Auf der Orgel zu musizieren, ist für Dekanatskantor Christian Reitenspieß das Größte. Es ist nicht nur sein Beruf, sondern auch seine Leidenschaft. "Kein anderes Instrument hat so eine Bandbreite", schwärmt er. "Orgelklang kann ganz zart und leise schweben und einen Moment später mit voller Wucht das Gefühl vermitteln, dass er gleich die Kirchenfenster rausdrückt."

Einfach mal mutig sein!

Seine Begeisterung an andere weiterzugeben, das ist sein Ziel. Und er möchte dabei gerne auch Menschen im mittleren Alter, zum Beispiel nach Familienzeit, und älteren Semestern Mut machen, es mit dem Orgelspiel zu versuchen und Unterricht zu nehmen. "Das Alter spielt da keine Rolle." Vorteilhaft ist allerdings, wenn eine musikalische Vorbildung vorhanden ist, idealerweise Klavierkenntnisse. Wer sich unsicher ist, ob das etwas für ihn oder sie wäre - eine Probestunde ist jederzeit möglich.

Einer, der das Angebot mit Enthusiasmus angenommen hat, ist Sebastian Winkler. Musik ist im Leben des 19-Jährigen sehr wichtig: Wie bei vielen musikalischen Kindern begann seine Karriere mit Blockflöte in der Grundschule, später kamen Gitarre und Posaune dazu. All das hat ihm Spaß gemacht, doch eigentlich fühlte sich Sebastian mehr zu Klavier oder Orgel hingezogen. Bevor seine Eltern vor einem Jahr ihre neue Pfarrstelle in der Kulmbacher Petrikirchen-Gemeinde antraten, war Rothenburg ob der Tauber ihr Dienstort. Dort nahm Sebastian erste Orgelstunden. "Ich hab' gleich gemerkt: Das ist das Richtige für mich! Und jetzt in Kulmbach mache ich bei Christian Reitenspieß weiter."

Der 19-Jährige, der ab Herbst Technische Physik in Coburg studiert, ist noch Anfänger, aber er will dran bleiben. Was ihn an der Orgel begeistert? "Sie ist nicht nur ein Instrument, sondern eigentlich ein ganzes Orchester, das ich allein spielen kann. Man kann viel experimentieren, immer neu mischen."

Ein bisschen reizt Sebastian auch die Erhabenheit der Orgel: "Sie ist ein mächtiges Instrument. Das macht Eindruck." Und die Technik dahinter interessiert ihn. Deshalb hat er sogar ein Praktikum bei der Orgelbaufirma Friedrich gemacht. "Das hätte ich mir tatsächlich als Ausbildung vorstellen können."

Beruflich Orgel zu spielen, das wäre für Sebastian allerdings keine Option: "Ich möchte das als Hobby behalten. Aber nebenamtliche D- und C-Prüfungen und regelmäßige Dienste - das würde ich gerne machen."

Dass die Orgel für den Pfarrerssohn so interessant wurde, ist nicht allein auf die klangvolle Bereicherung von Gottesdiensten zurückzuführen. Sebastians Schlüsselerlebnis fand im Musikunterricht in der Schule statt. Dort hörte er die Filmmusik zu "Interstellar", einem Weltraumfilm mit einer mächtigen Musik-Kulisse von Hans Zimmer, der darin eine Kirchenorgel prominent einsetzt. "Das fand ich richtig genial!"

Die Orgel kann mehr

"Die Kirchenorgel gehört zum Gottesdienst und zum Glauben, aber sie kann auch noch viel mehr", sagt Christian Reitenspieß. Das will er mit seinem eigenen Spiel vermitteln und auch an seine Schüler weitergeben.

"Wir brauchen mehr Köpfe auf den Orgelbänken", sagt der 49-jährige Kirchenmusiker. Es gebe sie zwar noch, die Organisten, die jeden Sonntag und bei jeder Beerdigung zur Verfügung stehen, aber das wird nicht auf Dauer so bleiben. "Viele Berufe erfordern Arbeit am Wochenende, jeder möchte mal einen freien Sonntag. Da ist es gut, wenn mehrere sich die Orgeldienste teilen können."

Aktuell sind 49 Organisten im Dekanat im Einsatz. Das reicht gerade so, um alle Dienste abzudecken. Aber in den Ferienzeiten seien die Engpässe schon deutlich spürbar.

"Wir haben viele wunderschöne Orgeln in unseren Kirchen, in die viel Geld investiert wurde. Die sollen leben und gespielt werden." Eine Orgel ohne Spieler? Eine traurige Vorstellung für Christian Reitenspieß.

