynthese das Gas auf und bilden organischen Kohlenstoff, der dann zu Boden sinkt, aber eben nicht nach oben dringt. Und wenn Badesaison ist, also im Sommer, habe ich definitiv eine Sauerstoffproduktion im Gewässer."

"Das reicht niemals aus"

Deswegen entbehrten Behauptungen, Kohlendioxid komme hier in gefährlich hoher Konzentration vor, jeglicher Grundlage. "Bei nährstoffreichen Seen hat man eine Produktion von Biomasse im Millimeterbereich pro Jahr. Selbst in den knapp 50 Jahren seit Einweihung komme ich auf nicht mal fünf Zentimeter an Sediment, das sich seither angehäuft hat und das ausgasen könnte. Auch wenn sich alles organische Material im Untergrund abbauen würde, käme ich niemals auf CO 2 -Konzentrationen, die für den Menschen auch nur im Ansatz gefährlich würden."

Fünf Prozent wären nötig

Um zum Beispiel eine 20 Zentimeter dicke Schicht über dem Badesee mit einer bedrohlichen Konzentration zu erzeugen, würde man, so der Wissenschaftler, eine CO 2 -Ausgasung benötigen, "die in nur wenigen Stunden den organischen Kohlenstoff abbaut, der im gesamten Jahr überhaupt durch Cyanobakterien und Algen gebildet wird". Dieser sammle sich jedoch teilweise als Sediment an und werde so gebunden. Bei Kohlendioxid wären etwa fünf Prozent Anteil in der Luft nötig, um einen Erwachsenen bewusstlos zu machen - für gewöhnlich betrage der Anteil nicht einmal 0,05 Prozent. Martin Obst sei kein natürliches System bekannt, an dem auch nur annähernd diese Menge CO 2 vorherrsche. "Vielleicht noch in Höhlen, wo kein Luftaustausch stattfindet - aber ganz sicher nicht an einem offenen Gelände wie dem Badesee."

1975 öffnete der Badesee seine Pforten, jährlich werden um die 50000 Besucher gezählt, sagt Ingo Moos. In all der Zeit kamen etwa 20 Menschen zu Tode, darunter schieden womöglich einige freiwillig aus dem Leben. Herwig Neumann betont: "Wir als Gemeinde haben nach den tragischen Vorkommnissen 2020 in alle Richtungen gedacht, haben Methanblasen ausgeschlossen, Einflüsse von Mobilfunkstrahlung oder gefährlichen Wasserbewohnern. Das zu klären war uns wichtig, daher hat uns die neuerliche Diskussion verwundert, zumal wir regelmäßig Proben nehmen zur Wasserqualität etc., gerade weil wir unseren Gästen ein schönes und sicheres Badevergnügen bieten wollen."

Die Ursachen sind vielfältig

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) übrigens warnt in ihrem jährlichen Bericht vor Fahrlässigkeit beim Baden. Laut Erhebung ertranken bundesweit im Vor-Corona-Jahr 2019 rund 360 Menschen in Seen und Flüssen. Die Ursachen? Vielfältig: mangelnde Schwimmfähigkeit, schlechte Aufsicht, Alkoholkonsum, Selbstüberschätzung. Zusätzlich wiesen Seen vor allem zu Beginn der Badesaison oft unterschiedlich warme Wasserschichten auf. Kälteres Wasser besitzt eine größere Dichte und liegt so immer unter den warmen Schichten, ohne dass es dazwischen zu einem nennenswerten Austausch an Gasen oder Nährstoffen kommt. Bei einem Kopfsprung etwa könne die plötzliche Abkühlung fatale Folgen haben, von Krämpfen bis zum Herz-Kreislauf-Kollaps. Kohlendioxid als Unfallursache wird in dieser DLRG-Liste hingegen nicht aufgeführt.