So schön die Fraueninsel im Chiemsee auch ist - dort leben möchte Jörg Bedau nicht. Wegen der unzähligen Touristen, die Tag für Tag auf die Insel strömen. Wegen der aufwendigen Logistik, die das Inselleben mit sich bringt. Aber der Anblick der Insel, den der ehemalige Kulmbacher jeden Tag mehrfach genießen kann, ist einfach traumhaft schön. Jörg Bedau steuert als Kapitän das größte Ausflugsschiff, die MS Edeltraud, auf dem Chiemsee.

Bis zu 950 Besucher bringt der 50-Jährige pro Fahrt auf die Fraueninsel beziehungsweise auf die Herreninsel mit dem weltbekannten Schloss Herrenchiemsee. Zu seinen Fahrgästen zählten jüngst erst Ministerpräsident Markus Söder und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Aber auch Stars wie Udo Lindenberg, Ottfried Fischer, Kabarettist Helmut Schleich und der erst in diesem Jahr verstorbene Schauspieler Joseph Hannesschläger ("Die Rosenheim-Cops").

Der Kulmbacher Kapitän lebt bereits seit 2007 in Südbayern. Gelernt hat er Mechaniker bei der Firma Fiat Müller. "Als die zugemacht hat, wollte ich etwas anderes machen und habe mir dafür die schönste Gegend ausgesucht", erklärt er. Gesagt, getan. Anfangs arbeitete er noch als Automechaniker, ehe er 2009 bei der Chiemsee Schifffahrt anheuerte. "Die haben Mechaniker gesucht. Ich habe mich beworben", erzählt der 50-Jährige, der sich dann weiter hocharbeitete. Vom Matrosen zum Kassier und schließlich seit 2015 zum Kapitän.

Doch noch immer packt er tatkräftig an, wenn es etwas zu reparieren gibt. "Ich habe immer gerne geschraubt", sagt er. "Die Motoren sind jetzt einfach nur größer." Und dieses Verständnis der Mechanik ist in seinen Augen auch wichtig, um "ein so großes Gerät" wie die MS Edeltraud zu steuern.

Mehrere Fahrten

Bedau hat täglich mehrere Inselrundfahrten auf dem Chiemsee. "Vor Corona waren abends oft noch Partyfahrten oder Tanzveranstaltungen." Bootstrips unter einem bestimmten Motto (Jazz, Rock'n'Roll oder AC/DC) seien stets schnell ausgebucht gewesen. "Das kommt so gut an, das ist Wahnsinn", sagt er und räumt mit einem Schmunzeln ein, dass solche Trips selbst für den Kapitän meist eine Gaudi sind.

Ganz so locker geht es bei Fahrten mit hochrangigen Politikern aber nicht zu. "Söder ist aber immer recht gesprächig", erklärt der Ex-Kulmbacher, der den Ministerpräsidenten schon mehrfach an Bord hatte. "Frau Merkel war dagegen sehr kurz angebunden." Und etwas Besonderes gab es bei ihr zu beachten: "Auf dem Schiff ist man meistens per du. Denn auf See ist jeder gleich. Nur Frau Merkel haben wir mit ,Frau Bundeskanzlerin' ansprechen müssen."

Groß geschrieben werden bei solchen Gästen die Sicherheitsvorkehrungen. Die Besatzung wird überprüft, es wird genau festgelegt, wer das Schiff betreten darf. Taucher suchen Rumpf und Stege nach Bomben ab, Sprengstoffhunde schnüffeln oben. Dazu dann überall Polizei, die den Schutz der Politiker gewährenleisten soll.

So aufregend ist es aber nicht oft. Langeweile kommt bei Jörg Bedau trotzdem nie auf. "Jeden Tag habe ich ein anderes Publikum." Mit dem er die unterschiedlichsten Sachen schon erlebt hat: Von Reiseübelkeit über Kreislaufprobleme bis hin zu Bienenstichen hat er schon Notfalleinsätze verzeichnet. "Nur eine Geburt auf dem Schiff fehlt noch."

Etwas ruhiger geht es im Winter zu. Während im Sommer Zwölf-Stunden-Arbeitstage keine Seltenheit sind, so hat der Kapitän im Winter nur eine Vier-Tage-Woche. "Das ist eben ein Saison-Job", erklärt er.

Zu tun gibt es auch in der kalten Jahreszeit genug. "Wir sind alle Handwerker", sagt er mit Blick auf die Besatzung. Vom Schreiner über den Sanitär- und Heizungsbauer bis hin zum Elektriker und eben ihm als Mechaniker. "Ein Schiff ist wie ein Haus, es gibt immer etwas zu tun." Und alle packen in der eigenen Werft an, um im Winter die Schiffe wieder richtig flott zu machen. Denn so ein Ausflugsboot muss alle zwei Jahre einen Wasser-TÜV und alle fünf Jahre einen Trocken-TÜV durchlaufen.

Natürlich merkt der Ex-Kulmbacher die Corona-Auswirkungen. "Es kommen sehr viele Touristen. Die Schiffe sind voll. Es machen mehr Leute Heimaturlaub." An Bord herrscht Maskenpflicht - selbst auf dem Außendeck. Hier gibt es wie überall Uneinsichtige, die das nicht so ernst nehmen. "Die muss man bereden." Und wer dem nicht folgt? "Den setzen wir an der nächsten Haltestelle aus." Er habe zwar Verständnis, dass die Nase-Mund-Bedeckung gerade bei hohen Temperaturen kein Vergnügen sei, aber: "Polizei und Ordnungsamt fahren mit und kontrollieren."

Jörg Bedau, der in Wasserburg am Inn lebt (rund 25 Kilometer vom Chiemsee entfernt), hat immer noch Kontakt zur alten Heimat. "Mein Sandkastenspezi lebt noch in Kulmbach." Auch zum Bierfest komme er gerne. "Obwohl mir das alte Zelt besser gefallen hat." Zudem bekomme er noch viel Besuch aus Franken. Ob er bereut, Kulmbach verlassen zu haben. "Nein. Das Einzige, was ich vermisse, sind die Bratwürste. Ans Bier hier habe ich mich gewöhnt."