Zwei Bücher hat Eckhard J. Schneider immer in der Aktentasche: die Bibel und das Betriebsverfassungsgesetz. Der 56-Jährige ist katholischer Theologe und der für die Region zuständige Betriebsseelsorger der Erzdiözese Bamberg.
Von Burn out und Mobbing bis hin zu Leiharbeitern und Werksverträgen: Eckhard Schneider, den alle unter seinem Spitznamen "Joey" kennen, treibt so einiges um. 800 Kilometer legt er in manchen Wochen zurück in seinem Zuständigkeitsbereich, zu dem die Landkreise Bayreuth, Coburg, Hof, Kronach und Kulmbach gehören. "Fünf Tage, fünf Landkreise", lautet seine Devise.

Das war so nicht unbedingt vorgezeichnet. Ursprünglich habe er, Sohn eines Lehrers aus Stockheim im Frankenwald, Kunst studieren wollen.
Wenn nach dem Abitur am Kronacher Gymnasium dann plötzlich die Theologie dazwischenkam, dann beschreibt Eckhard Schneider das heute als seine "Form der Rebellion". Für die Kirche habe er, der aus einem religiös geprägten Elternhaus stammt, sich schon immer interessiert, das politische und gesellschaftliche Engagement sei stärker dazugekommen und die (bildende) Kunst habe er weiter als Schwerpunkt angesehen. So etwa in seiner Seminararbeit über den russischen Maler Wassily Kandinsky oder bei Besuchen der Documenta in Kassel, wo er noch mit dem Aktionskünstler Joseph Beuys persönlich diskutieren konnte.

"Gott steht auf der Seite der Armen"

Das Ringen um Ästhetik, die Provokation, die Suche nach dem Glauben, das alles habe ihn umgetrieben, auch als er in den 1980er Jahren am Zaun von Wackersdorf stand. "Gott steht auf der Seite der Armen, der Bauern, der Umweltbewegung", lautete seine feste Überzeugung.
Die erste Stelle als Theologe war 1984 die eines Pastoralreferenten für die Jugendarbeit in Nordhalben. Danach wurde er zusammen mit zwei ehemaligen Kommilitonen ab September 1985 in Kulmbach St. Hedwig tätig. Das mit dem Priester hatte sich zwischenzeitlich erledigt, denn jeder der drei war inzwischen eine Beziehung eingegangen, beziehungsweise hatte sogar schon geheiratet.

Von da an war Eckhard Schneider als Pastoralreferent im gesamten Dekanat Kulmbach für die Arbeitswelt zuständig, eine Konstellation, die es damals nur noch in Bamberg und Nürnberg gab. Das Projekt lief überaus erfolgreich, so dass ab 1988 die Betriebsseelsorgestelle fest installiert wurde, zunächst nur für den Raum Kulmbach, ab 2005 für den nördlichen Teil der Bamberger Diözese. Für den Theologen ging es damit wieder zurück zu den Wurzeln nach Kronach, wo er seitdem sein Büro im Gebäude eines kleinen Klosters des Oblatenordens hat.

Die "Geh-Hin-Kirche"

Eckhard Schneider versteht seine Tätigkeit als "Geh-hin-Kirche". Drei Betriebsbesuche pro Woche sind keine Seltenheit. Betriebs- und Personalräte dienen dabei als "Türöffner", denn längst ist auch der Mann der Kirche nicht immer willkommen. "Der Respekt hat nachgelassen, gerade bei den Arbeitgebern", sagt er und berichtet von dem einen oder anderen Hausverbot. Der Grund: "Wir sitzen auf Seiten der kleinen Leute."
Ein noch größeres Problem habe er damit, wenn es in vielen Betrieben keinen Betriebsrat mehr gibt. "Wie sollen wir da an die Leute rankommen?"

Doch es gebe auch Positives zu berichten. Wenn etwa Erzbischof Ludwig Schick sich regelmäßig mit Gewerkschaftlern und Betriebsräten trifft, dann sei dies ein Riesenfortschritt, den vor 20 Jahren noch niemand für möglich gehalten hätte. Oder wenn die Erzdiözese seit fünf Jahren regelmäßig den Preis "Arbeit für Gerechtigkeit" verleiht und Eckhard Schneider selbst zu Betriebsratsversammlungen als Hauptredner eingeladen wird, dann stimme ihn das schon sehr zuversichtlich.

Aber es gibt auch die schlaflosen Nächte, etwa wenn wieder ein Betrieb der Textilindustrie schließt und abzusehen sei, dass viele Beschäftigten auf der Strecke bleiben werden. Meist treffe es diejenigen, die eh nicht viel verdienen, sagt der Seelsorger und denkt an manche Fabrikhalle, in der früher buntes Arbeitsleben herrschte, und die heute leer steht.

Auch wenn Eckhard Schneider sich vorgenommen hat, in den kommenden zehn Jahren noch einmal so richtig durchzustarten - seine Gedanken hat er bereits an die nächste Generation weitergegeben. Die älteste Tochter ist im Schuldienst tätig und unterrichtet unter anderem Religion, die jüngere Tochter war als Missionarin in Uganda und studiert derzeit Jura mit Schwerpunkt Arbeitsrecht, und Sohn Johannes möchte nach Abitur und Schreinerlehre ebenfalls ein Theologiestudium beginnen.

Neben der Kunst frönt Eckhard Schneider noch zwei weiteren Leidenschaften, die zumindest auf den ersten Blick nicht so recht in das Bild des engagierten Seelsorgers passen möchten. Bis zum 50 Lebensjahr war er als Fußballer für seinen Verein, dem FC Stockkeim aktiv, zuletzt bei den alten Herren, daneben ist er auch leidenschaftlicher Jäger und stellvertretender Vorsitzender der Kronacher Jägerschaft. Auf dem Hochsitz kämen ihm oft die besten Gedanken - beispielsweise für die Illustration von Gedichtbänden oder Weihnachtskarten.