Dass ist auch für Rosemarie Groth aus Presseck ein schrecklicher Gedanke. Die 66-Jährige liebt Musik, hat in ihrer Jugend am Konservatorium in Siegburg eine solide Ausbildung bekommen, auch im Fach Orgel. Beruflich war sie viele Jahre Pianistin und Sängerin.

Rentnerin will's nochmal wissen

Nach 30 Jahren Pause wollte sie wieder einsteigen. "Ich habe in den letzten Jahren in Presseck und Reichenbach als Vertretung in den katholischen Gottesdiensten gespielt. Aber ich will es jetzt nochmal richtig ordentlich lernen und auch die D-Prüfung machen." Deshalb nehme sie nun Unterricht bei Wolfgang Trottmann.

Rosemarie Groth schwärmt für Orgelmusik, die Schönheit des Klangs im Kirchenraum. "Ich fühle mich dann Gott sehr nah, bin mit meiner Seele im Reinen. Und was auch nicht unwichtig ist: Ich kann etwas für die Gemeinde tun."

Auch katholische Kirche braucht Nachwuchs

Wolfgang Trottmann ist der hauptamtliche Kirchenmusiker der katholischen Kirche im Raum Kulmbach. Die Organisten-Situation ist vergleichbar mit der bei der evangelischen Kirche.

Als "mäßig gut" schätzt er aktuell die Versorgung mit Organisten ein. Will heißen: Es könnte besser sein! "Aktuell können wir noch in allen 15 Kirchen gewährleisten, dass an Sonn- und Feiertagen und zu Beerdigungen Organisten da sind. Aber es darf keiner mehr ausfallen."

Trottmann, seit 35 Jahren Organist an der Stadtpfarrkirche "Unsere Liebe Frau", bildet selbst Nachwuchs aus, ebenfalls in allen Altersgruppen. Und das nicht nur in Kulmbach, sondern auch in Bamberg und Forchheim. Ein Abiturient ist dabei, aber auch eine Rentnerin.

Was ist für ihn das Reizvolle am Orgelspiel? "Die Möglichkeiten an Farben und Klängen, in Einheit mit dem Raum. Das fasziniert mich bis heute."

Orgelspiel - auch finanziell ein attraktives Hobby

Unterricht Orgelunterricht wird von den Kirchen subventioniert. Die Schüler tragen nur einen Teil der Kosten: Knapp 20 Euro kosten 45 Minuten Unterricht bei Christian Reitenspieß. Die Katholiken schießen noch mehr zu: Für 50 Euro monatlich gibt es vier Mal Unterricht. Kontakt Interessierte melden sich bei Christian Reitenspieß, Kirchplatz 4, Telefon 09221/

83388, kirchenmusik.kulmbach@elkb.de Verdienst Wer nach der Ausbildung bereit ist, Organistendienste zu übernehmen, wird dafür auch bezahlt. Normale Gottesdienste werden mit 37 bis 43 Euro entlohnt, für Abendmahlsgottesdienste gibt es zwischen 44 und 52 Euro.

Nie zu spät, nie zu alt

Es war an meinem 50. Geburtstag. Das ist so ein Tag, der einen fast dazu zwingt zurückzublicken: Was ist gut gelaufen in deinem Leben? Was hast du geschafft? Bist du glücklich damit? Mir fiel spontan nichts ein, über das ich mich beklagen könnte. Passt alles.

Da war nur eine Kleinigkeit, ein Gedanke, der sich vorwitzig nach vorne drängelte: Du hättest gerne Querflöte gelernt! Stimmt, hätte ich gerne, aber es gab keine Gelegenheit für mich, Unterricht zu nehmen. Also habe ich es mit Blockflöten, Singen, Klavier und Geige versucht, sogar eine kurze Klarinetten-Episode war dabei.

Später hätte es freilich Mittel und Wege gegeben, den Jugendtraum zu erfüllen. Aber da war ich schon viel zu alt dafür.

Und dann an diesem Tag vor zweieinhalb Jahren stellte ich plötzlich genau das in Frage: Warum eigentlich sollte ich das nicht noch lernen können? Ich fange doch nicht bei Null an, sondern nur mit einem neuen Instrument.

Wenige Tage später besaß ich eine nagelneue Querflöte, fand eine Lehrerin und hänge mich seitdem voll rein. Nie war ich fleißiger.Und was soll ich sagen? Es macht unglaublich viel Freude!

Was ich Ihnen mit dieser Geschichte erzählen will? Trauen Sie sich, etwas Neues zu probieren, egal wie alt Sie sind! Sie können vermutlich viel mehr, als Sie denken. Vielleicht sogar bald in Ihrer Kirche die Orgel spielen...