"Sexuelle Diskriminierung in Russland" steht in großen Buchstaben auf dem Plakat, das von Sophia, Pauline und Benedict auf einer Stellwand angebracht wird. Es ist anschaulich gestaltet mit drei Hingucker-Bildern. Eine Karikatur zeigt gefesselte, kniende Frauen mit Sturmhauben auf dem Kopf - gemeint ist die Moskauer Punkrock-Band "Pussy Riot", die von einer Polizistin aufgefordert werden: "Und jetzt bedankt euch beim Onkel Putin für die drei Jahre Umschulung zur Blaskapelle."

Eine andere reale Aufnahme zeigt, wie eine junge Demonstrantin von Polizisten mit Gewalt in Gewahrsam genommen wird. Schließlich sieht man auch noch einen jungen Mann, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Do not look at me! Russian law says it will make you gay" trägt - auf Deutsch: "Schau mich nicht an, weil du dadurch - so sagt es das russische Gesetz - homosexuell wirst." Um das Plakat ist ein rot-weißes Absperrband angebracht.

Diese und weitere Stellwände
rund um die Thematik Menschenrechtsverletzungen mit aktuellem Bezug sind derzeit im dritten Obergeschoss des Kaspar-Zeuß-Gymnasiums zu sehen. "Das Thema Menschenrechte ist im Lehrplan verankert. Die Ausstellung sollte keine Menschenrechtsverletzungen aus der Vergangenheit wie beispielsweise zur NS-Zeit aufzeigen, sondern ganz aktuelle aus der Gegenwart.

Noch immer wird gegen Menschenrechte verstoßen und zwar keineswegs nur - wie viele vielleicht denken - in den Einwicklungsländern, sondern auch in Europa und auch in Deutschland. Das wollten wir aufzeigen", sagt Sozialkundelehrerin Franziska Gröger, die mit ihrem Sozialkundekurs der elften Jahrgangsstufe 11SK5 die Ausstellung initiiert hat.

Zehn Plakate

Jeweils zu zweit erstellten die 20 Schüler ein Plakat, so dass zehn Plakate zu zehn unterschiedlichen Themen zu sehen sind. Die Ausstellung bleibt bis Ende des Schuljahres stehen.

"Der Zeitaufwand war enorm - sechs bis sieben Schulstunden und viele weitere zu Hause", erklärt Gröger, die das Engagement und den Einsatz der Schüler würdigt. Den jungen Leuten sei es sicherlich nicht nur darum gegangen, eine gute Note zu bekommen. Vielmehr habe sie im Kurs echtes Interesse an der Thematik gespürt und auch daran, dieses einmal ganz neu umzusetzen. Damit sei das Ziel des Projekts, Interesse bei den jungen Leuten zu wecken und sie nachdenklich zu machen, voll aufgegangen.

"Sexuelle Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht - ob schwul, lesbisch oder hetero: Jeder muss das Recht haben, frei über sein Sexualleben zu entscheiden. Doch noch immer werden weltweit Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt. In zahlreichen Staaten werden Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle misshandelt, inhaftiert oder ermordet, fast überall müssen sie mit Diskriminierung und Übergriffen rechnen."

So haben es Sophia Rubel und Pauline Wittig auf ihrem Plakat niedergeschrieben. Beide zeigen sich erstaunt und bestürzt darüber, wie oft noch immer gegen Menschenrechte verstoßen wird. "Wir haben uns für dieses Thema entschieden, weil es sehr aktuell ist - gerade was Putin angeht", erzählt Pauline. Sich näher damit zu beschäftigen und mehr darüber zu erfahren, sei "ziemlich krass" gewesen. Es sei wichtig, darauf aufmerksam zu machen, damit möglichst viele darüber nachdächten.

Dem kann sich Sophia Rubel aus Neukenroth nur anschließen. Auf ihrem Plakat fordern sie daher: "Die sexuelle Orientierung ist ein wesentlicher Aspekt der menschlichen Persönlichkeit. Das Recht, diese Identität selbst zu bestimmen und sich offen und frei dazu zu bekennen, ist deshalb ein Kern des Menschenrechtsgedankens."
Amnesty International betrachte Menschen, die allein wegen ihrer sexuellen Orientierung inhaftiert sind, als gewaltlose politische Gefangene und fordere ihre sofortige und bedingungslose Freilassung.

"Die ersten Worte, die ich auf Deutsch gelernt habe, waren "Komm her" und "Wie viel?", sagt eine 15-jährige Zwangsprostituierte aus Nigeria, und senkt die Augen". Das steht auf dem Plakat von Benedict Behner, das er mit einem weiteren Kursteilnehmer erstellt hat. "Ich finde das Projekt und die Thematik sehr interessant und aktuell", sagt Benedict. Für das graphisch sehr auffallende Plakat haben sie eine nicht minder auffallende - ebenso doppeldeutige wie provozierende - Überschrift gewählt: "Rein, raus? Sag nein zur Zwangsprostitution".

Zwangsprostitution sei eine schwere Menschenrechtsverletzung. Sie haben dieses Thema ausgewählt, da es Zwangsprostitution auch in Deutschland gebe. "Man sollte nicht die Augen davor verschließen, dass das auch in unserem Land passiert, sondern darüber nachdenken", appelliert der Ziegelerdener.

Stellvertretender KZG-Schulleiter Günther Helmreich zeigte sich bereits beim Aufbau der Ausstellung sehr beeindruckt von der Umsetzung. Er begrüßte es sehr, dass sich Schüler dieser Thematik annehmen. "Viele von uns erachten die Menschenrechte als selbstverständlich", zeigt er sich sicher. Dem sei aber nicht so. Menschenrechtsverletzungen gebe es nach wie vor keineswegs nur in anderen Ländern, sondern auch in Deutschland. Jüngstes Beispiel sei der NSA-Abhörskandal, der eine Verletzung des Rechts auf Privatsphäre darstelle.