Die Tettauer sehen ihn jeden Tag, diesen Industriekoloss, oder zumindest einen Schornstein davon. In unmittelbarer Nähe wurde vor wenigen Wochen eine Gedenktafel anlässlich des 250. Geburtstags von Alexander von Humboldt enthüllt. Was würde dieser wohl sagen, wenn er jetzt die alte Porzellanfabrik sehen würde? Der einstige Spitzenbeamte des preußisches Hofes trug im Jahre 1793 maßgeblich zur Gründung dieser Porzellanmanufaktur bei, die als "Königlich Privilegierte Porzellanfabrik" berühmt wurde und einst gar den Kreml mit Porzellan belieferte. Er war sozusagen der Geburtshelfer.

Eigentlich hätte daher der 250. Geburtstag von Alexander Humboldt ein großes Jahr in der Geschichte des Marktes Tettau werden können. Jetzt aber wird in die Historie eingehen, dass 2019 das königliche Porzellanwerk geschlossen wurde. Übrig geblieben ist ein Gebäude, das den Tettauern und auch dem Gemeinderat mit Bürgermeister Peter Ebertsch Kopfzerbrechen bereitet. Denn was macht eine Gemeinde mit so einer Fabrik, deren Besitzer sie zwar nicht ist - aber trotzdem nicht umhin kommt, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen?

Dass dies ein Problem ist, wurde vergangener Woche bei der Gemeinderatssitzung deutlich. Eigentlich war Stillschweigen zwischen den Beteiligten vereinbart worden. Dann aber war es ein Thema in der Kirbesrede. Deshalb gab es in der Sitzung eine Anfrage aus dem Gremium an Peter Ebertsch nach den Gerüchten. Demnach hätte dieser die Ansiedlung von rund 100 hochqualifizierten Arbeitsplätzen verhindert. Der Bürgermeister wies diese Anschuldigungen aufs Schärfste zurück.

Vorleistung erwartet

Das Konzept, so erklärte Gemeinderat Michael Müller (BfT), hörte sich schon gut an. Demnach fragte ein ehemaliger Tettauer im Namen seines Arbeitgebers an, ob diese sich in den Räumen der ehemaligen Königlichen Porzellanfabrik einmieten könnten. Die Gemeinde sollte allerdings vorher in Vorleistung gehen, das Gebäude vom Eigentümer Seltmann Weiden erwerben und sanieren. Bei dem Arbeitgeber des ehemaligen Tettauer Bürgers handelt es sich um ein vorwiegend im Rüstungsbereich tätiges System- und Softwarehaus, das komplexe, sicherheitsrelevante Elektronik und IT-Systeme für Militär, Behörden und Unternehmen entwickelt.

Dies bestätigte auch Hubert Russ (SPD). Er weist darauf hin, dass München aus allen Nähten platzt, die Mieten und die Löhne seien hoch. Die Gemeinde Tettau hielt der Interessent schon wegen der Nähe zu den Hochschulen in Coburg und Ilmenau für interessant. Durch Zusammenarbeit und Kooperationen könnten Nachwuchskräfte für die hochqualifizierten Jobs gewonnen werden - das war der Gedanke. Sicherlich sei es dann bei den Details zu Ungereimheiten gekommen, aber eventuell hätte man am Ball bleiben sollen.

Er wäre der Letzte gewesen, der ein derartiges Angebot nicht angenommen und unterstützt hätte, so Ebertsch. "Wir haben alle Hebel in Bewegung gesetzt!" Er spricht von Gesprächen mit verschiedenen Behörden und Fördergebern. Aber da war zu vieles, was unschlüssig war. Beispielsweise war ursprünglich von 40 Euro/qm die Rede, zum Schluss lag man bei vier Euro.

Millionenschweres Projekt

Er wies darauf hin, dass für das Projekt im Rahmen der städtebaulichen Entwicklung eine Machbarkeitsstudie angefertigt wurde. So wie es jetzt aussieht, will die Gemeinde diese Immobilie nicht kaufen, selbst für einen Euro nicht. Denn schon ein Abriss würde dem Gutachten zufolge zehn Millionen Euro kosten. Hinzu kommen die Altlasten, keiner wisse wie der Boden mit Schadstoffen behaftet sei, erklärt Ebertsch. Da könnten noch mal siebenstellige Summen auf die Gemeinde zukommen. Denn, sobald die Kommune Eigentümer wäre, stünde sie in der Haftung. "Wir müssen mit Steuergeldern sorgsam umgehen!" Und: "Wir werden den Ort nicht ins Verderben stürzen!", sagte er.

Was den interessierten Unternehmer der Immobilien betrifft, so hat der Bürgermeister auch seine Zweifel. Es sei nichts im Detail besprochen worden, eine Stellenausschreibung gab es auch nicht. "Es gab nicht einmal eine Absichtserklärung!"

Peter Ebertsch weiß, dass die einstige Vorzeigefabrik die Gemeinde in den nächsten Jahren beschäftigen wird. Die Förderprogramme sind zeitlich begrenzt, so Ebertsch. Und was die Schaffung von Wohnraum betrifft? Das sei nicht drin, schon wegen der möglichen Altlasten, so der Bürgermeister.

Zum Schluss war nur noch etwas mehr als ein Dutzend Mitarbeiter bei der Königlichen Porzellanfabrik beschäftigt. Es gab Zeiten, da waren es 50 Mal so viele. Seit rund 60 Jahren gehört die Königliche zur Seltmann Weiden Gruppe. Porzellan wird aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr hergestellt werden, und auch die Firma aus München wird nicht kommen. Denn, so Bürgermeister Ebertsch am Mittwoch bei einem Telefonat: Er habe einen Brief erhalten, in dem von einer Standortsuche im Markt Tettau abgesehen wird. Der Geschäftsführer des Unternehmens bedankt sich für die Mühen. Leider gab es keine Stellungnahme des ehemaligen Tettauer Bürgers, Vermittlers und Mitarbeiters der interessierten Firma, denn dieser war nicht erreichbar.